Bratislava, als unsere nächste, nur 66 Kilometer entfernte
und jüngste Hauptstadt Europas hinter dem ehemaligen
Eisernen Vorhang,
ist in Wien seit kurzem dicht vertreten,
kulturell jedenfalls: „Stadt in
Sicht“, eine der letzten Ausstellungen im Künstlerhaus, stellte die Kunst und
die Künstler der jüngeren Generation aus Bratislava in den Vordergrund
(Kuratorinnen: Henny Liebhart-Ulm und Anna Soucek). Die aktuelle und viel
rezensierte Schau im Ringturm „Architektur Slowakei – Impulse und Reflexion“
zeigt einen vielschichtigen Überblick der Bauten des letzten Jahrhunderts bis
heute (Kurator: Adolph Stiller).
Im Alltag dagegen sieht die
Bestandsaufnahme der Verbindung Wien-Bratislava weit weniger gut aus. Gibt man
in einer Straßenkarten-Suchmaschine im Internet „Wien-Bratislava“ in den
Computer ein, folgt die Meldung: „Kein Ort entspricht Ihrer Suche. Bitte starten
Sie eine neue Anfrage.“ Nimmt man dieses Angebot nicht in Anspruch, sondern
gleich sein Automobil und verlässt sich auf die Beschilderung der Straßen, spürt
man allerorts die österreichische Ignoranz darüber, dass irgendwo hinter der
Grenze eine Hauptstadt liegen könnte. Die ehemalige Verbindung via Straßenbahn,
die bis zum Ersten Weltkrieg zwischen den beiden Städten existierte, kann man
sich auf den verschlungenen Wegen Richtung Bratislava kaum noch vorstellen.
Österreich, und hier ganz besonders Wien als Standort, steht nicht nur an der
Schwelle zu diesem neuen Europa, sondern mitten drin. Aber weiß Wien das auch?
In Bratislava geht niemand davon aus, dass man die Stadt in Wien kennt,
und auch der Architekt Imro Vasko, den Jan Tabor im Zuge seiner frisch
installierten Architekturloge ins Wiener Büro „pool“ eingeladen hat, begann
seinen Vortrag am 4. Dezember mit den Worten „ich glaube nicht, dass jemand von
euch schon einmal in Bratislava war“, um anschließend sein Wettbewerbsprojekt im
Zentrum vorzustellen. Das im Übrigen durch seine Experimentierfreudigkeit und
einen strukturellen, wenn auch etwas chaotischen Ansatz durchaus interessant war
und als eine Stellungnahme gegen Investorenarchitektur der Gruppe um Vasko
interpretiert werden darf. Doch bevor man auf strukturelle Fragen der Stadt
eingehen kann, sollte man sich einen kurzen Überblick gönnen, der die
zukünftigen östlichen und südlichen Beitrittsländer beleuchtet.
Isabella
Marte schrieb als Vorwort in der Publikation „hintergrund“ vom
Architekturzentrum Wien, das den Wiener Architektur Kongress 2002 „Das nächste
Europa“ dokumentierte: „Die arrogante Politik des Westens, die osteuropäischen
Länder als ,Bittsteller‘ zu behandeln, die zunächst daran arbeiten müssen,
,europareif‘ zu werden, stellt eine recht unfruchtbare Basis der gegenseitigen
Annäherung dar. Denn unabhängig von klar definierten politischen, juridischen,
administrativen, wirtschaftlichen u. a. Richtlinien, die die Beitrittsstaaten zu
erfüllen haben, gibt es ein breites Feld, das nicht durch Regulierungen und
Evaluierungen definierbar ist: der Umgang mit dem intellektuellen und
kulturellen Erbe, sei es in der Kunst, Musik, Literatur oder auch in Architektur
und Städtebau.“ Diesen Hinweis auf die europäische kulturelle Vielfalt, die
neben den wirtschaftlichen Bedingungen etwas vernachlässigt wird, sollte man
sich gerade in Österreich zu Herzen nehmen. Österreich wird von der
Identitätsfindung der neuen Länder und alten Städte, die vor allem kulturell
stattfinden wird, direkt betroffen sein.
Einen Architekturkongress
später, im Jahr 2003, spricht Gerhard Schulze, Soziologe an der Universität
Bamberg in seinem Vortrag „Steigerung, Annäherung, Expedition. Über den Wandel
von Stadt und Gesellschaft im 21. Jahrhundert“ von einer klaren Unterscheidung
zwischen Ost- und Weststädten und deren Entwicklungen und nennt es „Zeit eines
zweifachen Aufbruchs“. Die Stadt gilt für ihn als „symbolischer Raum für lokale
Identität“, wobei man die Stadt entweder als „gegebene Struktur“ oder als
„gegebenen Prozess“ sehen kann. Der „Westen“ sorgt für die Verbesserung der
Lebensumstände und besinnt sich auf seine Kultur, die die individuelle Stadt
jeweils ausmacht. Der „Osten“ ist nach einem „Urbizit“ in einer Phase „der
Wiederbelebung, der Reanimation, und auf dem Weg zu direkten
Erfolgserlebnissen“, wie Schulze meint. Bleibt man bei diesen Definitionen,
synchronisieren sich Westen und Osten auf eine gewisse Weise, kommen sich eine
Zeit lang näher, um sich dann wieder zu unterscheiden. Für den Osten bedeutet
dies sicher vor allem eine Aufarbeitung der Geschichte und konkret:
Investitionen in die Infrastruktur.
Die Slowakei, ebenso wie Slowenien,
baut ihr Straßennetz aus und strebt in erster Linie eine Funktionstüchtigkeit
an. Dies macht sie auch für private Investoren so interessant. Infrastruktur
bedeutet, betrifft es Warenhäuser, Kinos etc., finanzielle Profite. Nach dem
„Urbizit“ erleben diese Städte ein extremes Wachstum und sind deswegen umso mehr
von Geldgebern abhängig. Doch diese Entwicklung, schaut man auf Wien-Mitte oder
auf ähnliche Projekte in Berlin, betrifft alle Länder im Zuge der
Privatisierungspolitik in Europa.
In der Ausgabe des „Standard“, in der
die Slowakei-Ausstellung besprochen wurde, war auch im Wirtschaftsressort von
einer Konkurrenzsituation der Supermärkte zu lesen, ausgelöst durch die großen
Einkaufszentren mit 24-Stunden Öffnungszeiten, die in Österreich nicht zu finden
sind. Doch herrscht in Bratislava kein Ausverkauf. Der „Aupark“ gleich an der
Einfahrt der Stadt ist ein gut gelungenes
Stück von privater Hand. Vor allem
mit Architektur beweist sich der so junge Staat der Slowakei, und die
Ausstellung im Ringturm zeigt, dass dies aus einer Historie und einer, wenn auch
immer wieder unterbrochenen, Tradition heraus passiert. Ein
Geschmacks-Misch-Masch des freien Marktes findet sich hier kaum.
Bratislava ist mit knapp 450.000 Einwohnern nicht nur eine kleine Stadt,
sondern war als junge Hauptstadt nie in eine Machtpolitik involviert. Das zeigt
sich bis jetzt auch in der Architektur. Obwohl Bratislava auch in der jungen
Slowakei eine Sonderposition einnimmt, die geringsten Arbeitslosenzahlen
aufzuweisen hat und die meisten Investitionen hier stattfinden, präsentiert sich
die Innenstadt fast idyllisch im Ambiente und luxuriös als Einkaufsstadt.
Politisch ist die Regierung als „Mitte-
Rechts“ positioniert, und auch der
Bürgermeister von Bratislava, ein Christdemokrat, wendet sich eindeutig nach
rechts und setzt ebenso auf Privatisierung. So ist das Wachstum der Stadt stark
von den Investoren abhängig. Für das zukünftige Bild der Stadt wird das
Donauufer, dessen Grundstücke zum großen Teil schon verkauft sind, interessant.
Dieses Gebiet, als Front vor der Stadt, wird das Gesicht des modernen Bratislava
bilden. Man darf optimistisch sein.
Rückblick
Die
Slowakei, ehemals zu Ungarn gehörig und anschließend im
tschecho-slowakischen Staat als immer „Zweiter“ am Rande,
blickt mit
Tschechien auf eine gemeinsame 40-jährige kommunistische Geschichte zurück.
Trotz kurzer Selbstständigkeit zur Mitte des Jahrhunderts, die dem Nationalismus
wie dem „Nazionalismus“ zum Opfer fiel, kann sich die Slowakei seit 1991 zum
ersten Mal auch auf eine eigene Kultur und Geschichte berufen. Auch wenn lange
Zeit das von Prag aus zentralistisch geführte Land von vielen Einflüssen von der
Hauptstadt aus geprägt war, Architektur hatte in dieser Geschichte immer eine
große Bedeutung. Besonders seitdem Bratislava seine eigene Kunstgewerbeschule
hatte, und 1947 die Technische Hochschule in Bratislava mit einer eigenen
Fakultät für Architektur ergänzt wurde, zu deren Absolventen etwa Dusan Kuzma
zählte.
Weitere Ausbildungsstätten waren natürlich Prag und Brünn, aber
auch das Bauhaus in Dessau oder Wien. Alle diese Einflüsse sind zu spüren und
doch wesentlich differenzierter als in Tschechien oder Russland.
Stellvertretend für die Zeit des Kommunismus, in der fast ausschließlich
„Kollektive Architekturbüros“ öffentliche
Bauten planten, sei die
Nationalgalerie am Ufer der Donau herausgestellt. Dieses Gebäude, das der
Architekt und Vizepräsident vom Architektenverband Ján Bahna als „Symbol für
sozialistische monumentale Architektur und des damaligen Regimes“ bezeichnet,
ist eigentlich ein unvollendeter Torso. Die Galerie wurde als Brücke zwischen
zwei bestehenden Häusern geplant und erstreckt sich weit in den Hofbereich bis
auf die hintere Seite des Häuserblocks, wo sich jetzt die Amerikanische
Botschaft befindet. Eigentlich sollte die Fassade mit Keramikplatten verkleidet
werden, es reichte aber nur für eine Blechfassade. Doch gerade durch diese
brachiale Verkleidung wirkt die große
Struktur und stellt ein Meisterwerk
dar, das längst über die
Moderne hinausgewachsen ist.
Solche
Bauwerke haben es schwer in der regionalen Wertschätzung. Der Architekt Vladimir
Dedecek war zwar in einem Kollektiv beschäftigt, fiel aber vor allem mit großen
Monumenten und Denkmälern auf, die er als äußerst arbeitseifriger Architekt
realisierte.
Aktuelle Lage
Die Architekturbüros von heute
in Bratislava kann man kaum in „Junge“ und „Alte“ einteilen, bedenkt man, dass
durch die politische Situation alle erst 1991 begonnen hatten, unter ihren
eigenen Namen zu bauen.
So beschreibt Martin Pasko vom „MSTUDIO“ die
aktuelle Lage. Er selbst hat in den neunziger Jahren in Wien bei Ortner &
Ortner gearbeitet und glaubt nun mit seinem Partner Zoran Michalcak an die
Zukunft als Architekt in Bratislava. Nach Wien schaut er kaum, obwohl er auch
hier eine Außenstelle gegründet hat. Doch für ausländische Architekten scheint
es schwer zu sein, in Bratislava Fuß zu fassen, noch setzen die
großteils
inländischen Investoren auch auf inländische Architekten.
Das mag sich
mit der EU-Öffnung ändern. So verschlossen
die Geschäfte auch ablaufen,
Universitäten und die Architekten selbst sehen sich durchaus von einer
„internationalen Lage“ beeinflusst, wie Ján Bahna, Architekturbüro AA (Atelier
Architektúry), meint. In Bratislava finden er und seine Kollegen viele
österreichische Einflüsse, selbst schaut er gerne noch weiter.
Bahna ist
ein engagierter Architekt bei der SAS (Verband der
Architekten der
Slowakei), die mit einer eigenen Architekturgalerie und dem Magazin „Projekt“
und „Forum“ aufwarten kann.
Neben diesen teilweise subventionierten
Architekturpublikationen existieren das von Martin Masek initiierte Magazin
„ARCH“ und einige Internetplattformen wie das einzige auch in englischer Sprache
gehaltene „archinet“.
Die Szene ist rege und bemüht sich seit Jahren um
international Kontakte. So hat die Akademie seit langem einen Austausch mit der
Wiener „Angewandten“ und seit Herbst Jan Tabor als Gastprofessor engagiert. Greg
Lynn bekam ein Ehrendoktorat verliehen, das noch lange vor seiner Zeit als
Professor an der Universität für Angewandte Kunst hervorging und sein Engagement
für slowakische Studenten würdigt.
Stadt Bratislava
Bratislava ist eine sehr sympathische Stadt mit jugendlichem
Hauptstadtcharakter. Keine extravaganten Auswüchse haben die
Geschichte
der Stadt und ihre Bauten geprägt, und doch finden sich allerorts moderne
Relikte, die in der tschechoslowakischen Ära untergegangen sind. Juwele, die
auch endlich ihre Anerkennung finden und in Kürze auch in einem umfassenden
Architekturführer zu bestaunen sind. Ein übertriebener Historizismus und
postmoderne Auswüchse bleiben der Stadt auch jetzt fern. Der Charme des Osten
ist nur noch vereinzelt und in wenigen Außenbezirken wirklich präsent – und
eigentlich kaum unterscheidbar vom Charme Wiens. Das können auch die Wiener noch
für sich entdecken.
Abb. 1: Fridrich Weinwurm,
Ignác Vécsei: Bohuslav Fuchs. Foto: S. Slachta
Abb. 2: Vladimir Dedecek:
Zubau zur slowakischen Nationalgalerie aus den siebziger Jahren. Foto: Manuela
Hötzl
Abb. 3: Ivan Matusik: Einkaufszentrum, Bratislava 1959–1964.
Foto:
Rajmund Müller
Abb. 4: Ján Bahna und Partner: VUB-Bank, Bratislava,
1995–1996. Foto: Lubo Stacho
Mietshaus, Bratislava 1936. Foto: S.
Slachta erschienen in Architektur&Bauforum 23/Dez.03,
Titelgeschichte