Artikel aus profil Nr. 22/2002
American Beauties

In der Welt des David LaChapelle regiert das Gesetz des ekstatischen Glamours. Ab 6. Juni sind die Arbeiten des "Königs der Künstlichkeit" im Wiener Kunsthaus zu sehen.
Die Menschen, die für David LaChapelle arbeiten, wären leicht zu erkennen. Seine Stylisten, Visagisten, Lichtsetzer und Kabelschlepper sind die Einzigen in diesen amerikanischen Hotellobbys, die, so ihr Meister, "keine fröhlichen Tropenmuster tragen". Es sind die "traurig in die Raucherabteilung Verbannten mit den schwarzen Sonnenbrillen". Die Kunst ihres Arbeitgebers ist den LaChapelle-Leuten offensichtlich pralles Leben genug.

In den Fotoinszenierungen des 34-jährigen Amerikaners David LaChapelle herrscht die Diktatur ekstatischen Glamours, die Verherrlichung der Pornografie, die hysterische Überhöhung des vermeintlich Hässlichen in gelackte, bonbonfarbene Kosmen. Kosmen, in denen Celebrities, Starlets, Nutten, Tattoo-Exzentriker, Bodybuilder, Supermodels, masochistische Hausfrauen und andere Repräsentanten der White-Trash-Schicht friedlich, einsam oder geil koexistieren.

Seine luxuriösen Trash-Tableaus hievten den Ex-Hilfskellner des legendären New Yorker Amüsiertempels Studio 54 Mitte der neunziger Jahre in den Olymp der stilprägenden Mode- und Starfotografen. Im Gegensatz zu den Promi-Porträtisten der Achtziger wie Herb Ritts, Annie Leibovitz und Helmut Newton, denen noch immer daran gelegen war, Stars in den Status der Göttlichkeit zu überführen, wollte sich LaChapelle nicht mit Dienstbarkeiten dieser Art aufhalten. Von vornherein machte er Stars wie Leonardo DiCaprio und Madonna klar, dass sie allenfalls Teil einer Inszenierung sind.

In seinem autobiografischen Text "Wie alles begann" schreibt LaChapelle: "Diese berühmten Menschen treten nur in meinen Bildern auf. Es geht aber nicht um sie. In Wahrheit geht es um mich und meine Art, die Welt zu sehen." Die klügsten Celebrities wären jene, "die begreifen, dass die Bedeutung der Fotografie darin liegt, die eigene Person in einen kulturellen Kontext zur Gegenwart zu stellen".

Die Pop-Sirene und deklarierte Jungfrau Britney Spears sah LaChapelle beispielsweise "berstend vor Hormonen, als ein richtiges Kaugummi-Sexgeschoß, ein Geschöpf, so trivial, wie nur Amerika es zu bieten imstande ist".

Faye Dunaway fragte ihn bei einem ersten Treffen: "Was für eine Art von Idee haben Sie von mir?" "Ich sehe Sie in einer zerstörten Wohnung in einem zerrissenen Negligé, wie Sie eine Ihrer nackten Brüste der Kamera entgegenhalten", antwortete LaChapelle. Dunaway spielte brav mit.

Dass Willfährigkeit gewohnte Idole diese Ego-Deformierung akzeptieren, liegt an LaChapelles hohem Hipness-Faktor. Als eines der jüngsten Mitglieder von Andy Warhols Factory-Gemeinde wurde LaChapelle schon mit 17 als fotografischer Geheimtipp gehandelt. Warhols Herz eroberte er, als er dem Meister Fotos seiner wild auf und ab springenden, nackten Highschool-Kollegen vorlegte. "Das ist ja wirklich großartig", meinte der und brachte das Jungtalent bei seinem großformatigen Magazin "Interview" unter, damals der Spielplatz für innovative Zeitschriftenästhetik. "Erst später bemerkte ich", so LaChapelle in "Wie alles begann", "dass Andy prinzipiell wirklich alles großartig fand, und sei es auch nur einen idiotischen Keks. Alles großartig zu finden war einfach sein Lebensmotto."

Alles "larger than life" zu ironisieren, zu überhöhen, zu entrücken, aber auch zu karikieren, charakterisiert das künstlerische Credo von David LaChapelle.

Den Satz des Schriftstellers Truman Capote: "Guter Geschmack ist der Tod der Kunst", verinnerlichte der Fotograf zusätzlich zu seiner artistischen Ideologie.

Hochglanzprodukte wie "Vanity Fair", "Details", "The Face" "Vogue" und "i-D" pilgerten nun zu LaChapelle, der zu einer Art Hohepriester des Pop-Trash avancierte.

"Fellini der Fotografie", "König der Künstlichkeit", "Annie Leibovitz auf Ecstasy", "eine Art wiedergeborener Salvador Dalí der MTV-Generation" lauteten die Etiketten, die LaChapelle von Feuilleton und Hochglanzkritik umgehängt wurden. "LaChapelle hat eine neue Fotografengeneration so geprägt, wie es Richard Avedon zwei Jahrzehnte zuvor getan hat", konstatierte die "New York Times".

Die künstlerische Mission David LaChapelles ist nicht die Abbildung oder Interpretation der Realität, sondern ihre gänzliche Neuerfindung.

"Meine Bilder sollen von der Realität befreien", gibt LaChapelle eine Betriebsanleitung zum Betrachtungsmodus, "denn es ist wirklich schwer, in unserer Zeit zu leben. Ich will eine kurze Pause erschaffen, eine Pause der Schönheit. Für mich ist meine Arbeit eine Flucht vor den Ereignissen dieser Welt."

LaChapelle ist ein Kind des kleinstädtischen Amerika der siebziger Jahre.

Fast-Food-Restaurants, Game Shows, regenwurmfarbene Cocktailsaucen, Tankstellen, grottenhässliche Einkaufszentren und "diese Frauen mit ihren hoch aufgetürmten Frisuren in Hotpants und Kork-Plateauschuhen, die in ihrer Wut schon einmal den nagelneuen Lincoln ihres Ehemanns mit dem Hammer zertrümmern", prägten sein ästhetisches Gedächtnis.

LaChapelles Mutter, eine muskelgestählte American Beauty wie aus dem Bilderbuch, setzte die Initialzündung für seine spätere Sehnsucht, die Wirklichkeit neu zu delirieren. Dem sechsjährigen David zeigte sie in einer "Playboy"-Ausgabe das Bond-Girl Ursula Andress nackt unter dem Wasserfall und stellte lakonisch fest: "So sollte ein Körper einfach aussehen."

Die Mutter war auch die Heldin von LaChapelles erstem Foto: In einem weißen Bikini mit goldenen Gürtelschnallen posierte sie für den Siebenjährigen am Strand von Puerto Rico. Den artistischen Spleen, die Wirklichkeit auf erfreuliche Weise zurechtzutrimmen, hatte sie selbst stets in aller Detailbesessenheit ausgelebt: "Sie machte tausende Fotos von uns Kindern. Sie stellte uns vor Landhäuser, Schäferhunde und schicke Autos, die nicht uns gehörten. Wir waren arm, aber auf diesen Connecticut-Bildern meiner Mutter wirkten wir wie exzentrische Vanderbilts."

Parallel zu LaChapelles knallbunter Realitäts-Hysterisierung entwickelte sich Mitte der neunziger Jahre die temporäre Rebellion gegen den Glamourkult. Der Schock-Chic einer radikalen Antiästhetik, wie sie Jürgen Teller, Wolfgang Tillmans und Terry Richardson ins Bild rückten, dominierte temporär die globale Magazinkultur. Dreck, Hässlichkeit und eine schlampige Schnappschuss-Stilistik symbolisierten das aggressive Gegenprogramm zur artifiziellen Glamourwelt eines Steve Meisel, Mario Testino oder David LaChapelle. Das Überangebot an deprimierendem Grunge-Bildmaterial heizte jedoch erneut den Appetit nach bizarrer, ausgeklügelter Inszenierung an. LaChapelles Kurswert ist, was Zeitgemäßheit und Innovation betrifft, ungebrochen. Inzwischen hat er seinen Schönheitsgedanken auf die Videokultur ausgedehnt. Er drehte mehrfach ausgezeichnete Clips für Moby und Elton John.

Sein Star-Hunger ist inzwischen jedoch merklich gedämpft: "Heutzutage tauchen Stars mit einer Armee von Managern, PR-Menschen, Assistenten, Stylisten und Friseuren auf. Es ist zu deprimierend. Wo sind die Zeiten, als Marilyn Monroe bereits betrunken auf einen Fotoset taumelte, sich nackt auszog, mit Schleiern tanzte, mit dem Fotografen Sex hatte, um dann ohnmächtig zu werden?"

Autor: Angelika Hager


© profil bzw. profil Online - Wien, 2002. Alle Inhalte dienen der persönlichen Information. Eine Weiterverwendung und Reproduktion über den persönlichen Gebrauch hinaus ist nicht gestattet.