Salzburger Nachrichten am 04. Jänner 2003 - Bereich: wochenende
Nicht doch, Frau Zittel!

"In Graz muss man nicht gewesen sein", lässt Thomas Bernhard seine Protagonistin "Frau Zittel", die Wirtschafterin des Professors Josef Schuster, im Stück "Heldenplatz" sagen. In der ehemaligen Avantgarde-Metropole will man heuer nicht nur ganz Österreich vom Gegenteil überzeugen: "Graz 2003 - Kulturhauptstadt Europas", ab 9. Jänner. Der Ehrentitel ermöglichte einen Bauboom und soll der zuletzt unter Stagnation, Selbstzufriedenheit und Rückwärtsorientierung leidenden Landeshauptstadt neue Schubkraft verleihen. Das "Hoffnungsmodul" "Graz 2003" ist von Neugier, Träumen, Selbstvertrauen, Kritik und künstlicher Euphorie umrankt.

MARTIN BEHR

Graz grinst. Amüsiert sich über Plakattafeln, die da an der Wiener Flughafenautobahn montiert sind und den Ankommenden ein süffisantes "Willkommen in Wien, dem schönsten Vorort von Graz" entgegenschleudern. Registriert mit Freuden die gestiegene Publizität, die als Balsam für die in den vergangenen Jahren aufgerissenen Wunden, hervorgerufen durch wohligen Dornröschenschlaf im Verbund mit dem Gefühl der Benachteiligung, eines fast schon chronischen Minderwertigkeits-Traumas dient. "Graz darf alles", lautet die Botschaft der TV-Spots, die mit dem aus den 60er und 70er Jahren überlieferten Provokations-Gehabe der Uhrturm-Stadt spielen, über MTV-Ästhetik und andere Harmlosigkeiten aber nicht hinauskommen. Egal, Graz nimmt Anlauf und setzt zum Sprung an. Das Selbstvertrauen-Serum stammt aus Brüssel, die Einwegspritze ist mit blaugrünen Lettern beschriftet: "Kulturhauptstadt Europas".

Verschleppte Projekte erhielten grünes Licht

Graz baut. Kräne, Baggerfahrzeuge, Eingerüstungen und Absperrungen prägen seit Monaten das Bild. Mit der Ehre, den einst von der griechischen Kulturministerin Melina Mercouri ins Leben gerufenen Ehrentitel tragen zu dürfen, haben Säumigkeit und Stillstand abgenommen. Jahrzehntelang aufgeschobene oder bewusst verschleppte Projekte erhielten grü-nes Licht, die Angst vor einer Blamage vor dem In- und Ausland übertrumpfte den Kleingeist und bescherte Graz doch noch ein veritables Kunsthaus, eine Stadthalle, ein modernes Konzertambiente oder eine begehbare Promenade an der von der Kloake zum Fluss mutierten Mur. Ein Facelifting in der urbanen Infrastruktur inklusive. Stagnation zu bekämpfen braucht hierzulande einen Anlass: die Kulturhauptstadt als "Hoffnungsmodul für unsere Zukunft", wie "Graz 2003"-Intendant Wolfgang Lorenz im Programmbuch schreibt.

Graz hofft. Auf inhaltliche Virulenz und personelle Kompetenz, auf kreative Umtriebigkeit nach dem Gebäude-Boom, nach dem Festjahr. Auf eine Fortsetzung der vor 35 Jahren geschriebenen Erfolgsstory, die einer Kommune von durchschnittlicher Größe überdurchschnittliche Aufmerksamkeit durch Feuilleton und Fachwelt beschert hat. Der von Künstlern wie Wolfgang Bauer, Alfred Kolleritsch, Gerhard Roth, auch Peter Handke, Günter Waldorf, Dieter Glawischnig, Kulturarbeitern wie Hanns Koren und Emil Breisach sowie Experimentierplätzen wie Forum Stadtpark, "steirischer herbst" und der Literaturzeitung "manuskripte" geprägte Aufbruch ist Geschichte. Lange berief sich Graz auf den Glanz der Vergangenheit, Phänomene wie Werner Schwab lenkten von der Ausdünnung der Szene, von der Abwanderung der Jungen, vom schmerzlichen Abstieg zur Normalität ab. Das furiose Scheitern des "Forum"-Neubeginns animierte zum Anklammern an Bewährtes. Das kleinere Übel als Stolperstein, auch für die Kulturpolitik.

Graz krititisiert. Beklagt die mangelnde Nachhaltigkeit einiger "Graz 2003"-Projekte, etwa der von US-Stararchitekt Vito Acconci in die seichten Fluten gesetzten Insel. "Als höchsten Reiz setzt man in das Flüsschen Mur eine eiserne Insel - sicherlich eine Totgeburt, die man schon - echt grazerisch - vorweggenommen gefeiert hat, als man das tatsächliche bauliche Ereignis, das den Intrigen entkommene Kunsthaus von Cook/Fournier mit einer Grundsteinlegung aus der Taufe hob und von einem Märchenerzähler literarisch beschönigen ließ, als gälte es, eine Unterkunft für Gartenzwege vorzubereiten", meint etwa Alfred Kolleritsch spöttisch. In Programm ortet der Literat ein "Sammelsurium herbeigezerrter Highligts", eine "unfassbare Gedankenlosigkeit". Sein Fazit: "Fast krampfhaft wird das, was Graz einmal war, eventsüchtig ,erneuert' und als Basis für große Ereignisse voraus manipuliert." Grund für diese Erregung ist die "Ignorierung der Vergangenheit". Zwei Beispiele: entgegen ersten Ankündigungen erhielten Bauer und Handke keine Auftragswerke, der vor Ort lebende Ex-Aktionist und Bilddichter Günter Brus bekam nicht jene Würdigung, die er verdienen würde.

Die Euphorie, die aus dem "Graz 2003" sprudelt

Graz schwelgt. Tönt. "Graz hat gedacht, Graz hat gemacht, besser kann eine Kulturhauptstadt wahrscheinlich nicht vorbereitet werden", befindet Wolfgang Lorenz, der bislang seine Intendanz als Wochenend-Job definierte und das 57-Mill.-Euro-Unternehmen neben seiner ORF-Tätigkeit in Wien managen konnte. Oder: "Die Stadtkörpertemperatur ist blitzartig nach oben geschnellt, auf dass das selbsterzeugte Entgegenfiebern auf das magische Jahr 2003 alle Viren, Keime und Bakterien der Vergangenheit abtöte". Wer an der Existenz einer "vielseitigen jungen Szene, weitab von Denkverbot und Kreativitätsphlegma" Zweifel hegt, begibt sich in den Geruch der Nestbeschmutzerei. Wo aber sind die, die Graz neu erfinden wollen/können? Sofern vorhanden, arbeiten sie stiller als die Künstlergenerationen davor. Die Euphorie, die indes aus dem "Graz 2003"-Hauptquartier sprudelt, mag für manche befremdlich, für andere ansteckend sein. Erklärbar ist sie mit einem anderen Lorenz-Diktum: "Marketing ist die halbe Miete".

Dem Uhrturm wird Schatten verliehen

Graz pendelt. Zwischen Architektur, Musik und Religion, zwischen Literatur, Film und Lebensräumen, zwischen Theater, bildender Kunst und Jugendprojekten. Erinnert sich an die Lebensgeschichte von Menschen, die dereinst in der Stadt gelebt und gewirkt haben ("Phantom der Lust - Das Sacher-Masoch-Festival"), hübscht Bahnhof, Flughafen und Stadteinfahrten mit Deko-Kunst auf, lockt internationale Presse mit großen Namen (Henning Mankell schrieb das Stück "Butterfly Blues", Valery Gergiev ermöglicht Hörproben aus "Drei Jahrhunderten russischer Musik") und lässt Wolf Haas' untypischen Romandetektiv Brenner erstmals im Grazer Stadtbezirk Puntigam ermitteln: "Das ewige Leben". Verleiht dem Uhrturm einen Schatten, betreibt Geschichtsaufarbeitung (Projekte "Berg der Erinnerungen", "Woment!"),lässt videobestückte Kunst-Taxis auffahren, das außerirdische Tier "Cosmo" landen, die Kultur der Menschenrechte erörtern und die Lebensbedingungen Benachteiligter verbessern: Nasszellen-Einbau in Dutzende Substandardwohnungen.

Ein Anfang in Graz ist gemacht

Graz tanzt. Auf vielen Hochzeiten, insgesamt 103 Projekte werden heuer realisiert. Interesse und Neugier sind in den vergangenen Monaten gewachsen, die - durch interne Konflikte sowie Wehklagen jener, die nicht am lukrativen Kuchen mitnaschen können - ausgelösten Dissonanzen bewegen sich in einem für ein Großprojekt üblichen Rahmen. Die Chance, die von "Graz 2003" ausstrahlende "Schubkraft" (Lorenz) für die Rückgewinnung von verlorenem Terrain im innerösterreichischen Wettstreit um Kulturkompetenz zu nutzen,ist jedenfalls intakt.

"Graz kann nie Salzburg werden", lautet das Gegenargument auf alle kursierenden Überschwang-Parolen. Wien auch nicht. Graz hat eigene Vorzüge. Die Ruinen der Avantgarde als Humus für neue, postmoderne Unbequemlichkeiten. Eine Stadt am Scheideweg: wie sieht sie aus, die Zukunft der ehemals "heimlichen Hauptstadt der Literatur"? Sperriginnovativer Nachdenk-Ort oder unheimliche Event-Metropole?

Graz leidet. An Thomas Bernhard. Besser gesagt: an dem von ihm im Stück "Heldenplatz" der Frau Zittel in den Mund gelegten Ausspruch: "In Graz muss man nicht gewesen sein." Das schlug ein. Das ging ins Mark einer am Provinzgeruch nagenden Region. Und jetzt? "Kulturhauptstadt Europas". Noch vor Wien, Salzburg, Linz und allen anderen. Ein Anfang ist gemacht. Graz träumt.