



Eine Darstellunge von Otto Neurath aus "Gesellschaft und Wirtschaft, Bildstatistisches Elementarwerk", Leipzig 1930.

Einen Koloss nannten ihn Zeitgenossen, aber keinen sanften Riesen. Barsch soll der Mann seine Gedanken mitunter ausgebreitet haben. Wenngleich mit der zwingenden Logik des Philosophen und Ökonomen - hinter dessen rigoroser Art schnell der sensible Menschenfreund spürbar wurde.
Dass die Optik mitunter täuscht, war Otto Neurath, dem politisch Motivierten, freilich auch aus anderen Gründen ein Anliegen. Auch heute, viele Jahrzehnte nach dem Tod im Oxforder Exil (1945), inspirierte diese Idee internationale Museen, auch das Wiener MAK, zur Aufbereitung des - im Nachhinein betrachtet - erfolgreichsten Kapitel eines komplexen Lebenswerkes: Nun ist das Londoner Victoria & Albert Museum an der Reihe. Männchen mit Chinesenhütchen tauchen da in den Glasvitrinen des V&A auf. Schraffierte Turbane auf Schautafeln stehen für Indermillionen. Der Westler kommt mit Hut in Orson-Welles-Façon daher - und trägt die Zahnräder der Industrialisierung wie rostige Sonnen vor dem Westler-Nabel her.
Afrikas Einwohner vertragen anno 1930 keine Zahnräder und schon gar keine Orson-Welles-Hüte: Feine weiße Striche parzellieren die grauschwarzen Umrisse mit den Krausköpfen - zu einem Viertel blauer Industriehammer, der Rest grüner Pfeil und Bogen, was - unschwer zu erraten - für das herrschende Verhältnis in der Diamantengrube steht.
Unschwer zu erraten - genau darum geht es hier auch. Denn die Beispiele für das "Bildesperanto" (Originalzitat New York Times anno 1933) lassen keinen Zweifel offen, wirken nicht von ungefähr vertraut. Transformation der Zahlen in Bilder, enge Verbindung von Sachgröße und Sachinhalt, wiederkehrende Bildzeichen für ein und denselben Gegenstand, Mengenvergleich statt Größenvergleich (die Figuren werden wie Lesezeilen aneinandergereiht). All das zählt längst zum standardisierten Repertoire nicht bloß der Statistiker - und nahm vor knapp 90 Jahren seinen Ausgang in Wien.
Längst haben die von Otto Neurath ab Mitte der 1920er-Jahre und in enger Zusammenarbeit mit dem konstruktivistischen Zeichner, Linolschnitt-Kundigen und "Transformator" Gerd Arntz entwickelten Piktogramme der Wiener Methode der Bildstatistik, die ab Mitte der 1930er unter der Bezeichnung ISOTYPE (International System of Typographic Picture Education) weltweite Verbreitung fand, den Status eines Klassikers inne - aber nicht nur.
Otto Neurath, der in gedanklicher Korrespondenz mit dem philosophischen Zirkel des "Wiener Kreis" den Versuch unternahm, komplexe wissenschaftliche Zusammenhänge in einer dem Laien verständlichen Art darzustellen, ging es dabei um die Didaktik einer unverstellten Weltsicht. Man könnte auch sagen: Der gebürtige Wiener konturierte mit seinen Hammer-&-Turban-Tafeln in Sachen "Verständlichkeit der Welt".
Der Mann und die Massen und der politische Frischluft-Mief des roten Wien: Unter diesem gemeinsamen Nenner lässt sich freilich vieles zusammenfassen, was Otto Neurath umtrieb. In den 1920er-Jahren, als Neurath die Wiener Methode der Bildstatistik entwickelte, waren ein politisiertes Umfeld und eine Ära gesellschaftlicher Umbrüche als Startbasis garantiert. Auch Gebrauchsgrafik sollte im Wien der Zwischenkriegszeit keine Ausnahme darstellen. Anfänglich statische "Hieroglyphen" wurden so zu modernen Bildzeichen im Code der Informationsgrafik für die Industriegesellschaft, vor allem aber wurden sie zum volksbildnerischen Mittel. Fakten und Zusammenhänge unabhängig von Gesellschaftsstruktur und Sprache zu vermitteln, nahtlos knüpfte Neurath mit diesem Bestreben an andere gesellschaftliche Bemühungen an - und lässt heutiges Informationsdesign mitunter erstaunlich unambitioniert aussehen.
Aber auch als Gründer des "Hauptverbandes des Siedlungs- und Kleingartenwesens", und damit als zentrale Figur der Siedlerbewegung, gewann Neurath an Profil. Als radikaler Wohnbaureformer, der nach dem Zerfall der Monarchie die Legalisierung "wilder" Siedlungen unterstützte und mit Margarete Schütte-Lihotzky die Gestaltung effizienter "Kernhäuser" förderte - moderne Reihenhausmodelle, die 1923 im Rahmen einer Ausstellung 200.000 Besucher anzogen -, stellte er der sozialpolitischen Vision die entsprechende Design-Hardware zur Seite.
Die Weiterentwicklung partizipatorischer Formen der Demokratie wurde aber auch im musealen Bereich verfolgt. Als Direktor des Österreichischen Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseums entwickelte Neurath zusammen mit Josef Frank mobile Ausstellungssysteme - eine weitere Strategie, um Menschen zu erreichen und zu informieren. Ähnlich unmissverständlich fielen dabei die eigentlichen Museumsinhalte aus: Sie glichen einem politischen Weltatlas der Zivilisation für Laien, aufgelöst in Form von Statistiken und historischen Daten. Um neue Formen der Klarstellung war Otto Neurath, den reaktionäre Kräfte schon 1934 zur Flucht aus Wien zwangen, während seiner verbleibenden Jahre im niederländischen und schließlich englischen Exil bemüht. Denn auch diverse Propaganda- und Trickfilme für das englische Informationsministerium, die gleichfalls auf der damals längst weltweit verbreiteten ISOTYPEN-Methode aufbauten, verdienten sich - zumindest in grafischer Hinsicht - das Prädikat "Pädagogisch wertvoll". (Robert Haidinger, DER STANDARD/RONDO - Printausgabe, 28. Jänner 2011)
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