| Salzburger Nachrichten am 14. Juni 2006 - Bereich: Kultur
Egon und seine Tafelrunde Österreichische Galerie
im Oberen Belvedere: "Egon Schiele und sein Kreis"
ERNST P. STROBLWIEN (SN). Auch wenn man denkt, dass das Thema "Wien um
1900" längst abgegriffen ist und man ohnehin alles gesehen hat, was sich
um die Namen Klimt, Schiele oder Kokoschka herum ausstellen lässt,
erstaunt man dennoch immer wieder aufs Neue über die Kraft dieser Kunst,
die so voller Aufbruchsstimmung und Vorwärtsdrang steckt. Und wenn man
zwischen den Ikonen der österreichischen Moderne doch noch kaum bekannte
Schönheiten entdeckt, lohnt sich ein Ausstellungsbesuch doppelt. Gerbert Frodl, der scheidende Direktor der Österreichischen Galerie im
Belvedere, hat in seiner vorletzten Ausstellung sozusagen ins Volle
gegriffen und gemeinsam mit den beiden Kuratoren Thomas Trummer und Tobias
Natter die Räume mit wunderbaren Werken rund um das Thema "Schiele und
sein Kreis" behängt. Die Schau wurde gestern, Dienstag, eröffnet und ist
bis 24. September zu sehen. Es waren acht aufregende Jahre, als der junge Egon Schiele gemeinsam
mit anderen wie Faistauer oder Andersen die "Neukunstgruppe" formierte.
Schiele schrieb im Gruppen-Manifest nieder, dass neue Schöpfung nur unter
Befreiung von Traditionen und Hergebrachtem möglich ist. Zwischen 1909 und
1918 entstand eine Reihe von Meisterwerken des österreichischen
Frühexpressionismus, die in der Ausstellung nicht einfach nebeneinander
hängen, sondern korrespondieren. Im dunkel bespannten Raum 4 der
Ausstellung hängen etwa Klimts "Der Kuss" (1908) und Schieles "Die
Eremiten" (1912) gegenüber. Der ältere, Klimt, verspricht der Welt Heil
durch die (schöne) Kunst, während der junge Schiele mit seinen dunklen
Zwitter-Figuren Düsternis herbeimalt. Berührend sind die Zeugnisse des jungen Talentes, das sich unaufhaltsam
durchsetzte. "Häuser im Winter" aus dem Jahr 1907 ist deshalb auf Papier,
da Schiele kein Geld für Leinwand besaß. 1910 ist der weltbekannte Stil
Schieles schon unumkehrbar ausgeprägt. Insgesamt 112 Gemälde, Grafiken,
Bücher und Dokumente zeigen den Künstler und Menschen Schiele. Ein
Spezialfall ist die "Die Tafelrunde". Das Gemälde war seit 1917 erst zwei
Mal ausgestellt, zuletzt 1927 in Berlin, nun kann es aus amerikanischem
Privatbesitz nach Wien. Die Neukünstler und deren Freunde werden mit herausragenden Werken
präsentiert, von Anton Faistauer zum Schiele-Schwager Anton Peschka, von
Max Oppenheimer zu Albert Paris Gütersloh und hin zu den Doppelbegabungen
Oskar Kokoschka und Arnold Schönberg. Empfehlenswert ist auch der
reichhaltige Katalog (DuMont, 28 Euro). Info: www.schiele-belvedere.at
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