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Elke Krystufek: "Feminismus ist die größte Umwälzung!"

25.06.2011 | 18:25 | von BARBARA PETSCH (Die Presse)

Die Künstlerin Elke Krystufek spricht über den Kunstmarkt, den Kanon und den Skandal. Sie liebt altmodische Tätigkeiten, vor allem das Theater.

„Eine Milliarde Dollar – der Wert der Kunst“ heißt ein neues Buch von Jacqueline Nowikovsky (CzerninVerlag). Darin wird der Kunstmarkt mit dem Aktienmarkt verglichen. Ist das ein legitimer Vergleich?

Elke Krystufek: Als Künstlerin beschäftigt mich weder der Kunst- noch der Aktienmarkt besonders. Diese Frage könnte andere Leute zum Start einer Umfrage bewegen: Wie viele Minuten am Tag beschäftigen Sie sich mit Geldverdienen? Oder: Wie viele Minuten denken Sie täglich an Sex? Womöglich mit der Stoppuhr in der Hand? Wahrscheinlich gehört es zu den schöneren Aspekten des Lebens, dass das meiste nicht messbar ist. Sie haben mich zum Beispiel nach meinem Atelier gefragt. Das kann ich nur mit totaler Ortlosigkeit beantworten. Zeit meines Künstlerdaseins habe ich immer überall gearbeitet. Arbeit ist dann oft die Frage einer spezifischen sozialen Konstellation, die mit unterschiedlichsten Menschen stattfinden kann, die nicht immer einem Kontext von Kunstproduktion angehören.

 

Von der „Viennafair“ bis zur Biennale Venedig – eine Kunstmesse löst bald die andere ab. Was bringt das den Künstlern? Oder bringt es nur dem Handel etwas?

Die Freude am Schauen und am Entdecken muss nicht unbedingt eine andere sein, egal ob sie in einer Galerie, einem Museum, einer Kunsthalle, einer Kirche, in einer Moschee oder auf einer Messe stattfindet. Der Vorteil von uns KünstlerInnen ist, dass wir an diese Veranstaltungen oft sehr unbeschwert herangehen können. Der Kunstbetrieb ist ja trotz allem ein sich ständig erneuerndes System, das Platz für immer andere Formen bietet. Die Biennalen und Messen sind also als ein weiteres Angebot zum Ausdruck zu sehen. Wenn ich eine Messe oder Biennale besuche, ist das für mich immer interessant: egal ob als TeilnehmerIn oder als BesucherIn, denn ich kann das immer mit anderen Erfahrungswerten vergleichen. Dann gibt es außerdem die Messen und Biennalen, die ich nicht besucht habe, weil etwas anderes wichtiger war. Das ist wie bei einem Teppich, ein ganz essenzielles Element im Muster sind die Leerstellen.


Wer bestimmt eigentlich, wer in den Kanon kommt bzw. erfolgreich und bekannt wird? Sind die Vermittler mächtiger geworden?

Das sind alles Fragen, die ich mir als Künstlerin gar nicht stelle. Letztendlich trägt einen die Freude an der künstlerischen Arbeit über Erfolge oder Misserfolge hinweg – oder es sind ohnehin ganz andere Faktoren.


Würden Sie auch auf eine Altmeister-Messe wie Maastricht fahren? Oder ist das deprimierend, wenn man die tollen Preise sieht und daran denken muss wie manche berühmten Künstler zu Lebzeiten gehungert oder fast nichts verdient haben?

Ich würde sicher gerne nach Maastricht fahren, wenn ich Zeit hätte, einfach aus Neugier. Es gab immer Genies, die ihr Leben in Wohlstand genossen haben und welche, die gehungert haben, das ist heute auch nicht anders. Gerne würde ich allen Menschen, egal ob Genies oder nicht und außerdem nicht nur den hungernden Menschen das Hungern ersparen.

Hoffen Sie, einmal so eine Fama zu haben wie Caravaggio oder Picasso? Ist das für eine Frau überhaupt möglich?

Mit meiner Fama bin ich sehr zufrieden und wünsche mir keine andere. Tracey Emin (gehört zu den Young British Artists, wurde u.a. bekannt durch „My Bed“, 1999, ihr ungemachtes Bett, Anm.) hat wahrscheinlich nach Ihrem Beurteilungsschema so eine Fama, ich kenne sie aber auch persönlich und daher auch einige der Kehrseiten dieser Fama.

 

Wie wichtig war oder ist der Feminismus für die bildende Kunst? Gibt es andere große Veränderungen, Computer zum Beispiel?

Feminismus als politische Haltung funktioniert kunstunabhängig und spielt auf allen sozialen Ebenen die Rolle der größten Umwälzung, die es zwischen den Geschlechtern je gegeben hat. Parallel dazu gibt es eine ziemliche Virtualisierung des Kunstmachens. Fast zeitgleich mit der Herstellung einer künstlerischen Arbeit findet mittlerweile ihre Dokumentation und kurz darauf das Onlinestellen statt. Das verändert auch im Politischen jede Art der Öffentlichkeit, weil die Räume nur mehr zum Teil die Austragungsorte für Auseinandersetzungen sind und selbst im privaten Bereich Computer in irgendeiner Form die wichtigsten Einrichtungsgegenstände nach Matratze oder Bett sind. Die Revolutionen oder künstlerischen Statements richten sich mittlerweile sehr stark nach den Geräten aus. Kamerabilder werden flüchtiger, als sie noch vor zum Beispiel 20Jahren waren, und die Kommunikation wird textlastiger, wenn auch manchmal in Kürzeln.

Wie sieht Ihr Tagesablauf aus? Wo finden Sie Inspirationen? Arbeiten Sie jeden Tag?

Nein, aus Prinzip nicht. Mein Tagesablauf sieht jeden Tag anders aus. Das ist einer der großen Vorteile meines Berufs, dass ich nur selten an Orte, Zeiten gebunden bin. Inspirationen finde ich überall, aber auch in Büchern, Gesprächen, Ausstellungen, der Natur.

Ist es wahr, dass Kunst Schwerstarbeit ist?

Nein, idealerweise passiert sie mit einer gewissen Leichtigkeit, ähnlich wie bei einem zenbuddhistischen Bogenschützen.

Sie haben zuletzt auch am Theater gearbeitet, etwa in der GarageX („HUB“, April 2011). Was bedeutet Ihnen das Theater?

Ich liebe Theater! Auch wenn ich nicht oft Theater besuche, genieße ich das immer sehr. Die Arbeit in der GarageX war wunderbar, ich hatte große Freude mit meinem Team dort, jeder Tag der Zusammenarbeit war schön.

Würden Sie gern mal einen großen Raum wie das Burgtheater oder das Volkstheater mit Ihren Performances bespielen?

Ja, wobei der Begriff Performances dafür nicht zutreffend ist. Vom Prinzip her war mein Projekt ja ganz klassisches Regietheater.

Theater gilt oft als altmodisches Medium.

Mir gefallen altmodische Tätigkeiten. Auch Kunst ist an sich altmodisch, trotzdem gibt es genügend Faktoren, die sich in beiden Bereichen ändern. Der Umgang mit Orten ist beim Theater ein anderer, weil Kunst eben im Vergleich viel ortsloser ist. Ausstellungen können etwas einfacher „wandern“ als Theaterproduktionen, in die sehr viele Menschen involviert sind.

Was mögen Sie am meisten an Ihrer Arbeit?

Die Freiräume, dass Kunst immer noch ein sehr undefiniertes Feld ist, wo jede/r Einzelne die Parameter ein Stück weit verändern kann.

Manche Künstler beklagen Einsamkeit, manche hätten gern mehr davon. Wie ist das bei Ihnen? In der Aufführung in der GarageX schien es mir, dass Sie es nicht mögen, ein Künstler zum Anfassen zu sein.

Die Texte aus dem Theaterstück haben keine Verbindung zu meiner Person. Es ging mir darum, bestimmte Haltungen darzustellen, die von den ZuseherInnen auch als authentisch empfunden werden – wie mir bestätigt wurde. Meine Arbeit hat ansonsten den Vorteil, dass ich laute und stille Orte nach Belieben aussuchen kann. Ich genieße beides, wobei alleine zu arbeiten, ja nicht unbedingt Einsamkeit bedeutet, sondern mit Konzentration zu tun hat.

Haben Sie jemals daran gedacht, etwas anderes zu machen als Kunst. Was?

Mode, was ich ja auch schon gemacht habe. Arabistik zu studieren, wobei die Universitäten für mich meist nicht ausreichend spannende Aufenthaltsorte sind, um dort länger zu verweilen, und sich auch bald für mich die Frage gestellt hat, wie hoch die Dosis von arabischen Einflüssen in meiner Arbeit sein soll, die sehr auf Gleichgewicht ausgerichtet ist. Fremd und aufregend ist nach einiger Zeit der Abwesenheit dann auch wieder das scheinbar Vertraute. Zeit ist ein sehr spannender Faktor bei bildender Kunst, weil z.B. in circa 15-Jahres-Schritten künstlerische Haltungen für die Nachfolgenden schnell nicht mehr nachvollziehbar werden. Es gibt sehr viele Ausstellungen zu den Sechziger- und Siebzigerjahren, aber eigentlich sind uns die Neunziger auch schon sehr fremd oder weit weg. Deswegen hat mich immer wieder das Thema Archiv sehr beschäftigt, das seit einigen Jahren mein Hauptarbeitsfeld geworden ist. Sozusagen das Hinein-und Hinauskuratieren verschiedener Werke in und aus dem Archiv wie auch die völlige Überraschung angesichts nicht mehr erinnerter Werke aus dem eigenen Archiv. Archive haben für mich in ihrer politischen Bedeutung, aber auch in ihrem Speichercharakter im und abseits des Internets eine große Sprengkraft.


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