DIE ZEIT


33/2002

N E W   Y O R K E R   N O T I Z E N   (3 3)

Kick im Fell

Der New Yorker Künstler Brock Enright verdient sein Geld als Kidnapper

Thomas Fischermann

Netter Typ, aber ein ziemlich schräger Job. Brock Enright ist 25 Jahre alt, hat ein gewinnendes Lächeln und sieht wie ein Fitnesstrainer aus: klein und drahtig gebaut, kurzer Haarschnitt, sportliches Outfit. Er ist aber kein Fitnesstrainer, er ist ein Kidnapper. Brock verdient sein Geld damit, wohlhabende New Yorker zu entführen. Zusammen mit vier Kollegen lauert er ihnen daheim oder auf der Straße auf, knebelt und fesselt seine Opfer mit Paketbändern und Schnüren, transportiert sie in seinem geräumigen Auto gewaltsam ab. Mit der Polizei oder mit Passanten hat die Bande noch nie Ärger bekommen. "Wir sind ausgebildete Kampfsportler", sagt Brock, "und wir achten halt darauf, dass uns keiner sieht".

Okay: die Sache ist nicht ganz so sinister, wie sie klingt. Brocks Entführungsopfer sind zugleich die Auftraggeber. Enright unterhält in New York eine Agentur für Entführungen - die ausschließlich die Auftraggeber selber in Haft nimmt. Das ist offenbar ein gutes Geschäft, denn es gab schon etwa 30 Kunden, und weitere sieben Entführungen sind in Vorbereitung. Die Sache kostet zwischen 1500 und 4000 Dollar, je der Länge der Haftphase "und je nachdem, wie luxoriös die Ausstattung ist". Was sind das für Auftraggeber? "Adrenalin-Junkies", erläutert er, "Leute, die einfach einen besonderen Kick suchen". Noch genauer verrät er es aber nicht. Schutz der Privatsphäre, sowas nimmt man im Kidnapping-Business offenbar wirklich ernst. "Die meisten wollen anonym bleiben", sagt Brock.

"Wir haben Leute, die hier tagelang mit Drei-Gänge-Menüs gefüttert werden wollen, alles vom Feinsten", erzählt der Chef - doch die meisten sind in Wahrheit mehr aufs Quälen aus. Da gibt es den Stammkunden, der sich jedes Mal in seinem Haus versteckt - unter dem Bett, in seinem Schrank, auf dem Dachboden - um erstmal von seinen Häschern gefunden und überwältigt zu werden. Da gibt es den klaustrophobischen Kunden, der "sich knebeln und fesseln lässt und dann in winzige Kisten oder Schränke eingesperrt werden will - er bekommt jedes Mal irrsinnige Panikanfälle". Da war der Genießer, der nach seiner Entführung erstmal gründlich mit Bananenschalen und Schuhcreme eingerieben wurde; und der Naturfreund, der statt mit Gummibändern gefesselt, in ein riesiges, stinkendes Pandabärenfell eingewickelt werden wollte. Es gab auch die junge New Yorkerin, die ihre Lebenspartnerin aus dem Schlafzimmer ins Wochenendhäuschen entführen ließ - ohne dass diese vorher etwas davon wusste. "Aber sowas machen wir nicht mehr", wirft Brocks Galeristin ein. "Entführungen gegen den eigenen Willen - das ist doch rechtlich zu problematisch."

Galeristin? Genau. Wenn er nicht gerade in dunklen Ecken lauert, begreift sich Brock Enright als Performancekünstler und Filmemacher. Seine Williamsburger Galerie zeigt Videos der schönsten Entführungen, ästhetisch zusammengeschnitten und mit netten Soundtracks unterlegt ("I began to lose control"); der Galerieprospekt beschreibt Häftlingen in spe ihre Optionen: "sexuelles Martyrium, psychologische Qualen, physische Belastungen, öffentliche Bloßstellung oder einfach eine Isolationshaft". Brock, was ist das nun alles - Kunst? "Anfangs habe ich das als Kunst begriffen - jetzt ist es mehr ein Job, eine Dienstleistung", sagt er. Ein extremes Selbsterfahrungs-Training? "Die Leute erleben schreckliche Angst, wenn es passiert", sagt Brock, "selbst wenn sie vorher davon wissen. Wir hatten hier Kunden, die sich in die Hose gemacht haben". Bezahlte Triebbefriedigung für Klaustrophile? "Ach was", kontert Brock, "wenn Sie sich diese Videos ansehen, finden Sie, dass das irgendwie sexy ist?"

So oder so - harmloses Entertainment kann man die Sache jedenfalls auch nicht nennen. Schon gar nicht in einer Stadt, in der auch immer noch regelmäßig Schulkinder entführt werden. "Natürlich ist die Sache irgendwo krankhaft", sagt Brock, "aber wir betreiben eine gründliche Vor- und Nachbereitung mit unseren Entführungsopfern". - "Und das ist nicht irgendwo auch ein Witz? Daraus ein Unternehmen zu machen? Ich finde, das ist eigentlich ein großer Witz".

Kommentare und Anregungen sind herzlich willkommen: zeitiminternet@zeit.de

Die Beiträge der vergangenen Wochen können im Archiv nachgelesen werden.