Vom Objektcharakter der Skulptur

In dem 1965 entstanden Essay erläuterte Judd die Prinzipien einer neuen dreidimensionalen Kunst.


Dan Flavin, Carl Andre, Robert Morris und Donald Judd werden landläufig der Kunstströmung Minimalismus zugerechnet. Gegen dieses Etikett haben sie sich immer gewehrt. Der Kunsthistoriker, Kritiker, Philopsoph und Architekt Donald Judd erläutert in seinem programmtischen Text "Specific Objects" die Richtlinien einer Kunst zwischen Skulptur und neuer Materialität.

"Der Gebrauch von drei Dimensionen ermöglicht die Verwendung aller erdenklichen Materialien und Farben. Die meisten Arbeiten verwenden neue Materialien, entweder neue Erfindungen oder Dinge, die in der Kunst bislang noch nicht benutzt wurden. Bis vor kurzem wusste man mit der Fülle von Industrieerzeugnissen noch nichts Rechtes anzufangen. Mit industriellen Techniken wurde so gut wie überhaupt noch nicht gearbeitet, woran sich aus Kostengründen auch so schnell nichts ändern wird.

Die Kunst könnte in die Massenproduktion gehen. Möglichkeiten, deren man sich anderwertig nicht bedienen kann, wie z.B. das Stanzen, könnten hier ausgeschöpft werden. Dan Falvin, der mit fluoreszierendem Licht arbeitet, hat sich die Ergebnisse der industriellen Fertigung zunutze gemacht.

Dan Flavin  - Marfa
Dan Flavin - Marfa

Die Materialien sind sehr unterschiedlich und einfach Materialien - Formica, Aluminium, kaltgewalzter Stahl, Plexiglas, rotes und gewöhnliches Messing usw. Sie sind spezifisch. Wenn sie direkt eingesetzt werden, sind sie noch spezifischer.

Normalerweise sind sie auch aggressiv. Es liegt eine Objektivität in der beharrlichen Identität eines Materials. Natürlich haben die Materialeigenschaften - hart oder weich, verschiedene Stärke, Biegsamkeit, Glätte, Lichtdurchlässigkeit, Stumpfheit - auch nicht - objektive Verwendungunsmöglichkeiten. Das Vinyl von Oldenburgs weichen Objekten sieht aus wie immer - glatt, schlaff ein wenig unangenehm; es ist objektiv, zugleich aber flexibel, und es kann genäht und mit Luft oder Kapok gefüllt werden, man kann es aufhängen oder hinstellen, es durchhängen oder zusammenfallen lassen.

Die neuen Materialien sind größtenteils nicht so zugänglich wie Öl auf Leinwand, und sie sind nur schwer aufeinander abzustimmen. Sie sind nicht von vornherein Kunst. Die Form einer Arbeit und deren Materialien hängen eng zusammen. In der Vergangenheit wurden die Struktur und das Bild in einem neutralen und homogenen Material ausgeführt. Da nicht viele Dinge ungestalt sind, ist es problematisch, die verschiedenen Oberflächen und Farben zu kombinieren und die Teile so in Beziehung zu setzen, dass die Einheit nicht geschwächt wird."

    Aus: Georg Stemmrich (Hrg.), Minimal Art, eine kritische Retrospektive. Dresden, Basel 1995 (Fundus Reihe)
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