Eine ärmliche Frau blickt nachdenklich in eine Auslage
mit feiner Unterwäsche - nicht nur die Schaufensterscheibe trennt sie von
den Luxusgütern. Ostberlin, 1958. Zwei Jahre später, in Paris, probiert
Hollywood-Star Vivienne Leigh mit ausdruckslosem Blick eine kostbare Robe
des Modeschöpfers Pierre Balmain. Kommentarlos reiht sich im Palais
Harrach eine historische Photographie an die nächste. 350 Stück sind es,
alle in Schwarzweiß. An jedem einzelnen hängen Schicksale, Tragödien,
Anekdoten - alle sind sie jedoch überschattet von den Wirren der
Nachkriegszeit.
Aufgenommen wurden sie von einem der großen
österreichischen Photographen, Erich Lessing (79), den das
Kunsthistorische Museum mit dieser Ausstellung ehrt. "Vom Festhalten der
Zeit" erzählt diese Auswahl der besten Arbeiten des Photoreporters aus den
Jahren 1948 bis 1973.
Lessings eigene Biographie steht für die Zeit davor: 1923
als Sohn einer jüdischen Familie in Wien geboren, mußte er mit 16 Jahren
nach Palästina emigrieren. Seine Mutter blieb zurück, starb in Auschwitz,
seine Großmutter in Theresienstadt. Als er 1947 nach Wien zurückkehrte,
begann er bei der US-Nachrichtenagentur Associated Press als
Photoreporter. Der Weg war klar und ging an die Spitze: Lessing trat der
elitären Photo-Kooperative Magnum bei, veröffentlichte in "Life", "Paris
Match", "Heute", "New York Times".
Seine Jagd nach dem richtigen Augenblick führte ihn quer
durch Europa, von Gipfelkonferenz zu Friedenskonferenz, von Revolten zu
Unruhen bis hin zu kulturellen Ereignissen. Berühmt wurde er für seine
bedrückenden Aufnahmen des kommunistischen Europa, besonders für die
Bilder von Angst und Leiden während der ungarischen Revolution 1956.
Rückzug zur Kunst
Frustriert darüber, daß die Macht der Bilder eine
papierene ist, zog er sich nach seinen Erlebnissen in Ungarn immer mehr
aus dem aktuellen Geschehen zurück und widmete sich v. a. der
Kunstgeschichte. Ein Video in der Schau gibt einen - leider recht wirren -
Eindruck von Lessings Photographien für Kunstbücher.
Für die übrigen Räume im Palais Harrach hatte der Kurator
Alistair Crawford die schwierige Aufgabe, aus einem Archiv von 30.000
Photos zu wählen. Er ordnete die Bilderflut nach Themen, die gelungen die
Vielfalt bändigen. Neben geschichtsträchtigen Aufnahmen von Verwüstung und
Wiederaufbau finden sich auch heitere Zeitdokumente wie die erste Wahl
einer Schönheitskönigin in Polen 1956.
Die Lust am Schauen wird einem allerdings durch die
schlampige Gestaltung verdorben: Zu sehen sind durchwegs
Computerausdrucke, was Lessing nicht stört, sieht er sich doch nicht als
Künstler und findet die Qualität der Drucke ausreichend. Aber teils
schiefe Beschriftungen und vereinzelte Druckfehler sind eines so peniblen
Auges wie Lessings nicht würdig. Was bleibt, ist das prächtige
Katalogbuch.
Bis 13. 10., täglich 10-18 Uhr. Der Katalog (690
Abb.) ist im Verlag Christian Brandstätter erschienen.
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