N E W Y O R K E R N O T I Z E N
(3 3) Kick im Fell Der New Yorker Künstler Brock Enright verdient sein Geld als
Kidnapper Okay: die Sache ist nicht ganz so sinister, wie sie klingt. Brocks
Entführungsopfer sind zugleich die Auftraggeber. Enright unterhält in New York
eine Agentur für Entführungen - die ausschließlich die Auftraggeber selber in
Haft nimmt. Das ist offenbar ein gutes Geschäft, denn es gab schon etwa 30
Kunden, und weitere sieben Entführungen sind in Vorbereitung. Die Sache kostet
zwischen 1500 und 4000 Dollar, je der Länge der Haftphase "und je nachdem, wie
luxoriös die Ausstattung ist". Was sind das für Auftraggeber?
"Adrenalin-Junkies", erläutert er, "Leute, die einfach einen besonderen
Kick suchen". Noch genauer verrät er es aber nicht. Schutz der
Privatsphäre, sowas nimmt man im Kidnapping-Business offenbar wirklich ernst.
"Die meisten wollen anonym bleiben", sagt Brock. "Wir haben Leute, die hier tagelang mit Drei-Gänge-Menüs gefüttert werden
wollen, alles vom Feinsten", erzählt der Chef - doch die meisten sind in
Wahrheit mehr aufs Quälen aus. Da gibt es den Stammkunden, der sich jedes Mal in
seinem Haus versteckt - unter dem Bett, in seinem Schrank, auf dem Dachboden -
um erstmal von seinen Häschern gefunden und überwältigt zu werden. Da gibt es
den klaustrophobischen Kunden, der "sich knebeln und fesseln lässt und dann in
winzige Kisten oder Schränke eingesperrt werden will - er bekommt jedes Mal
irrsinnige Panikanfälle". Da war der Genießer, der nach seiner Entführung
erstmal gründlich mit Bananenschalen und Schuhcreme eingerieben wurde; und der
Naturfreund, der statt mit Gummibändern gefesselt, in ein riesiges, stinkendes
Pandabärenfell eingewickelt werden wollte. Es gab auch die junge New Yorkerin,
die ihre Lebenspartnerin aus dem Schlafzimmer ins Wochenendhäuschen entführen
ließ - ohne dass diese vorher etwas davon wusste. "Aber sowas machen wir nicht
mehr", wirft Brocks Galeristin ein. "Entführungen gegen den eigenen Willen - das
ist doch rechtlich zu problematisch." Galeristin? Genau. Wenn er nicht gerade in dunklen Ecken lauert, begreift
sich Brock Enright als Performancekünstler und Filmemacher. Seine Williamsburger
Galerie zeigt Videos der schönsten Entführungen, ästhetisch zusammengeschnitten
und mit netten Soundtracks unterlegt ("I began to lose control"); der
Galerieprospekt beschreibt Häftlingen in spe ihre Optionen: "sexuelles
Martyrium, psychologische Qualen, physische Belastungen, öffentliche
Bloßstellung oder einfach eine Isolationshaft". Brock, was ist das nun alles -
Kunst? "Anfangs habe ich das als Kunst begriffen - jetzt ist es mehr ein Job,
eine Dienstleistung", sagt er. Ein extremes Selbsterfahrungs-Training? "Die
Leute erleben schreckliche Angst, wenn es passiert", sagt Brock, "selbst wenn
sie vorher davon wissen. Wir hatten hier Kunden, die sich in die Hose gemacht
haben". Bezahlte Triebbefriedigung für Klaustrophile? "Ach was", kontert Brock,
"wenn Sie sich diese Videos ansehen, finden Sie, dass das irgendwie sexy
ist?" So oder so - harmloses Entertainment kann man die Sache jedenfalls auch nicht
nennen. Schon gar nicht in einer Stadt, in der auch immer noch regelmäßig
Schulkinder entführt werden. "Natürlich ist die Sache irgendwo krankhaft", sagt
Brock, "aber wir betreiben eine gründliche Vor- und Nachbereitung mit unseren
Entführungsopfern". - "Und das ist nicht irgendwo auch ein Witz? Daraus ein
Unternehmen zu machen? Ich finde, das ist eigentlich ein großer Witz". Kommentare und Anregungen sind herzlich willkommen:
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