diepresse.com
zurück | drucken

29.08.2005 - Kultur&Medien / Kultur News
Symposium: Zwischen Muße und Genusssucht: Ziviles Engagement
VON DANIELA TOMASOVSKY
Abschluss der "GlobArt Academy": Awards 2005 für Franz Küberl und Freda Meissner-Blau.

"Das vor Gott eingeübte Gewissen kann zu einem Hebel werden, der die Welt bewegen kann, die vom Hochwasser des Haben-Wollens bedrängt wird, wenn das Geben-Wollen zum kleinen Rinnsal zu versickern droht," begründete Alt-Bischof Johann Weber die Wahl des Caritas-Präsidenten. Umweltschützerin Freda Meissner-Blau, krankheitsbedingt verhindert, wurde von Christine von Weizsäcker gewürdigt: Sie habe ihre Arbeit trotz riesiger Hindernisse getan. Was verbindet die so verschiedenen Preisträger? "Ziviles Engagement" (GlobArt-Präsident Bijan Khadem-Missagh.

Engagement und Zivilgesellschaft waren in den Tagen davor Thema des Symposiums. Dass die Zivilgesellschaft als Gegenpol zur Demokratie wichtig sei, stand für alle fest. "Die Demokratie hat sich selbst lächerlich gemacht," meinte Rainer Bischof, Komponist und Philosoph. "Unsere medial ausgerichtete Gesellschaft ist eine Gefahr für die Gewaltentrennung. In Deutschland hat die Politik zugegeben, dass Personalentscheidungen nur in medialer Ausrichtung getroffen wurden. Wir leben in der Demokratie in Permanenz mit der Lüge. Man darf in der Werbung sagen: Dieser Suppenwürfel schmeckt genauso gut wie eine echt ausgekochte Rindssuppe. Das ist eine Gemeinheit der echten Rindssuppe gegenüber." Im 21. Jahrhundert seien wir nicht auf der Höhe dessen, was uns Kant um 1800 hinterlassen habe.

Philosoph Peter Kampits findet es schade, dass die Universitäten, die als Räume für die Zivilgesellschaft prädestiniert wären, diese Rolle kaum ausgeübt haben. "Das einzige Mal, dass die Universitäten eine Vorreiterrolle für gesellschaftliche Entwicklungen hatten, war 1968 - wie immer man das beurteilen mag." Durch die jüngste Reform sei die Universität als Ort gesellschaftlicher Reflexion weiter in Frage gestellt. "Die Unis sind eine Art Durchlauferhitzer für die Wirtschaft geworden." Evaluierung wissenschaftlicher Leistung nach quantitativen Kriterien? "Kant oder Wittgenstein wären durchgefallen. Sie haben lange nichts produziert, nur nachgedacht."

Stefan Zapotocky, Vorstand der Wiener Börse, identifizierte Hindernisse auf dem Weg zu einer besseren Gesellschaft. "Der ständige Pessimismus ist schädlich - man muss sich mit Freude für eine Idee einsetzen, sonst kommt man nicht weiter. Gefährlich sind auch Vorurteile. Einer der schrecklichsten Begriffe ist der des ,Workaholic'. Menschen, die sich ausschließlich ihrem Beruf widmen, haben ein zu enges Weltbild." In eine ähnliche Kerbe schlug Philosoph Arno Böhler mit einem Plädoyer für Muße: "Für Momente muss nichts gewollt, verwirklicht oder besorgt werden." Für die antike Philosophie sei Muße ein hoher Wert gewesen. "Was ist aus dem alten europäischen Traum geworden? Haben wir ihn durch den American Dream verdrängt?"

Auch die Dichter fanden Zeit. Am abendlichen Kamin las Arnold Stadler aus seinem "Mein Stifter", dann diskutierte er mit Hermann Nitsch und Prälat Joachim Angerer über den Schriftsteller, "der zeitlebens hungerte und darüber immer dicker wurde". Nitsch, Stifter-Fan: "Mich interessiert er wegen meiner eigenen Genusssucht. Ich habe mein ganzes Leben lang versucht, üppig zu leben und hatte nie das Gefühl der Ausschweifung. Wenn Stifter nicht soviel Sinnliches erfahren hätte, hätte er nicht soviel Sinnliches schreiben können." Anders sieht dies Stadler. "Es gibt auch den umgekehrten Weg, dass der Verzicht großes bewirkt. Dass Stifter grandios geschrieben hat, ist nicht die Folge des Dickseins, sondern des Unglücks, dessen Fanal die Korpulenz ist."

© diepresse.com | Wien