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26.07.2002 - Kultur News
Wie wird die Kunstakademie ein Kompetenz-
zentrum?
Stephan Schmidt-Wulffen, deutscher Kunsttheoretiker und Ausstellungsmacher, wurde im Februar zum Rektor der Akademie der bildenden Künste gewählt. Die Bedeutung der Kunst, die Rolle der Kunstakademien: Versuch einer Standortbestimmung im "Presse"-Gespräc
VON HANS HAIDER


"DIE PRESSE": Sie haben vor 15 Jahren ein Buch mit dem Titel "Spielregeln" über Tendenzen in der Kunst veröffentlicht. Ein guter Titel, weil er das Freie, Spielerische mit dem Normativen eines Regelwerks verband. Wie sehen Sie heute die Tendenzen in der Kunst?

Stephan Schmidt-Wulffen: Die Kunst hat sich immer mehr in den Alltag eingemischt. Es wurde ihr immer weniger wichtig, Objekte zu produzieren, die man irgendwo ausstellen kann. Ihr Interesse wurde immer größer, Dinge zu tun, die den alltäglichen Lauf der Dinge beeinflussen. Sie hatten hier in Wien ein extremes Beispiel in den neunziger Jahren: die "Wochenklausur", eine Gruppe von Künstlern, die sich einen sozialen Krisenpunkt ausgesucht hat und dann ganz praktisch zu intervenieren versuchte. Da entstanden keine Kunstobjekte, da blieb meistens außer ein paar Photos überhaupt nichts. Es ist immer wieder gesagt worden, daß das eine Gefahr für die Kunst sei: Weil sie im Grunde verschwindet und sich in Sozialarbeit auflöst.

Ich glaube, daß das Erstarken der Video-Kunst, das man jetzt auf der "documenta" wieder sieht, ein mehr oder minder gelungener Kompromiß ist - hin zu etwas, das so alltäglich ist, daß es allen Menschen als Wahrnehmungsform geläufig ist, das auch so sehr klassischen Präsentationsformen der Kunst widerspricht, daß es eben nicht an der Wand hängt, nicht auf dem Sockel steht und keine Aura hat - und dennoch ein künstlerisches Produkt ist. Also in gewisser Weise eine Rückzugsposition. Das beobachte ich im Moment sehr stark als Nachfolge der ganz exponierten Positionen des Einmischens der neunziger Jahre - aber ohne, daß der gesellschaftliche Anspruch verloren geht.

Glauben Sie, daß es heute noch irgend ein erkennbares Merkmal einer österreichischen Kunst gibt innerhalb des großen Betriebs?

Schmidt-Wulffen: Spätestens mit der Generation der Zobernigs, Rockenschraubs, also einer sehr stark konzeptuell geprägten Kunst - Franz West mag so an der Grenze stehen zwischen einem Schmäh, den man noch vom Aktionismus kannte, und doch einer großen konzeptuellen Vision -, hat sich die österreichische Kunst so intensiv in den internationalen Dialog eingeklinkt, daß man von einer typisch österreichischen Sensibilität, glaube ich, nicht mehr reden kann. Das ist natürlich umgekehrt auch die besondere Chance der Wiener Akademie. Die österreichischen Künstler sind in diesem internationalen Konzert sehr bedeutsam, und diese Akademie kann deshalb für das internationale Konzert sehr bedeutsam werden.

Zur Wirtschafts-Uni?

Im heutigen Kunstbetrieb blieb der Invention, der Erfindung, eine ganz bescheidene Rolle im Künstlerleben - verglichen mit der Organisationsarbeit und dem Self-Management. Sollte man Ihre Akademie nicht besser der Wirtschaftsuniversität angliedern? Dort lernen die Studenten Projektpapiere zu schreiben, zu kalkulieren, Marketing, PR, etc. Der ingeniöse Akt wäre ja nicht ausgeschlossen.

Schmidt-Wulffen: Sie haben in gewisser Weise Recht. Was man nicht übersehen darf, ist ein ganz zentraler Einschnitt in den sechziger und siebziger Jahren in unserer gesamten Kultur, das betrifft nicht nur die bildende Kunst, das betrifft auch die Philosophie, den Film, die Sozialwissenschaften. In diesem Moment hat man begonnen, sich den Menschen, den schöpferischen Menschen insbesondere, anders vorzustellen. Bis dorthin, über viele, viele Jahrhunderte, dachte man, daß der schöpferische Mensch ein autonomes Subjekt ist, das sich etwas ausdenkt, das Eingebungen - göttliche Eingebungen einige Jahrhunderte vorher - hat, und dann mit diesen Eingebungen an die Gesellschaft herantritt.

Nun stellt man sich diesen schöpferischen Menschen - und den Menschen überhaupt - völlig anders vor: Daß nämlich Subjektivität nichts Ursprüngliches ist, sondern ein Produkt, und daß sich dieses Ich im Gespräch formt, in der Kommunikation, im Kursieren von Bildern. Wenn man das ernst nimmt, kann es in dem alten Sinn von schöpferisch ein schöpferisches Subjekt gar nicht mehr geben. Sondern es gibt den Macher, den Kreator, der seinen Dialog mit der Öffentlichkeit nutzen muß, um vielleicht durch Regeldurchbrechung, Abweichung etwas Originäres zu machen.

Das wirft natürlich die Frage nach der Existenzberechtigung von Kunstakademien auf.

Schmidt-Wulffen: Weil unser Grundverständnis von der Rolle des Künstlers seit dreißig Jahren ein grundsätzlich anderes ist, wurde es eine der großen Herausforderungen unserer Kultur, die Institutionen Museum und Akademie diesem neuen Verständnis anzupassen. Das ist nämlich noch nicht geschehen. Es liegt darin auch eine große Gefahr. Im Moment müssen wir überlegen, wie wir das Autonome, das ja auch ein Freiraum ist, vor dem Mechanismus des Alltagslebens schützen. Das Museum ist plötzlich ein auch politisch wichtiger Raum geworden, weil es mehr oder minder der einzige Ort ist, wo man innehalten kann in diesem Alltagsgeschäft, in welchem der ökonomische Druck, der Produktionsdruck immer größer wird.

Die Museumsszene, wie ich sie sehe, funktioniert ganz anders. Sie steht unter Produktions- und Konkurrenzdruck, für die Kunst müssen die selben Marketing-Mechanismen bemüht werden wie für Coca Cola. Kunsthallen gleichen Verschiebebahnhöfen, wo das Immergleiche aus aller Welt durchgeschleust wird.

Schmidt-Wulffen: Ich sehe das auch sehr kritisch. Ich glaube: Die verkaufen ihre eigene Haut. Worüber Sie aber reden, sind die Produktionsmechanismen. Ich rede über das Produkt. Und das zentrale Produkt, das ein Museum bietet, ist immer noch ein Werk. Das ist ein Werk, das um sich einen Ruheraum hat, und wenn ich den betrete, muß ich von meinen Alltagsbelangen absehen und muß verstehen, was da passiert. Das ist ein ganz kostbarer Raum. Wenn die Museen aus Produktions- und Marketinggründen diesen Raum gefährden, dann kommen sie in ganz schwere Gewässer.

Kunst, die sich nicht mehr wie die alten Bilder stapeln läßt, etwa Installationskunst, braucht immer mehr Museums-Volumen zu ihrer Thesaurierung. Da stößt man auf Grenzen der Finanzierbarkeit. Doch Tabus hindern uns, Artefakte zu entsorgen.

Schmidt-Wulffen: Das wird sicherlich anders werden. Wir haben ja auch einen ganz anderen Geschichtsbegriff bekommen. Wir werden Geschichte anders konstruieren, und deshalb die Bestände auch anders evaluieren.

Wenn ich es nur am Rande bemerken darf: Ich finde die Neueinrichtung im Museum moderner Kunst durch Edelbert Köb mutig in genau diesem Sinn. Ich weiß nicht, ob er mit Fluxus und Wiener Aktionismus als Ausstellungsschwerpunkt die Massen ins Museum zieht - aber mir ist ganz klar, daß er damit einen ganz, ganz wichtigen Beitrag zur Rolle des Museums bietet. Denn im Mittelpunkt stehen Videokabinen. Das Zentrale ist nicht mehr ein Bluttuch, sondern die Videodokumentation einer Aktion.

Frei oder angewandt?

Und hier in der Akademie der bildenden Künste: Was wäre zu verändern, umzubauen, als neues Ziel anzustreben?

Schmidt-Wulffen: Die Akademie muß viel stärker als Kompetenzzentrum des Ästhetischen in Erscheinung treten. Wir sind nicht nur Ausbildungsstätte, sondern auch eine Versammlung von Fachleuten. Mein Wunsch ist es, daß wir in Zukunft viel öfter Gelegenheit haben, zu dem, was öffentlich diskutiert wird oder werden sollte, Stellung zu beziehen.

Es gibt in Wien zwei universitäre Künstler-Ausbildungsstätten, die jüngere "Angewandte" und die ältere Akademie. Eigentlich wurde die "Angewandte" am Stubenring eingerichtet als ein Kompetenzzentrum des Ästhetischen im Alltag, etwa für das Design. Da wurde am Stubenring viel versäumt. Versuchen Sie darum einen Rollentausch?

Schmidt-Wulffen: Nein. Es geht nicht darum, daß wir uns jetzt auf das Angewandte kaprizieren, auch nicht in der Ausbildung. Ich glaube, daß alle sechs Kunstuniversitäten in Österreich in gleicher Weise sich im öffentlichen Leben als solche Kompetenzstellen profilieren müssen. Ich habe auch einen sehr guten Kontakt mit meinem Kollegen an der Angewandten, und was Sie da andeuten, wird uns beschäftigen und beschäftigt uns. Nun muß man dazu heute sagen: Das, was heute angewandt ist, und das, was heute frei ist, läßt sich natürlich gar nicht mehr so sauber trennen. Wir müssen uns ganz andere Rollenverteilungen ausdenken.



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