VON ARIANE GRABHER
Feldkirch (VN) Mit seinen Wolkenbildern
hat Ingmar Alge vor zwei Jahren nicht nur zur Malerei
zurückgefunden, er hat auch unseren Blick in den Frühlingshimmel
entführt. Fest auf der Erde stehen dagegen die Häuser, die die neuen
Arbeiten des in Lauterach lebenden Künstlers bevölkern. Zu sehen
sind sie derzeit in der Galerie Sechzig in Feldkirch.
Wenn sich einer im Mekka der Häuslebauer mit dem Thema
Haus auseinander setzt, dann darf man schon gespannt sein auf die
Art, wie das geschieht. Bereits ein schneller Blick auf die Bilder
von Ingmar Alge zeigt, dass er nicht das preisgekrönte Bauen
thematisiert, für das die Vorarlberger Architektur der letzten Jahre
steht.
Die Häuser auf den Bildern von Ingmar Alge stammen vielmehr aus
den 70ern und es gibt landauf, landab unzählige Beispiele dieser Art
in Vorarlberg. Das einzig Besondere an dieser anonymen, unscheinbar
wirkenden Architektur ist zunächst wohl, dass sich Ingmar Alge auf
die Häuser eingelassen hat. Auch seitens des Künstlers erfolgt die
erste Begegnung mit den späteren Objekten seiner Malerei eher
zufällig, auf Streifzügen durchs Land, und ist dem subjektiven
Erleben vor Ort unterworfen. Mit der Kamera skizzenhaft
festgehalten, spürt Alge im gemalten Bild dem Mysterium nach, das
einem Haus anhaftet, der Frage, was kann Behausung sein und vor
allem: was spielt sich hinter den Fassaden ab?
Abgeschlossen
Der Himmel ist blau, der Sonnenschirm bunt gestreift und
doch geht etwas fast Bedrohliches aus von den Häusern. Die Fassaden
in ihrem leicht schmutzigen Weiß wirken hermetisch abgeschlossen, so
als wollten sie die Geschichten dahinter nicht preisgeben. Dieser
Eindruck von Kommunikationslosigkeit täuscht nicht, er wird vom
Künstler durch kleine Kunstgriffe, wie das (durch Übermalen)
offensichtliche Weglassen von Fenstern sogar noch verstärkt. Wenn
innere und äußere Wahrnehmung wie hier oszillierend aufeinander
treffen, so versucht Alge diese einander anzugleichen. Als Medium
kommt ihm die Malerei in ihrer "Un-Eindeutigkeit" (Alge) und ihrem -
gegenüber der Fotografie - weniger verbindlichen
dokumentarisch-authentischen Anspruch dabei gerade recht.
Die Langsamkeit, mit der ein Bild entsteht, die Möglichkeit, sich
ein Bild zu bauen indem man Dinge hinzufügt oder weglässt, die
Betrachtung, die wiederum Zeit erfordert, die Wahrnehmung hinter der
Wahrnehmung: das sind die Faktoren, die dem Künstler, neben der
Gleichberechtigung von Malerei und Fotografie, einen relativ
unbeschwerten Umgang mit dem Medium ermöglichen.
"Altach"
Bei aller scheinbaren Banalität der Motive, trifft man
auch in den Häusern wieder diese zwitterhafte Kombination aus
freiem, abstraktem Malen und gleichzeitigem Realismus an, die schon
bei den Wolkenbildern faszinierte. In die gleiche Richtung weisen
auch Titel wie "Altach", die - von der regionalen Bedeutung
losgelöst und im größeren Kontext einer "Geographie des Nirgendwo"
(Alge) gesehen - Anonymität pur bedeuten. Im großstädtischen
Ambiente einer Berliner Galerie z. B. lädt sich so ein Titel auf und
verkörpert den Prototyp der Provinz. Diese mystische Konnotation
geht der Serie hierzulande leider völlig ab.
"Altach" konnte höchstens als Koordinate auf der Suche nach dem
Haus dienen, mit dessen Details sich Alge in der jüngsten Werkreihe
beschäftigt. Doch das wäre sinnlos. Es gibt sie zwar alle, die
Häuser, aber nicht so, wie wir sie sehen wollen und von den Bildern
kennen. Denn dieses nahe und zugleich distanzierte Verhältnis zur
Realität, das Nicht-Orte konkretisiert und sich auch in anderen
neuen Arbeiten von Alge findet, dieses Überall und Nirgendwo, das
gibt es tatsächlich nur in den Bildwelten.
Übermalte Fenster verstärken den Eindruck des
Abgeschlossenen.
Bedrohliche Idylle ohne jede Kommunikation.
(Fotos:
Grabher)