Die Zeitung dient der Kunst
Ausstellung. „PressArt“, die Sammlung Annette und Peter Nobel im Museum der Moderne.
KARL HARB SALZBURG (SN). Was macht ein Schweizer Medienrechtsanwalt, der auch leidenschaftlicher Kunstfreund ist? Er sammelt Kunstwerke, die mit und von bedrucktem Papier handeln. Im Lauf der Zeit sind so über 800 Arbeiten in die Sammlung Annette und Peter Nobel gekommen. Ab heute, Samstag, sind rund 340 Beispiele im Museum der Moderne auf dem Mönchsberg zu sehen: in einer dicht gehängten und thematisch dicht gedrängten Überblicksschau von den Klassikern der Moderne bis zu medienkritischen Reflexionen unserer globalen Massenkonsum- und Kommunikationsgesellschaft. Das Entscheidende: Medienkunst, also Film oder Video, ist ausgeklammert; die Schweizer Sammlung zeigt unter dem Titel „PressArt“ ausschließlich herkömmliche Kunstmedien – Grafiken, Gemälde, Collagen, Fotos, Objekte.
Das Interesse des Sammlers begann, wie Kurator Christoph Doswald beim Presserundgang erzählte, mit den „Decollagisten“ der Sechzigerjahre. Zuvor behandelte etwa die Pariser Kaffeehauskultur die Zeitung eher als Grundlage, auf der man – beispielsweise Alberto Giacometti – seine zeichnerischen Kommentare oder „Gegenglossen“ festhielt. Zeitungen oder Buchseiten waren also für die klassische Avantgarde eine Art bedrucktes Zeichen- oder Malpapier, auf das man die eigenen Chiffren setzte: Georges Braque, Kurt Schwitters, Hans Arp, Le Corbusier. Oder man collagierte mit Zeitungsausschnitten eigene Bildwelten (Erwin Blumenfeld). Oder man erzählte eigene Bild(er)geschichten (Wladimir Majakowski).
Als Künstler auch im Zuge gesellschaftlicher Umbrüche (1968) daran gingen, die Grenzen der Kunst zu überschreiten, wurde „bedrucktes Papier“ zum Material; das „Vorbild“ wurde dekonstruiert und mit expressiven Mitteln zu neuen Bildern zusammengesetzt. Ein „neuer Realist“ wie César, der im Großen Autos zu monumentalen Blechskulpturen presste, verstand auch die Presse in diesem Sinn. Yves Klein „manipulierte“ eine Zeitung, indem er Nachrichten aus „seiner“ Kunstwelt gewissermaßen zu Schlagzeilen und Aufmachern umfunktionierte.
Minimalistisch hingegen schwindelte Dieter Roth individuelle Mitteilungen mit bezahlten Annoncen in die regulären Anzeigenseiten: Da steht dann mitten unter herkömmlichen Inseraten der Satz: „Das Schiff ist der Ozean.“ Das Medium wird zum Träger einer künstlerischen Botschaft. Sukzessive erweitert sich der Kunstbegriff, bedient sich des Mediums Presse, um offen oder subversiv gesellschaftskritische Positionen zu beziehen. Oder die Kunst zieht direkt in die Zeitung ein: 52 Schweizer Künstler erhielten 1974 in der Basler „National-Zeitung“ Woche für Woche eine „Kunstseite“ und schufen so über ein Jahr ein Panorama aktueller Kunst. (In Parenthese: Noch heute lässt die „Süddeutsche Zeitung“ ein Mal im Jahr ihr Magazin von einem Künstler gestalten; die „Edition 46“ ist Jahr für Jahr Kultobjekt.)Kunst und (Medien-)Politik Der Überblick will auch zeigen, wie Künstler auf die Globalisierung, nicht nur der (Medien-)Märkte, reagieren; Grenzen fallen, der Blick in den Osten öffnet sich (in eher marginalen Beispielen), ein Bild kommt aus Peking, einige aus Brasilien.
Eine starke „Koje“ des Rundgangs präsentiert politische Kommentare. Joan Font-cuberta pixelte aus Tausenden zentimetergroßen Bildchen sein „Googlegram“, das als Großbild die berühmt-berüchtigte Folterszene aus Abu Ghraib nachstellt. Alfredo Jaar setzt siebzehn fortlaufende Cover des Magazins „Newsweek“ des Jahrgangs 1994 parallel mit der Entwicklung der damals beginnenden Massaker in Ruanda – erst nach vier Monaten (und schon Tausenden Toten) „schaffte“ es dieser blutig-grausame Bürgerkrieg auf die Titelseite des Magazins.
Am Ende klingt noch an, wie Mediennetzwerke die Gesellschaft „perforieren“ (Stichwort Berlusconi) – aber da ist dann eine reine Kunst(werk)sammlung doch überfordert, das Thema zu vertiefen. Stattdessen entlässt die Ausstellung mit (fotografischen, vielleicht gar melancholischen, nostalgischen) Blicken auf jene, die die Medien konsumieren: die Leser. Und auf dem letzten Foto wird die gute alte Zeitung ausgeliefert – so wie Tag für Tag, immer noch, immer wieder . . .www.museumdermoderne.at










