432--Vom Suchen und kaum Finden
Luxemburg ist überschaubar und die Manifesta ist es eigentlich auch. Doch auch nach einem Dreiviertel der Ausstellung stellte sich das Gefühl ein, höchstens die Hälfte gesehen zu haben, und so sucht man weiter nach dem großen Rest. Ein wenig verstreut und etwas zusammenhangslos gruppiert, verliert sich so die Ausstellung in der überschaubaren Stadt. Als dezidiert junge Plattform für europäische Kunst liegt der Schwerpunkt auf der Entdeckungs- und Forschungsarbeit der Kuratoren, die dem Pressetext zufolge über vierzig europäische Staaten für die Künstlerauswahl bereisten. Das führt zum Verlust der großen, überzeugenden Einzelarbeiten, und leider auch nicht zu wirklichen Überraschungen. Am Ende der neunziger Jahre scheint die jungen Szene in ganz Europa erstaunlich konform.

Felix Gonzales-Torres war als Referenzfigur in die Ausstellung mit aufgenommen worden, den Augenmerk auf die Generationsverschiebungen in der Auswahl und Positionierung der Künstler lenkend. Mit einer Lichterkette im Stadtraum und einem "Selbstportrait" in Form einer Wandmalerei, die Daten und Ereignisse aus einigen Jahren zwischen 1957 und (in etwa) 1989 aneinanderreiht, sind zwei wesentliche Züge der Ausstellung benannt. Eine Referenz zum Biographischen, zur im Persönlichen gründenden Entscheidung, und zur subtilen Intervention im öffentlichen Raum, wo die Grenzen der Erkennbarkeit leichter verschwimmen. In dieser Genealogie sind Kristof Kinteras eigenartige Vibrationsmaschinen im Elektrogeschäft oder Inessa Josings Schaufensterdekorationen zu sehen, und wohl auch Tilo Schulz' Beschriftungen, bei denen der Künstler einzelne Gebäude mit eigenen Texten markiert, Michel Butors Bemerkung von der "Stadt als Text" aufgreifend. Für den Bereich des Persönlichen wurden bevorzugt Medien verwendet, die entweder den narrativen Charakter der Arbeit betonten (Video und Film bei zum Beispiel Kutlug Ataman, Gitte Villesen, Ann-Sofie Siden, Eija-Lisa Ahtila, Peter Land, Fanni-Niemi Junkola, Deimantas Narkevicius oder Sean Snyder) oder solche, die die fortdauernde private Auseinandersetzung belegten, z. B. Notizbücher und Fotos bei Orla Barry, Zeichnungen bei Maria Lindberg, Schnappschüsse bei Elke Krystufek, oder beständige Beschäftigung abverlangende Projekte "in progress" (Emese Benszur).



Eija-Liisa Ahtilas Videoinstallation über die Geschichte einer fiktiven Figur, die sich eine Freundin in ihr Leben halluziniert, bestach hierbei auch durch die formal sehr präzise Präsentation. Auch Deimantas Narkevicius' drei Filme leben vom Charme der Installation, mit alten Filmprojektoren aus dem Osten und der traurig-analytischen Tonlage des nüchtern gewordenen Blicks. Pierre Huyghe's Neuedition des Warhol-Films "Sleep" in einer 40-minütigen Fassung, kombiniert mit einem aktuellen Interview mit dem "Schläfer" von 1963, John Giorno, über die Zeit damals, war wohl die überzeugendste Arbeit, die sich in einem Kontext der kunstbezogenen Kritik situierte.

Als Besonderheit wurde der Katalog ausgegeben, der als "Sourcebook" konzipiert ist, mit einzelnen Kurztexten über die aktuelle Situation in den beteiligten Ländern und Referenzadressen von jungen Galerien, Kunstinstitutionen und Zeitschriften. Diese Texte sollen jedoch auf einer halben Seite über die letzten zehn Jahre Auskunft geben, und im Falle Deutschlands ist die Entwicklungseinschätzung, gegeben von Marius Babias, höcht fragwürdig. Oder warum sind als einzige Referenz eine Handvoll Berliner Galerien und eine Kölner Galerie aufgelistet? Und warum fehlen ausgerechnet solche Kontaktinformationen zu den beteiligten Künstlern? Der Teufel, so scheint es, steckt beim Katalog und der Ausstellung im Detail. Und im Detail sieht die zweite Manifesta häufig gar nicht so gut aus.

Christian Rattemeyer

Daten: Manifesta 2, kuratiert von Robert Fleck, Maria Lind und Barbara Vanderlinden, in Luxemburg, weitere Abbildungen hier, bis zum 11. Oktober 1998


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