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Der Countdown bis zum 1. Mai. 2004 läuft – nicht nur für die zehn neuen Beitrittsländer, auch für den Rest von Europa bedeutet die EU-Osterweiterung (seit neuestem Integration) eine große Veränderung. Wirtschaft und Politik schauen seit langem sehr genau in Richtung Osten und bestimmen die Kriterien für ein vereintes Europa und deren einzelnen Staaten. Dem gegenüber steht die „kulturelle Vielfalt“ – der Werbetext Brüssels –, doch was bedeutet diese Schlagzeile im Detail? Eine Reportage aus Bratislava... Von Manuela Hötzl.

Bratislava im Portrait

Bratislava, als unsere nächste, nur 66 Kilometer entfernte
und jüngste Hauptstadt Europas hinter dem ehemaligen
Eisernen Vorhang, ist in Wien seit kurzem dicht vertreten,
kulturell jedenfalls: „Stadt in Sicht“, eine der letzten Ausstellungen im Künstlerhaus, stellte die Kunst und die Künstler der jüngeren Generation aus Bratislava in den Vordergrund (Kuratorinnen: Henny Liebhart-Ulm und Anna Soucek). Die aktuelle und viel rezensierte Schau im Ringturm „Architektur Slowakei – Impulse und Reflexion“ zeigt einen vielschichtigen Überblick der Bauten des letzten Jahrhunderts bis heute (Kurator: Adolph Stiller).

Im Alltag dagegen sieht die Bestandsaufnahme der Verbindung Wien-Bratislava weit weniger gut aus. Gibt man in einer Straßenkarten-Suchmaschine im Internet „Wien-Bratislava“ in den Computer ein, folgt die Meldung: „Kein Ort entspricht Ihrer Suche. Bitte starten Sie eine neue Anfrage.“ Nimmt man dieses Angebot nicht in Anspruch, sondern gleich sein Automobil und verlässt sich auf die Beschilderung der Straßen, spürt man allerorts die österreichische Ignoranz darüber, dass irgendwo hinter der Grenze eine Hauptstadt liegen könnte. Die ehemalige Verbindung via Straßenbahn, die bis zum Ersten Weltkrieg zwischen den beiden Städten existierte, kann man sich auf den verschlungenen Wegen Richtung Bratislava kaum noch vorstellen. Österreich, und hier ganz besonders Wien als Standort, steht nicht nur an der Schwelle zu diesem neuen Europa, sondern mitten drin. Aber weiß Wien das auch?

In Bratislava geht niemand davon aus, dass man die Stadt in Wien kennt, und auch der Architekt Imro Vasko, den Jan Tabor im Zuge seiner frisch installierten Architekturloge ins Wiener Büro „pool“ eingeladen hat, begann seinen Vortrag am 4. Dezember mit den Worten „ich glaube nicht, dass jemand von euch schon einmal in Bratislava war“, um anschließend sein Wettbewerbsprojekt im Zentrum vorzustellen. Das im Übrigen durch seine Experimentierfreudigkeit und einen strukturellen, wenn auch etwas chaotischen Ansatz durchaus interessant war und als eine Stellungnahme gegen Investorenarchitektur der Gruppe um Vasko interpretiert werden darf. Doch bevor man auf strukturelle Fragen der Stadt eingehen kann, sollte man sich einen kurzen Überblick gönnen, der die zukünftigen östlichen und südlichen Beitrittsländer beleuchtet.

Isabella Marte schrieb als Vorwort in der Publikation „hintergrund“ vom Architekturzentrum Wien, das den Wiener Architektur Kongress 2002 „Das nächste Europa“ dokumentierte: „Die arrogante Politik des Westens, die osteuropäischen Länder als ,Bittsteller‘ zu behandeln, die zunächst daran arbeiten müssen, ,europareif‘ zu werden, stellt eine recht unfruchtbare Basis der gegenseitigen Annäherung dar. Denn unabhängig von klar definierten politischen, juridischen, administrativen, wirtschaftlichen u. a. Richtlinien, die die Beitrittsstaaten zu erfüllen haben, gibt es ein breites Feld, das nicht durch Regulierungen und Evaluierungen definierbar ist: der Umgang mit dem intellektuellen und kulturellen Erbe, sei es in der Kunst, Musik, Literatur oder auch in Architektur und Städtebau.“ Diesen Hinweis auf die europäische kulturelle Vielfalt, die neben den wirtschaftlichen Bedingungen etwas vernachlässigt wird, sollte man sich gerade in Österreich zu Herzen nehmen. Österreich wird von der Identitätsfindung der neuen Länder und alten Städte, die vor allem kulturell stattfinden wird, direkt betroffen sein.

Einen Architekturkongress später, im Jahr 2003, spricht Gerhard Schulze, Soziologe an der Universität Bamberg in seinem Vortrag „Steigerung, Annäherung, Expedition. Über den Wandel von Stadt und Gesellschaft im 21. Jahrhundert“ von einer klaren Unterscheidung zwischen Ost- und Weststädten und deren Entwicklungen und nennt es „Zeit eines zweifachen Aufbruchs“. Die Stadt gilt für ihn als „symbolischer Raum für lokale Identität“, wobei man die Stadt entweder als „gegebene Struktur“ oder als „gegebenen Prozess“ sehen kann. Der „Westen“ sorgt für die Verbesserung der Lebensumstände und besinnt sich auf seine Kultur, die die individuelle Stadt jeweils ausmacht. Der „Osten“ ist nach einem „Urbizit“ in einer Phase „der Wiederbelebung, der Reanimation, und auf dem Weg zu direkten Erfolgserlebnissen“, wie Schulze meint. Bleibt man bei diesen Definitionen, synchronisieren sich Westen und Osten auf eine gewisse Weise, kommen sich eine Zeit lang näher, um sich dann wieder zu unterscheiden. Für den Osten bedeutet dies sicher vor allem eine Aufarbeitung der Geschichte und konkret: Investitionen in die Infrastruktur.

Die Slowakei, ebenso wie Slowenien, baut ihr Straßennetz aus und strebt in erster Linie eine Funktionstüchtigkeit an. Dies macht sie auch für private Investoren so interessant. Infrastruktur bedeutet, betrifft es Warenhäuser, Kinos etc., finanzielle Profite. Nach dem „Urbizit“ erleben diese Städte ein extremes Wachstum und sind deswegen umso mehr von Geldgebern abhängig. Doch diese Entwicklung, schaut man auf Wien-Mitte oder auf ähnliche Projekte in Berlin, betrifft alle Länder im Zuge der Privatisierungspolitik in Europa.

In der Ausgabe des „Standard“, in der die Slowakei-Ausstellung besprochen wurde, war auch im Wirtschaftsressort von einer Konkurrenzsituation der Supermärkte zu lesen, ausgelöst durch die großen Einkaufszentren mit 24-Stunden Öffnungszeiten, die in Österreich nicht zu finden sind. Doch herrscht in Bratislava kein Ausverkauf. Der „Aupark“ gleich an der Einfahrt der Stadt ist ein gut gelungenes
Stück von privater Hand. Vor allem mit Architektur beweist sich der so junge Staat der Slowakei, und die Ausstellung im Ringturm zeigt, dass dies aus einer Historie und einer, wenn auch immer wieder unterbrochenen, Tradition heraus passiert. Ein Geschmacks-Misch-Masch des freien Marktes findet sich hier kaum.

Bratislava ist mit knapp 450.000 Einwohnern nicht nur eine kleine Stadt, sondern war als junge Hauptstadt nie in eine Machtpolitik involviert. Das zeigt sich bis jetzt auch in der Architektur. Obwohl Bratislava auch in der jungen Slowakei eine Sonderposition einnimmt, die geringsten Arbeitslosenzahlen aufzuweisen hat und die meisten Investitionen hier stattfinden, präsentiert sich die Innenstadt fast idyllisch im Ambiente und luxuriös als Einkaufsstadt. Politisch ist die Regierung als „Mitte-
Rechts“ positioniert, und auch der Bürgermeister von Bratislava, ein Christdemokrat, wendet sich eindeutig nach rechts und setzt ebenso auf Privatisierung. So ist das Wachstum der Stadt stark von den Investoren abhängig. Für das zukünftige Bild der Stadt wird das Donauufer, dessen Grundstücke zum großen Teil schon verkauft sind, interessant. Dieses Gebiet, als Front vor der Stadt, wird das Gesicht des modernen Bratislava bilden. Man darf optimistisch sein.

Rückblick

Die Slowakei, ehemals zu Ungarn gehörig und anschließend im
tschecho-slowakischen Staat als immer „Zweiter“ am Rande,
blickt mit Tschechien auf eine gemeinsame 40-jährige kommunistische Geschichte zurück. Trotz kurzer Selbstständigkeit zur Mitte des Jahrhunderts, die dem Nationalismus wie dem „Nazionalismus“ zum Opfer fiel, kann sich die Slowakei seit 1991 zum ersten Mal auch auf eine eigene Kultur und Geschichte berufen. Auch wenn lange Zeit das von Prag aus zentralistisch geführte Land von vielen Einflüssen von der Hauptstadt aus geprägt war, Architektur hatte in dieser Geschichte immer eine große Bedeutung. Besonders seitdem Bratislava seine eigene Kunstgewerbeschule hatte, und 1947 die Technische Hochschule in Bratislava mit einer eigenen Fakultät für Architektur ergänzt wurde, zu deren Absolventen etwa Dusan Kuzma zählte.

Weitere Ausbildungsstätten waren natürlich Prag und Brünn, aber auch das Bauhaus in Dessau oder Wien. Alle diese Einflüsse sind zu spüren und doch wesentlich differenzierter als in Tschechien oder Russland.

Stellvertretend für die Zeit des Kommunismus, in der fast ausschließlich „Kollektive Architekturbüros“ öffentliche
Bauten planten, sei die Nationalgalerie am Ufer der Donau herausgestellt. Dieses Gebäude, das der Architekt und Vizepräsident vom Architektenverband Ján Bahna als „Symbol für sozialistische monumentale Architektur und des damaligen Regimes“ bezeichnet, ist eigentlich ein unvollendeter Torso. Die Galerie wurde als Brücke zwischen zwei bestehenden Häusern geplant und erstreckt sich weit in den Hofbereich bis auf die hintere Seite des Häuserblocks, wo sich jetzt die Amerikanische Botschaft befindet. Eigentlich sollte die Fassade mit Keramikplatten verkleidet werden, es reichte aber nur für eine Blechfassade. Doch gerade durch diese brachiale Verkleidung wirkt die große
Struktur und stellt ein Meisterwerk dar, das längst über die
Moderne hinausgewachsen ist.

Solche Bauwerke haben es schwer in der regionalen Wertschätzung. Der Architekt Vladimir Dedecek war zwar in einem Kollektiv beschäftigt, fiel aber vor allem mit großen Monumenten und Denkmälern auf, die er als äußerst arbeitseifriger Architekt realisierte.

Aktuelle Lage

Die Architekturbüros von heute in Bratislava kann man kaum in „Junge“ und „Alte“ einteilen, bedenkt man, dass durch die politische Situation alle erst 1991 begonnen hatten, unter ihren eigenen Namen zu bauen.

So beschreibt Martin Pasko vom „MSTUDIO“ die aktuelle Lage. Er selbst hat in den neunziger Jahren in Wien bei Ortner & Ortner gearbeitet und glaubt nun mit seinem Partner Zoran Michalcak an die Zukunft als Architekt in Bratislava. Nach Wien schaut er kaum, obwohl er auch hier eine Außenstelle gegründet hat. Doch für ausländische Architekten scheint es schwer zu sein, in Bratislava Fuß zu fassen, noch setzen die
großteils inländischen Investoren auch auf inländische Architekten.

Das mag sich mit der EU-Öffnung ändern. So verschlossen
die Geschäfte auch ablaufen, Universitäten und die Architekten selbst sehen sich durchaus von einer „internationalen Lage“ beeinflusst, wie Ján Bahna, Architekturbüro AA (Atelier Architektúry), meint. In Bratislava finden er und seine Kollegen viele österreichische Einflüsse, selbst schaut er gerne noch weiter.

Bahna ist ein engagierter Architekt bei der SAS (Verband der
Architekten der Slowakei), die mit einer eigenen Architekturgalerie und dem Magazin „Projekt“ und „Forum“ aufwarten kann.

Neben diesen teilweise subventionierten Architekturpublikationen existieren das von Martin Masek initiierte Magazin „ARCH“ und einige Internetplattformen wie das einzige auch in englischer Sprache gehaltene „archinet“.

Die Szene ist rege und bemüht sich seit Jahren um international Kontakte. So hat die Akademie seit langem einen Austausch mit der Wiener „Angewandten“ und seit Herbst Jan Tabor als Gastprofessor engagiert. Greg Lynn bekam ein Ehrendoktorat verliehen, das noch lange vor seiner Zeit als Professor an der Universität für Angewandte Kunst hervorging und sein Engagement für slowakische Studenten würdigt.

Stadt Bratislava

Bratislava ist eine sehr sympathische Stadt mit jugendlichem
Hauptstadtcharakter. Keine extravaganten Auswüchse haben die
Geschichte der Stadt und ihre Bauten geprägt, und doch finden sich allerorts moderne Relikte, die in der tschechoslowakischen Ära untergegangen sind. Juwele, die auch endlich ihre Anerkennung finden und in Kürze auch in einem umfassenden Architekturführer zu bestaunen sind. Ein übertriebener Historizismus und postmoderne Auswüchse bleiben der Stadt auch jetzt fern. Der Charme des Osten ist nur noch vereinzelt und in wenigen Außenbezirken wirklich präsent – und eigentlich kaum unterscheidbar vom Charme Wiens. Das können auch die Wiener noch für sich entdecken.



Abb. 1: Fridrich Weinwurm, Ignác Vécsei: Bohuslav Fuchs. Foto: S. Slachta
Abb. 2: Vladimir Dedecek: Zubau zur slowakischen Nationalgalerie aus den siebziger Jahren. Foto: Manuela Hötzl
Abb. 3: Ivan Matusik: Einkaufszentrum, Bratislava 1959–1964.
Foto: Rajmund Müller
Abb. 4: Ján Bahna und Partner: VUB-Bank, Bratislava, 1995–1996. Foto: Lubo Stacho
Mietshaus, Bratislava 1936. Foto: S. Slachta

erschienen in Architektur&Bauforum 23/Dez.03, Titelgeschichte