"DIE PRESSE": Sie haben vor 15 Jahren ein Buch mit dem
Titel "Spielregeln" über Tendenzen in der Kunst veröffentlicht. Ein guter
Titel, weil er das Freie, Spielerische mit dem Normativen eines Regelwerks
verband. Wie sehen Sie heute die Tendenzen in der Kunst?
Stephan Schmidt-Wulffen: Die Kunst hat sich immer
mehr in den Alltag eingemischt. Es wurde ihr immer weniger wichtig,
Objekte zu produzieren, die man irgendwo ausstellen kann. Ihr Interesse
wurde immer größer, Dinge zu tun, die den alltäglichen Lauf der Dinge
beeinflussen. Sie hatten hier in Wien ein extremes Beispiel in den
neunziger Jahren: die "Wochenklausur", eine Gruppe von Künstlern, die sich
einen sozialen Krisenpunkt ausgesucht hat und dann ganz praktisch zu
intervenieren versuchte. Da entstanden keine Kunstobjekte, da blieb
meistens außer ein paar Photos überhaupt nichts. Es ist immer wieder
gesagt worden, daß das eine Gefahr für die Kunst sei: Weil sie im Grunde
verschwindet und sich in Sozialarbeit auflöst.
Ich glaube, daß das Erstarken der Video-Kunst, das man
jetzt auf der "documenta" wieder sieht, ein mehr oder minder gelungener
Kompromiß ist - hin zu etwas, das so alltäglich ist, daß es allen Menschen
als Wahrnehmungsform geläufig ist, das auch so sehr klassischen
Präsentationsformen der Kunst widerspricht, daß es eben nicht an der Wand
hängt, nicht auf dem Sockel steht und keine Aura hat - und dennoch ein
künstlerisches Produkt ist. Also in gewisser Weise eine Rückzugsposition.
Das beobachte ich im Moment sehr stark als Nachfolge der ganz exponierten
Positionen des Einmischens der neunziger Jahre - aber ohne, daß der
gesellschaftliche Anspruch verloren geht.
Glauben Sie, daß es heute noch irgend ein erkennbares
Merkmal einer österreichischen Kunst gibt innerhalb des großen
Betriebs?
Schmidt-Wulffen: Spätestens mit der Generation der
Zobernigs, Rockenschraubs, also einer sehr stark konzeptuell geprägten
Kunst - Franz West mag so an der Grenze stehen zwischen einem Schmäh, den
man noch vom Aktionismus kannte, und doch einer großen konzeptuellen
Vision -, hat sich die österreichische Kunst so intensiv in den
internationalen Dialog eingeklinkt, daß man von einer typisch
österreichischen Sensibilität, glaube ich, nicht mehr reden kann. Das ist
natürlich umgekehrt auch die besondere Chance der Wiener Akademie. Die
österreichischen Künstler sind in diesem internationalen Konzert sehr
bedeutsam, und diese Akademie kann deshalb für das internationale Konzert
sehr bedeutsam werden.
Zur Wirtschafts-Uni?
Im heutigen Kunstbetrieb blieb der Invention, der
Erfindung, eine ganz bescheidene Rolle im Künstlerleben - verglichen mit
der Organisationsarbeit und dem Self-Management. Sollte man Ihre Akademie
nicht besser der Wirtschaftsuniversität angliedern? Dort lernen die
Studenten Projektpapiere zu schreiben, zu kalkulieren, Marketing, PR, etc.
Der ingeniöse Akt wäre ja nicht ausgeschlossen.
Schmidt-Wulffen: Sie haben in gewisser Weise
Recht. Was man nicht übersehen darf, ist ein ganz zentraler Einschnitt in
den sechziger und siebziger Jahren in unserer gesamten Kultur, das
betrifft nicht nur die bildende Kunst, das betrifft auch die Philosophie,
den Film, die Sozialwissenschaften. In diesem Moment hat man begonnen,
sich den Menschen, den schöpferischen Menschen insbesondere, anders
vorzustellen. Bis dorthin, über viele, viele Jahrhunderte, dachte man, daß
der schöpferische Mensch ein autonomes Subjekt ist, das sich etwas
ausdenkt, das Eingebungen - göttliche Eingebungen einige Jahrhunderte
vorher - hat, und dann mit diesen Eingebungen an die Gesellschaft
herantritt.
Nun stellt man sich diesen schöpferischen Menschen - und
den Menschen überhaupt - völlig anders vor: Daß nämlich Subjektivität
nichts Ursprüngliches ist, sondern ein Produkt, und daß sich dieses Ich im
Gespräch formt, in der Kommunikation, im Kursieren von Bildern. Wenn man
das ernst nimmt, kann es in dem alten Sinn von schöpferisch ein
schöpferisches Subjekt gar nicht mehr geben. Sondern es gibt den Macher,
den Kreator, der seinen Dialog mit der Öffentlichkeit nutzen muß, um
vielleicht durch Regeldurchbrechung, Abweichung etwas Originäres zu
machen.
Das wirft natürlich die Frage nach der
Existenzberechtigung von Kunstakademien auf.
Schmidt-Wulffen: Weil unser Grundverständnis von
der Rolle des Künstlers seit dreißig Jahren ein grundsätzlich anderes ist,
wurde es eine der großen Herausforderungen unserer Kultur, die
Institutionen Museum und Akademie diesem neuen Verständnis anzupassen. Das
ist nämlich noch nicht geschehen. Es liegt darin auch eine große Gefahr.
Im Moment müssen wir überlegen, wie wir das Autonome, das ja auch ein
Freiraum ist, vor dem Mechanismus des Alltagslebens schützen. Das Museum
ist plötzlich ein auch politisch wichtiger Raum geworden, weil es mehr
oder minder der einzige Ort ist, wo man innehalten kann in diesem
Alltagsgeschäft, in welchem der ökonomische Druck, der Produktionsdruck
immer größer wird.
Die Museumsszene, wie ich sie sehe, funktioniert ganz
anders. Sie steht unter Produktions- und Konkurrenzdruck, für die Kunst
müssen die selben Marketing-Mechanismen bemüht werden wie für Coca Cola.
Kunsthallen gleichen Verschiebebahnhöfen, wo das Immergleiche aus aller
Welt durchgeschleust wird.
Schmidt-Wulffen: Ich sehe das auch sehr kritisch.
Ich glaube: Die verkaufen ihre eigene Haut. Worüber Sie aber reden, sind
die Produktionsmechanismen. Ich rede über das Produkt. Und das zentrale
Produkt, das ein Museum bietet, ist immer noch ein Werk. Das ist ein Werk,
das um sich einen Ruheraum hat, und wenn ich den betrete, muß ich von
meinen Alltagsbelangen absehen und muß verstehen, was da passiert. Das ist
ein ganz kostbarer Raum. Wenn die Museen aus Produktions- und
Marketinggründen diesen Raum gefährden, dann kommen sie in ganz schwere
Gewässer.
Kunst, die sich nicht mehr wie die alten Bilder
stapeln läßt, etwa Installationskunst, braucht immer mehr Museums-Volumen
zu ihrer Thesaurierung. Da stößt man auf Grenzen der Finanzierbarkeit.
Doch Tabus hindern uns, Artefakte zu entsorgen.
Schmidt-Wulffen: Das wird sicherlich anders
werden. Wir haben ja auch einen ganz anderen Geschichtsbegriff bekommen.
Wir werden Geschichte anders konstruieren, und deshalb die Bestände auch
anders evaluieren.
Wenn ich es nur am Rande bemerken darf: Ich finde die
Neueinrichtung im Museum moderner Kunst durch Edelbert Köb mutig in genau
diesem Sinn. Ich weiß nicht, ob er mit Fluxus und Wiener Aktionismus als
Ausstellungsschwerpunkt die Massen ins Museum zieht - aber mir ist ganz
klar, daß er damit einen ganz, ganz wichtigen Beitrag zur Rolle des
Museums bietet. Denn im Mittelpunkt stehen Videokabinen. Das Zentrale ist
nicht mehr ein Bluttuch, sondern die Videodokumentation einer Aktion.
Frei oder angewandt?
Und hier in der Akademie der bildenden Künste: Was
wäre zu verändern, umzubauen, als neues Ziel anzustreben?
Schmidt-Wulffen: Die Akademie muß viel stärker als
Kompetenzzentrum des Ästhetischen in Erscheinung treten. Wir sind nicht
nur Ausbildungsstätte, sondern auch eine Versammlung von Fachleuten. Mein
Wunsch ist es, daß wir in Zukunft viel öfter Gelegenheit haben, zu dem,
was öffentlich diskutiert wird oder werden sollte, Stellung zu beziehen.
Es gibt in Wien zwei universitäre
Künstler-Ausbildungsstätten, die jüngere "Angewandte" und die ältere
Akademie. Eigentlich wurde die "Angewandte" am Stubenring eingerichtet als
ein Kompetenzzentrum des Ästhetischen im Alltag, etwa für das Design. Da
wurde am Stubenring viel versäumt. Versuchen Sie darum einen
Rollentausch?
Schmidt-Wulffen: Nein. Es geht nicht darum, daß
wir uns jetzt auf das Angewandte kaprizieren, auch nicht in der
Ausbildung. Ich glaube, daß alle sechs Kunstuniversitäten in Österreich in
gleicher Weise sich im öffentlichen Leben als solche Kompetenzstellen
profilieren müssen. Ich habe auch einen sehr guten Kontakt mit meinem
Kollegen an der Angewandten, und was Sie da andeuten, wird uns
beschäftigen und beschäftigt uns. Nun muß man dazu heute sagen: Das, was
heute angewandt ist, und das, was heute frei ist, läßt sich
natürlich gar nicht mehr so sauber trennen. Wir müssen uns ganz andere
Rollenverteilungen ausdenken.
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