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Kunstberichte
Die Secession zeigt "Atlas" von Nicole Six & Paul Petritsch sowie Arbeiten des Jungstars Christoph Büchel

Vermessung als subversive Montage

Christoph Büchel erfindet durch Wortumstellungen ein neues Motto für die Secession. Foto: Büchel

Christoph Büchel erfindet durch Wortumstellungen ein neues Motto für die Secession. Foto: Büchel

Von Brigitte Borchhardt-Birbaumer

Aufzählung Drei Künstler arbeiten sich am geschichtsträchtigen Kunsttempel Secession ab: dem fast unberührt gelassenen Hauptraum steht eine geänderte Fassade und ein Umbau der Galerieräume zur Seite.

Nicole Six & Paul Petritsch sind abwesend, weil sie in eine Nische eingemauert 24 Stunden ausharrt bis zur Eröffnung und er nahe des Nullmeridians auf einer alten Rennstrecke in Spanien einen Weltumrundung an Kilometern abradelt. "Atlas" heißt ihre Vermessung der Welt. Quasi als Platz-halter für den abwesenden da eingemauerten Körper liegt ein Betonabguss jener Ziegelmauernische nicht zentral, aber rechts der Mitte: Ein Hinweis auf den aktuellen Dualismus von Skulptur und Performance. Daneben liegen Aufnahmen der Rennstrecke in Plakatgröße: Der Stapel darf zur Entnahme verringert werden.

Hoffnung auf Wertsteigerung

Ein Kunstwerk-Multiple ist hier zu holen – zukünftige Hoffnung inklusive, dass es vielleicht einmal den Wert der Intuitionsbox von Joseph Beuys erreicht. Das gilt nicht für das Skizzenbuch, in dem die per Rad abgefahrenen Strecken vermerkt werden.

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Stapel mit Landschaftspostern und dazu ein Abguss einer Mauernische: "Atlas" von Nicole Six & Paul Petritsch. Foto: Wolfgang Thaler

Psychologische Aufladung erfährt der Kritiker vom Schweizer Christoph Büchel, wir sollen nur wissen: Es sind die "Kritiker, die zu kritisieren sind" und "bin auf Montage in Wien". Er ist nicht auf der Denkbaustelle und nicht bei der Pressekonferenz, erst abends, wenn die Ausstellung eröffnet wird, gibt es angeblich mehr zu er-fahren. Zumindest ist die "Radikalität des Künstlers" an den als Werbeflächen genutzten Fassaden zu erkennen: Sie erweisen sich als Fälschungen mit Versprechen auf Frühlingsduft. Den nächsten Blick enthüllt der Präsident des Hauses als "homöopathische Dosis": Die Schrift an der Secession ist vertauscht. Jetzt heißt es nicht mehr "Der Zeit ihre Kunst – Der Kunst ihre Freiheit", Büchel fordert: "Der Kunst ihre Kunst" und "Der Freiheit ihre Zeit" – eine Schablone als Augentrug verbirgt das Original.

Auch Künstler führen in die Irre

Damit versteht jeder, warum Christoph Büchel als Hyperrealist gilt. Dazu lernt man über Anagramme nachzudenken, doch dann kommt gleich die entlarvende Erinnerung: Es ist eine Zeigegeste auf Adolf Hitler, der die Schrift abmontieren ließ.

Wir müssen von Büchel lernen, dass wir im subversiven Nachzeitalter von Dada und Fluxus leben. Nicht nur die Politiker und Bankmanager täuschen uns – auch die Künstler führen uns in Realzeit in soziologisch verklausulierte Fallen. Gab es nicht schon Skandalprozesse um Gustav Klimt? Zurück zur Wiederholung des Gleichen, das Nicole Six wieder aus der Nische entlässt und Paul Petritsch hoffentlich nach seinem Tagewerk nicht vom Fahrrad fallen lässt.

Aufzählung Ausstellung

Nicole Six & Paul Petritsch und Christoph Büchel
Secession
Zu sehen bis 18. April

Printausgabe vom Freitag, 19. Februar 2010
Online seit: Donnerstag, 18. Februar 2010 17:31:00

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