Apfelmännchen und Wurmloch, Unschärferelation und Zeitdilatation: Die modernen Naturwissenschaften, insbesondere die Physik, bieten eine solche Menge an blumigen und/oder respekteinflößenden Wörtern, dass es ein Wunder wäre, wenn Künstler und ihre Kuratoren sich dieses Schatzes nicht bedienten. Wie eifrig sie's tun, kann man längst nicht nur mehr bei einschlägigen Festivals wie der Ars Electronica verfolgen. Und manchmal befassen sie sich sogar ernsthaft mit Konzepten der Wissenschaft.
Die Ausstellung „The Moderns“ tut im Wesentlichen, als ob das auch in den Jahren 1890 bis 1935 so gewesen wäre. Wobei das natürlich umständlicher formuliert wird: „Zwischen wissenschaftlichen Erkundungen und Entdeckungen und ästhetischen Konzeptionen finden sich deutlich ablesbare Beziehungen, aber auch sensible, kaum unmittelbar sichtbare Verbindungen.“
Maxwells Theorie und Psychologismus
Eine diskutable, in ihrer Minimalvariante – Kunst und Wissenschaft spüren den gleichen „Zeitgeist“ – eher triviale These. Doch wie die Kuratorinnen sie in der Ausstellung – laut eigener Aussage „ein Essay und als solcher zu betrachten und zu lesen“ – zu belegen versuchen, ist von exemplarischer Hilflosigkeit. So orten sie in den Theorien des elektromagnetischen Feldes „eine ähnliche Art des Antinaturalismus und Psychologismus“ wie im Symbolismus. Mit dieser „wissenschaftlichen Revolution“ sei „die Vorstellung beendet“ gewesen, „dass die Wissenschaft die objektive Welt beschreibe und auf verlässlichen Messungen beruhe“. Das gilt bestenfalls für die Quantentheorie (in manchen ihrer Interpretationen), gewiss nicht für die Theorie des Elektromagnetismus. Beide haben nichts mit Psychologie zu tun.
Aber in diesem Essay werden ja auch Positivismus und Realismus in einen Topf geworfen, die um 1900 ziemlich gegensätzliche Positionen waren. So findet sich unter dem Titel „Die philosophische Ablehnung von Positivismus, Realismus und Naturalismus“ neben Nietzsche und Schopenhauer auch Ernst Mach, der zu Recht als Inbegriff eines Positivisten galt! Und natürlich Henri Bergson, jener Philosoph, der in seiner raunenden „Interpretation“ der Relativitätstheorie ein Vorreiter der postmodernen Philosophen à la Latour, Deleuze und Baudrillard war.
Von Bergson inspiriert scheinen einige besonders skurrile Passagen des Essays. So eine verblasene Formulierung der speziellen Relativitätstheorie Einsteins: „Er formulierte ein Gesetz über die Art und Weise, in der Beobachter Informationen über sich schnell bewegende Objekte als Funktion ihres eigenen Zustands erhalten.“ So habe er den Beobachter „in den Kontext der Physik eingeführt“. Die Kuratorinnen denken hier vielleicht an die Kopenhagen-Interpretation der Quantenmechanik, die Einstein zuwider war.
Die „nichteuklidische Geometrie“, liest man anderswo, habe „den Künsten ein neues Verständnis von Raum und Zeit eröffnet“. Denn: „An die Stellen von Dreidimensionalität und traditioneller Perspektive traten Vorstellungen eines mehrschichtigen, gekrümmten Raums.“ Was bitte ist ein mehrschichtiger Raum? Kann denn ein dreidimensionaler Raum nicht gekrümmt sein? Die Krümmung des Raumes (die in Wahrheit auch durch begabteste und belesenste Künstler nicht darstellbar ist, weil sie sich der Anschauung entzieht) soll den Kubismus inspiriert haben, heißt es, denn in diesem „werden Objekte in ihre Grundformen zerlegt und aus unterschiedlichen Perspektiven nebeneinander dargestellt“. Und das völlig euklidisch, möchte man einwerfen – und die Kubisten gegen die Unterstellung verteidigen, sie hätten ähnlich konfus mit mathematischen Begriffen jongliert.
Hier liegt wenigstens eine Assoziation nahe. Was Absurdismus und Dadaismus mit Physik zu tun haben sollen, erschließt sich aber weder dem Betrachter noch dem Leser des Essays. Vielleicht muss man dazu bereit sein, „sich ein Weltbild anzueignen, demzufolge sich die objektive Welt – falls es eine solche überhaupt gab – wesentlich durch Absurditäten, Unvereinbarkeiten und Widersprüche auszeichnete“. Das habe Anfang des 20.Jahrhunderts „eine immer größere Zahl von Menschen“ getan.
Muss man weiteren Unsinn sezieren? Erklären, warum das Bohnen-Theater, das laut Beschriftung die Brown'sche Bewegung darstellen soll, mit dieser nichts zu tun hat? Viele gezeigte Motive aus der Wissenschaft immerhin sind schön. Etliche Kunstwerke auch. Dass sie nun im Mumok beieinanderstehen, fügt ihnen beiden nichts hinzu.
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