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Quer durch Galerien

Auch Klopapier ist lieblos

Von Claudia Aigner

Debattieren Sie mit!Schneewittchen ist kein Tiefkühlprodukt (zumindest solange Schneewittchen nicht auf die Idee kommt, im Selbstversuch die Beziehungsfähigkeit eines riesengroßen Schneeballs zu erforschen bzw. solange es nicht versucht, sich an einer Lawine aufzuwärmen). So komisch ist das aber eigentlich gar nicht, wenn ein mutmaßliches Schneewittchen Kontakt mit einem ganz großen Patzen Schnee aufnimmt.
Bis 5. September feiert die Galerie Insam (Köllnerhofgasse 6) ihre ersten 30 Jahre. Freilich tut sie das mit Arbeiten von Künstlern, die sie noch nie ausgestellt hat. (Originell.) Tania Kitchell: In ihrer wunderbaren Fotoserie "Snow White" probiert sie mit so etwas wie der stark vereinfachten Form einer Lawine (mit einer großen Kugel aus Schnee) alle möglichen Stellungen aus. Bis hin zum "Wissen, dass das Ende nah ist". Und wenn sie das eiskalte Ding umarmt, denkt man irgendwie an ein frisch geschlüpftes Küken, das jemand auf eine lieblose Klopapierrolle oder ein ferngesteuertes Spielzeugauto geprägt hat.
Tilmann Eberwein: Sein kinetisches Kunstwerk kann man mit dem Hintern (jedenfalls, wenn man diesen nicht "missbräuchlich" verwendet) nicht entweihen. Das klassisch formschöne Opus animiert das Sitzfleisch sogar (genau genommen gleich zwei Sitzfleische), sich in Bewegung zu setzen, ist nämlich eine Wippe. Der Clou: Die Wippe ist durch ein Fenster durchgesteckt (natürlich eines, das nicht an einer Außenwand liegt). Obwohl: Eine spannende Körpererfahrung wäre es sicher, etwa vor einem Fenster im 100. Stock auf und ab zu wippen (sofern einen der Schaukelpartner drinnen im Zimmer nicht im Stich lässt und einfach mittendrin heimgeht).
Sind die Meinungsforscher und die Volkszähler also doch diejenigen gewesen, die den Minimalismus erfunden haben? Schließlich hätten sie das Zeug dazu gehabt (Formulare voller Kasteln zum Ankreuzen und Ausfüllen). Die klare Ästhetik dieser Kasteln oder auch der farbigen Balken, in denen die Prozentanteile irgendwelcher Meinungen gespeichert sind, hat Stephanie Brooks jedenfalls zu fast schon genial minimalen Objekten verarbeitet. Voller Ironie. Und eine raffinierte Form von Scheinarchitektur: die drei schwarzen Säulen von Martin Kaar, die sich einer optischen Täuschung verdanken. Da kämpft der IQ, der weiß, dass da bloß schwarze Linien auf Wand, Boden und Plafond kleben (der IQ ist ja nicht blöd), gegen das Auge, dem bekanntlich alles recht ist. Und wenn das Auge gewinnt, dann ist das Ergebnis wirklich verblüffend.
Apfel, Apfel in der Hand, wer ist der Beste im ganzen Land? Dass in der Galerie Wolfrum (Augustinerstraße 10) bis 8. September jede Menge Grafiker versammelt sind, will ich nutzen, um über zwei davon (beides "Apfelanwärter") zu sprechen (auch wenn ich dabei nur ins Fettnäpfchen treten und gleich drin bleiben kann). Als ich Herwig Zens als den vielleicht besten Radierer hierzulande bezeichnet habe, hat der Zens umgehend dementiert, denn der Beste sei selbstverständlich der Heinrich Heuer. Das weiß ich natürlich auch. Als Techniker ist Heuer ungeschlagen und auch ich stehe jedes Mal ehrfurchtsvoll vor diesen schmissigen und vielschichtigen, Energie spuckenden Blättern. Trotzdem kann ich vom Zens nicht lassen als einem, der Eros und Thanatos so schaurig schön verkuppelt (sprich: Die Libido verwest nicht) und der so oft in den Katakomben von Palermo war, dass man ihn wenigstens zur "Mumie honoris causa" ernennen müsste (und folglich dürfte man ihn im Venusberg nicht als Innenausstatter engagieren, weil er sogar da noch Katakomben einrichten würde). So, jetzt bin ich fettig genug.

Erschienen am: 31.08.2001

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