VN Fr, 31.8.2001

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Kultur 

Das Mysterium Haus

Ingmar Alge mit neuen Arbeiten in der Galerie Sechzig in Feldkirch

VON ARIANE GRABHER

Feldkirch (VN) Mit seinen Wolkenbildern hat Ingmar Alge vor zwei Jahren nicht nur zur Malerei zurückgefunden, er hat auch unseren Blick in den Frühlingshimmel entführt. Fest auf der Erde stehen dagegen die Häuser, die die neuen Arbeiten des in Lauterach lebenden Künstlers bevölkern. Zu sehen sind sie derzeit in der Galerie Sechzig in Feldkirch.

Wenn sich einer im Mekka der Häuslebauer mit dem Thema Haus auseinander setzt, dann darf man schon gespannt sein auf die Art, wie das geschieht. Bereits ein schneller Blick auf die Bilder von Ingmar Alge zeigt, dass er nicht das preisgekrönte Bauen thematisiert, für das die Vorarlberger Architektur der letzten Jahre steht.

Die Häuser auf den Bildern von Ingmar Alge stammen vielmehr aus den 70ern und es gibt landauf, landab unzählige Beispiele dieser Art in Vorarlberg. Das einzig Besondere an dieser anonymen, unscheinbar wirkenden Architektur ist zunächst wohl, dass sich Ingmar Alge auf die Häuser eingelassen hat. Auch seitens des Künstlers erfolgt die erste Begegnung mit den späteren Objekten seiner Malerei eher zufällig, auf Streifzügen durchs Land, und ist dem subjektiven Erleben vor Ort unterworfen. Mit der Kamera skizzenhaft festgehalten, spürt Alge im gemalten Bild dem Mysterium nach, das einem Haus anhaftet, der Frage, was kann Behausung sein und vor allem: was spielt sich hinter den Fassaden ab?

Abgeschlossen

Der Himmel ist blau, der Sonnenschirm bunt gestreift und doch geht etwas fast Bedrohliches aus von den Häusern. Die Fassaden in ihrem leicht schmutzigen Weiß wirken hermetisch abgeschlossen, so als wollten sie die Geschichten dahinter nicht preisgeben. Dieser Eindruck von Kommunikationslosigkeit täuscht nicht, er wird vom Künstler durch kleine Kunstgriffe, wie das (durch Übermalen) offensichtliche Weglassen von Fenstern sogar noch verstärkt. Wenn innere und äußere Wahrnehmung wie hier oszillierend aufeinander treffen, so versucht Alge diese einander anzugleichen. Als Medium kommt ihm die Malerei in ihrer "Un-Eindeutigkeit" (Alge) und ihrem - gegenüber der Fotografie - weniger verbindlichen dokumentarisch-authentischen Anspruch dabei gerade recht.

Die Langsamkeit, mit der ein Bild entsteht, die Möglichkeit, sich ein Bild zu bauen indem man Dinge hinzufügt oder weglässt, die Betrachtung, die wiederum Zeit erfordert, die Wahrnehmung hinter der Wahrnehmung: das sind die Faktoren, die dem Künstler, neben der Gleichberechtigung von Malerei und Fotografie, einen relativ unbeschwerten Umgang mit dem Medium ermöglichen.

"Altach"

Bei aller scheinbaren Banalität der Motive, trifft man auch in den Häusern wieder diese zwitterhafte Kombination aus freiem, abstraktem Malen und gleichzeitigem Realismus an, die schon bei den Wolkenbildern faszinierte. In die gleiche Richtung weisen auch Titel wie "Altach", die - von der regionalen Bedeutung losgelöst und im größeren Kontext einer "Geographie des Nirgendwo" (Alge) gesehen - Anonymität pur bedeuten. Im großstädtischen Ambiente einer Berliner Galerie z. B. lädt sich so ein Titel auf und verkörpert den Prototyp der Provinz. Diese mystische Konnotation geht der Serie hierzulande leider völlig ab.

"Altach" konnte höchstens als Koordinate auf der Suche nach dem Haus dienen, mit dessen Details sich Alge in der jüngsten Werkreihe beschäftigt. Doch das wäre sinnlos. Es gibt sie zwar alle, die Häuser, aber nicht so, wie wir sie sehen wollen und von den Bildern kennen. Denn dieses nahe und zugleich distanzierte Verhältnis zur Realität, das Nicht-Orte konkretisiert und sich auch in anderen neuen Arbeiten von Alge findet, dieses Überall und Nirgendwo, das gibt es tatsächlich nur in den Bildwelten.

Übermalte Fenster verstärken den Eindruck des Abgeschlossenen.

Bedrohliche Idylle ohne jede Kommunikation. (Fotos: Grabher)




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