Der Tod des Theatermachers hinterlässt
Planungs-Ruinen
Schlingensiefs Erbe
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Schlingensief plante in Burkina Faso ein Operndorf. Foto: dpa/Laberenz
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Von Edwin
Baumgartner
Schlingensief hatte an seinen Plänen beharrlich weitergearbeitet,
auch als er bereits wusste, dass sein Leben demnächst zu Ende gehen
würde. Er konnte jedoch nur die Fundamente legen. Doch wie sollen die
Projekte ohne den Feuergeist, der sie am Leben hielt, weitergeführt
werden?
Da ist zum Beispiel das sogenannte Operndorf in Burkina Faso, das
alles andere werden sollte als ein "Dorf". Schlingensief plante es als
flutsicheren Komplex, der neben dem Festspielhaus eine Schule und eine
Krankenstation hätte umfassen sollen. Als Schlingensief an die Planung
ging, wurde er vom deutschen Außenminister Frank-Walter Steinmeier
unterstützt. Der nunmehr amtierende Außenminister, der FDP-Politiker
Guido Westerwelle, hat das Bekenntnis seines sozialdemokratischen
Amtsvorgängers zumindest bisher noch nicht erneuert.
Operndorf-Mäzene gesucht
Das Operndorf droht damit nicht nur in ein Finanzierungsdebakel zu
schlittern: Ein derartiges Projekt ist auch ohne Mithilfe der Politik
nicht realisierbar. Derzeit wird im Internet dazu aufgerufen, man möge
Mäzen des Operndorfs werden. Schon mit einem Betrag von 50 Euro kann ein
Baumodul gekauft werden. Auch ein Postkartenbuch mit Ansichten aus
Burkina Faso wird demnächst aufgelegt, 35 Euro soll es kosten. Ob die so
eingenommenen Beträge zur Finanzierung des Projekts ausreichen werden,
ist mehr als zweifelhaft.
Fraglich auch, was 2011 mit dem deutschen Pavillon auf der Biennale
in Venedig sein wird. Susanne Gaensheimer, Direktorin des Museums für
Moderne Kunst in Frankfurt und Kuratorin des deutschen Venedig-Beitrags,
hatte Schlingensief berufen, obwohl sie von seinem Krebsleiden wusste.
Dennoch hat sie, eigener Aussage zufolge, keinen "Plan B" entwickelt.
Gaensheimer ist davon überzeugt, Schlingensiefs Konzept realisieren zu
können. Die Frage sei eher, ob es auch mit Leben erfüllbar sei: "Wir
brauchen ja wenn nicht seine physische Präsenz, so doch Christoph
Schlingensiefs Geist", sagte Gaensheimer unlängst und hofft, im Gespräch
mit Schlingensiefs Witwe und Mitarbeiterin Aino Laberenz die offenen
Fragen zu klären.
Auch die Berliner Staatsoper hält den Atem an: Am 3. Oktober soll die
Oper "Metanoia" von Jens Joneleit uraufgeführt werden, Regie: Christoph
Schlingensief. Die Aufführungen sind längst ausverkauft. Man sucht eine
Lösung, die beides sein soll: pietätvoll und künstlerisch vertretbar.
Dass eines der Projekte abgebrochen werden könnte oder müsste, hat
vorerst noch niemand angedacht. Allerdings ist jeder Tag, der
verstreicht, ohne dass eine Entscheidung gefällt wird, verlorene Zeit.
Nicht zuletzt hat Christoph Schlingensief das auf tragische Weise
erkennen müssen.
Printausgabe vom Mittwoch, 01.
September 2010
Online seit: Dienstag, 31. August 2010 19:49:14
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