Salzburger Nachrichten am 15. Februar 2006 - Bereich: Kultur
Der Zwang zur Kunst

Das Gesetz zur Förderung von "Kunst am Bau" in Salzburg wird zahnlos. Das prominenteste, derzeit strittige Projekt ist das neue Kleine Festspielhaus. ERNST P. STROBL

Ernst P. Strobl SALZBURG (SN). Die "Kunst am Bau" in Salzburg steht vor einer ungewissen Zukunft. Es gibt zwar ein Kulturförderungsgesetz, und eigentlich sollten für jedes öffentliche Bauwerk frühzeitig Kunstwerke öffentlich ausgeschrieben und in Auftrag gegeben werden. Dafür ist per Landesgesetz sogar ein Mindestwert vorgegeben: zwei Prozent der Bausumme sollten für "Kunst am Bau" reserviert sein. Doch für die derzeit prominenteste Baustelle, das neue Kleine Festspielhaus, gilt diese Regelung nicht.

Gibt es hier eine Gesetzeslücke? De facto wird der Bau zwar großteils mit Steuergeld bezahlt, de jure ist der Bauherr nicht eine Gebietskörperschaft, sondern eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung. Heinrich Pölsler ist Chef dieser Errichtungsgesellschaft des Festspielhauses, doch zugleich ist er jener Landesbeamter, der für "Kunst am Bau" zuständig ist. Zwei Herzen schlagen also gleichsam in seiner Brust. Seit langem werde eine Gesetzesänderung angestrebt, weil das Gesetz "immer mehr wegbricht", bestätigt Pölsler.

Nicht die prozentuelle Beteiligung der Körperschaften an der Errichtungsgesellschaft, sondern die finanzielle Größe eines Bauprojekts sollte ausschlaggebend sein. Im Auftrag von LH-Stv. Kulturlandesrat Othmar Raus (SPÖ) wird derzeit über der Errichtung eines Fonds nachgedacht. Dieser könnte mit einem ähnlich hohen Betrag dotiert werden wie sich derzeit aus der Zwei-Prozent-Klausel ergibt. Und statt - wie derzeit - Geld für Kunst an jedem einzelnen Kreisverkehr zu verwenden, könnte Budget für große Projekte gebündelt werden.

Das Kleine Festspielhaus wird dennoch nicht ohne Kunst auskommen. Dessen Architekt Wilhelm Holzbauer erwähnt im SN-Gespräch als herausragendes Beispiel den Auftrag an den Salzburger Bildhauer Josef Zenzmair für drei Reliefs über den Eingangstüren und die Türblätter. "Eine "bedeutende Sache", sagt Holzbauer. Für die Gestaltung des Eingangs vor dem Faistauer-Foyer, dem so genannten "Brunnen-Foyer", wurden vorderhand drei Künstler eingeladen, sich Gedanken zu machen. Geld dafür gibt es vorerst noch keines. Das muss die Festspielpräsidentin erst je nach Bedarf "sammeln". Als künstlerischer Berater der Festspielpräsidentin Helga Rabl-Stadler ist übrigens Peter Baum, ehemals Leiter des Linzer Kunstmuseums Lentos, aktiv.

Auf der "Goldenen Wand" im Konzept von Holzbauer und Valentiny, also der im Stiegenhaus sichtbaren Rückwand der Zuschauertribüne, soll der für die Firma Swarovski tätige Lichtkünstler Michael Hammers funkelndes Leuchten erzeugen. Demnächst werden die Modelle begutachtet, das Tiroler Unternehmen steigt damit als Kunstsponsor bei den Salzburger Festspielen ein. "Das könnten wir uns sonst niemals leisten", sagt Festspielpräsidentin Helga Rabl-Stadler.

Architekt Wilhelm Holzbauer ist nicht unzufrieden, dass man nicht öffentliche Ausschreibungen und Wettbewerbe machen muss. Da würden sich ohnehin nicht Künstler melden, die man haben wolle, sagt Holzbauer. Ihm sei es lieber, gezielt Künstler auszusuchen, die ins Gesamtkonzept passten.

In der Salzburger Kunstszene ist man mit dem freien, "gesetzlosen" Umgang mit der "Kunst am Bau" nicht zufrieden. Jüngstes Beispiel war der Rücktritt von Rainer Iglar, der den Vorsitz des vom Land Salzburg bestellten Fachausschusses niederlegte. Das war im November des Vorjahres, und seitdem ist noch nicht einmal eine konstituierende Sitzung einberufen worden. Auch das sei ein Indiz, dass der politische Wille fehle, etwas für "Kunst am Bau" zu tun, sagt Iglar.

Weniger leise als Iglar trat vor zwei Monaten Jürg Stenzl als Vorsitzender des Landeskulturbeirats zurück. Auch er ortete Desinteresse seitens der Kulturpolitik an Anliegen der Kulturschaffenden.