29.11.2002 19:31
Erlebnisbad mit Flusskrebs
In St.
Pölten wird die Verschränkung von Kunst und Natur geprobt. Nach einer ersten
Besichtigungsrunde muss festgestellt werden: Es darf weiter geübt werden
St. Pölten - Ganz wichtig ist zunächst, dass hoch oben ein
riesiger Felsen schwebt. Dort beginnt alles. Schließlich ist da ein Kühlaggregat
eingebaut, dessen Zweck es ist, Millionen vorwiegend flachländisch geprägten
blau/gelben Hoffnungsträgern in Ausbildung das Erlebnis Gletscher zu
ermöglichen. Mitten im Regierungsviertel.
Geschätzte 982.000
Quadratmillimeter von echtem Eis machen anschaulich, wie es dort ist, wo die
Geierwally im wilden Tirol wohnt. Die Geier selbst hocken nebst anderen
Greifvögeln horstlos und dennoch friedlich nebeneinander, strukturieren derart
eine schön bunte Wand recht winkelig. Da ausgestopft, bleibt das Muster auf
Dauer konsistent.
Wie überall anders auch schmilzt das Eis im
Niederösterreichischen Landesmuseum still, aber beharrlich vor sich hin und
rauscht als Wasser landschaftsbildend talwärts. Exklusiv für St. Pölten tut es
das in naturnah gewundenen und hindernisreichen Läufen aus transparentem
Plexiglas. Und tut dabei so, als würde es auf seinem Weg bis hinab in die Tiefen
einer Höhle eine ganze Kette von Aquarien speisen, bis es schließlich,
Tropfsteine nach sich ziehend, versickert.
In der Höhle selbst gibt es
echte blinde Heuschrecken. Deren Hang, sich zu verstecken, erlaubte eine
gewissenhafte Überprüfung ihrer Wahrhaftigkeit leider nicht. Die interessante
Spezies könnte selbst nach ihrer Ausstellung im Museum gemeinhin unbekannt
bleiben. So wie man, ob ihrer vorbildlich artgerechten Haltung, auch die
Flusskrebse sicherer während der Wienwoche am Naschmarkt der Jugend ins
Blickfeld rücken kann.
Jedenfalls aber hat Hans Hollein, der Architekt,
dem Bereich Naturkunde mit seiner Interpretation als verbindender Steig
über die Kappen unterschiedlich hoch aufschießender Pilze vor große Aufgaben
gestellt. Zumal auch die Positionierung und Kubatur der Vitrinen - Wände gibt es
im Wald- und Wiesenbereich kaum - eher des Meisters Vorstellung von Blickachsen
als der Dimension real existierender Exponate angepasst wurde. Erich Steiner,
naturkundiger Kodirektor des Hauses, beruhigt aber insofern, als demnächst
sicher einige fachgerechte Adaptionen vorgenommen werden.
Carl Aigner,
erster Direktor und nebenher auch immer noch programmatisch Verantwortlicher für
die Kunsthalle Krems, hat da mit seinen Räumen der Kunstsammlung schon weniger
Probleme. Eher schon mit den Schnittstellen.
Eine recht bedeutende
Flachgauer Madonna aus der Gotik schielt einerseits wachsam nach den
offenen Karpfenbecken, lädt andernaugs aber schon ins ebenso streng oberlichtig
wie rechtwinkelig angelegte Refugium der niederösterreichischen Kunstschätze,
die, wiewohl sie motivisch der behaupteten Verschränkung von Kunst und Natur
verpflichtet wurden, letztlich den lebenden Ringelnattern recht reserviert
gegenüberstehen.
Auch wenn beim Kremser Barock-Original Wutky Vulkane
noch urgewaltig Feuer speien und Egon Schieles Mühle am rauschenden Bach einem
das Klappern in die Ohren treibt, wenn eine Sonderschau mit Zeitgenossen H2O
benannt und folglich nach Kriterien der Wasserhaltigkeit
zusammengestellt wurde, wollen die Kunst und die Sumpfschildkröten nicht recht
zueinander finden.
Egal: Nach der Passage vom Museum hinüber zur
kunstfreundlich adaptierten Shedhalle, vorbei an Anton Hanaks gestreckten Gipsen
des geschundenen menschlichen Körpers, hat man Flora und Fauna längst vergessen.
Und findet sich wieder in einem das Niederösterreichische sanft erweiternd
angelegten Kunstbegriff, der Landeskunstsammlung, die neben den Großen auch die
zuweilen zu un Recht als kleiner eingestuften Meister des 20. Jahrhunderts
zeigt. (Markus Mittringer/DER STANDARD, Printausgabe, Sa./So.,
30.11.2002)