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29.03.2006 - Kultur&Medien / Ausstellung
Biennale: Ruinen-Romantik aus der Zeitkapsel
VON ALMUTH SPIEGLER
Vierte Berlin Biennale. Sich schick in dunklem Unbewussten suhlen macht noch nicht die beste Schau des Jahres.

Verloren herumtorkelnde Alkoholi ker, von Gilliam Wearing mitleidlos vor weißen Galeriewänden gefilmt. Blinde Kinder, deren zögernde Hände in einem von Felix Gmelin ausgegrabenen schwedischen Aufklärungsfilm von 1970 bis in die intimsten Ein- und Ausstülpungen eines nackten Paares geführt werden. Aïda Ruilova, die sich für ihre Hommage an Horror-Porno-Filmer Jean Rollin fast zur Nekrophilie an seiner gemimten Leiche hinreißen lässt. Ein von Reynolds und Jolley angezündetes Haus, was seine ebenfalls mehr und mehr brennenden Bewohner jedoch nicht weiter zu stören scheint. Und zu all dem spielt Martin Creed noch ungezogen mit dem Lichtschalter - aus, ein, aus, ein, aus . . .

Die vierte "Berlin Biennale" schwelgt in einer Atmosphäre aus Unergründlichem und Düsterem, modelliert aus 130 Werken der letzten 30 Jahre ein kafkaeskes Schaudermonument, dessen Tristesse sich wohlig über genussvoll Trauer tragende Gemüter zu ziehen vermag. Was wie Geisterbahn für Intellektuelle klingt, wird aber durch heftig poetische Ausritte gebrochen und vermag gerade die Wahrnehmung angereister Nicht-Berliner durch ungewöhnliche Ortseindrücke nachhaltig zu unterwandern.

Nach einer wenig glücklichen Geschichte geprägt vom Mangel an Geld und Organisation hat sich diese Veranstaltung seit ihrem gelungenen Auftakt 1998 international nicht etablieren können. Dieses Schattendasein wurde in diesem Jahr allerdings durch zwei Faktoren gründlich ausgeleuchtet: Erstens steht die deutsche "Kulturstiftung des Bundes" ab heuer mit jeweils 2,5 Millionen Euro als verlässlicher Sponsor parat. Und zweitens wurde mit der Ausführung geschickt ein bekannt subversives Dreierteam beauftragt, das seit 2002 die Anti-Galerie "Wrong" betreibt - ein einst in New York, jetzt in der Tate Modern lokalisierter, nur aus Türeingang bestehender Minimal-Projektraum. Eineinhalb Jahre sollen der italienische Grotesken-Künstler Maurizio Cattelan, der Mailänder Kurator Massimiliano Gioni und US-Kritikerin Ali Subotnick hunderte Ateliers besucht haben - der Gang in die marktbeherrschenden Galerien hätte dem Ergebnis nach auch gereicht. Jedenfalls bereiteten sie ihre doch recht eigene, durchaus restriktive Sicht auf die aktuelle Kunstwelt vor.

Der Umstand, dass alle drei nicht ortskundig waren, bescherte der Biennale wohl auch sein spektakuläres, das Berliner Ruinen-Romantik-Klischee bedienende Setting: Bespielt wird nicht wie 2004 der Martin-Gropius-Bau, sondern die gesamte Auguststraße, Keimzelle der neuen Berliner Galerienszene: Der Parcours umfasst u. a. Wohnungen, Baucontainer, einen Friedhof, eine Kirche, die "Kunst Werke" - vor allem aber eine ehemalige jüdische Mädchenschule, die in ihrer DDR-Funktion als Gesamtschule seit 1996 geschlossen war.

Der ungemein besprayte, abblätternde, sprich mit trostlosen Spuren aufgeladene Ort verdeutlicht eindringlich die Geschichte der Auguststraße - im 18. Jahrhundert die Straße der Armen Sünder genannt, vor den Nazis Zentrum des jüdischen Lebens. Eine echte, noch zu öffnende "Zeitkapsel", wie die Kuratoren überhaupt ihr nach Steinbecks Depressionsroman "Von Mäusen und Menschen" betiteltes Gesamtkonzept verstanden haben wollen.

Trotzdem läuft hier einiges schief - interessanterweise wird durch die Auswahl die neue oft durch die ältere Kunst sabotiert. Cattelans naturalistische Puppen - Kinder, die von Bäumen baumeln, oder der Papst, von einem Meteoriten getroffen - sehen etwa recht alt aus im Vergleich zu denen des 1990 gestorbenen Theatermachers Tadeusz Kantor. Das Kuratoren-Team jedoch macht sich durch den betonten Rückzug auf die Subjektivität und die enge Themenstellung - unüblich für die generalistische Form einer Biennale - schwer angreifbar.

So konnte diese Schau zwar nicht, wie im Vorfeld gemunkelt, zur "Ausstellung des Jahres" werden. Aber immerhin gelang ein starkes Statement gegen die grassierende Hochglanz-Event-Kunst: Gewählt wurde von den Künstlern oft Untypisches, vor allem aber viele Zeichnungen, Kleinformate, Videos. Mit einigen Zugeständnissen allerdings wie Paul McCarthys mit Türen und Wänden knallendem "Bang-Bang-Raum". Oder Robert Kusmirowskis im Zusammenhang mit der jüdischen Mädchenschule noch plattere Eisenbahnwaggon-Attrappe.

Wer aber in der Auguststraße im opulenten alten Ballsaal mit seinen monumentalen schäbigen Spiegeln steht und das einsame Paar beobachtet, das sich hier auf Tino Sehgals Anweisungen still in sich versunken küsst und küsst und küsst - der kann vieles vergessen.

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