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Große Leinwände, kleine Ideen

Morgen eröffnet die Biennale in Venedig - der Deutsche Thomas Schütte gewinnt den Goldenen Löwen

von Uta Baier

Thomas Schütte bekam für sein Werk den Goldenen Löwen
Thomas Schütte bekam für sein Werk den Goldenen Löwen
Foto: rtr

Auf den Plakaten zur 51. Biennale in Venedig stehen Menschen mit Stadtplänen herum. Offensichtlich suchen sie nach dem richtigen Weg. Es sind nicht die Kuratorinnen der Biennale. Es sind nur Touristen, obwohl man leicht den Eindruck haben könnte, die Kuratorinnen Maria de Corral und Rosa Martinez seien gemeint. Denn keine der hoch gelobten Spanierinnen und ersten weiblichen Chefs der 1895 gegründeten Biennale hat einen Weg durch den Dschungel der Kunst gefunden.

Überall Sackgassen. Wollte man die Zukunft der Welt an der in Venedig gezeigten Kunst (die allzu gern als seherische Avantgarde verstanden wird) ablesen, müßte sagen: Die Lage ist ernst. Und für Spaß ist auch kein Platz. Es sei denn, man ist von Herumhüpfenden amüsiert. Dann findet man seine kleine Freude im Deutschen Pavillon (siehe unten).

Erstmals Kuratorinnen in Venedig hieß, wollte man den Ankündigungen trauen, mehr Kunst von Frauen. Mehr Feminismus. Vor allem bei Rosa Martinez stand das zu befürchten. Und richtig: Am Anfang ihrer Ausstellung "Immer etwas ferner" im Arsenale rechnen die Guerilla Girls vor, wie wenig Frauen bisher zur Biennale eingeladen wurden (zwölf Prozent war die höchste Quote) und daß im Metropolitan Museum zwar 83 Prozent der abgebildeten Nackten weiblich sind, doch nur drei Prozent der ausgestellten Werke von Künstlerinnen stammen. Joana Vasconcelos aus Portugal hat einen überdimensionalen Kronleuchter gebaut. Allerdings hat sie an die Stelle der Kristalltropfen o.b.-Tampons gehängt, die bei guter Beleuchtung durchaus verführerisch funkeln können - was auch immer das bedeuten mag.

So hätte es weitergehen können. Die Statistik der Guerilla Girls wäre empfindlich gestört worden und die 51. Biennale als erste von Frauen für Frauen in die Geschichte eingegangen. Was nicht schön, nötig oder besonders erhellend gewesen wäre, aber immerhin etwas.

Doch Martinez zeigt zwar das eine und andere Frauenkunstwerk, auch das eine und andere gute, aber sonst hatte sie Schwierigkeiten, die riesigen Hallen des Arsenale zu füllen. Sie sind so leer, man könnte meinen, die Kuratorin kennte nicht genügend Künstler für ihr Projekt, dem zwar ein einleuchtendes Konzept fehlt, aber nicht die Mischung aus Ethnokitsch, John-Bock-Irrsinn und Videogroßleinwänden für kleine Ideen.

Vor zwei Jahren beschloß Biennale-Kurator Francesco Bonami, daß es keine Orientierung in der Kunst mehr gebe, und ließ mehrere Kuratoren die Hallen mit ihren Lieblingswerken vollstopfen. Davon sind die Nachfolgerinnen weit entfernt. Sie machen Biennale light, zeigen so wenig junge Künstler und so freudlose Ausstellungen wie nie.

Maria de Corral hat sich von der Suche nach dem Neuen gleich ganz verabschiedet und setzt auf etwas, das sie wolkig "Kunsterfahrung" nennt und im italienischen Pavillon versammelt hat. Es ist eine retrospektive Schau, die lose Beziehungen zwischen Künstlern aufzeigen will und dazu Altbekanntes versammelt: Francis Bacon, Bruce Nauman, Jenny Holzer gemischt mit William Kentridge, Agnes Martin. Und schließlich den als besten internationalen Künster der Biennale ausgezeichneten Düsseldorfer Thomas Schütte (geboren 1957). Er zeigt zarte Porträtzeichnungen und mehrere seiner "Tonmodelle in Stahl". Farbige Plastiken von Frauenkörpern, die verschiedene Möglichkeiten, sich zusammenzukrümmen, variieren. Nicht der perfekt präsentierte Torso ist Schüttes Thema, sondern das freie Formenspiel mit der menschlichen Figur. Das mag im Einzelnen betrachtet durchaus spannend sein, das es nach Meinung der Jury der beste Beitrag der Biennale sein soll, überrascht aber doch.

Seit einigen Jahren ist den begleitenden großen Kunstausstellungen viel Aufmerksamkeit geschenkt worden. Denn dort wurde gezeigt, was in der Kunst kommt. Hier orientierten sich die Ausstellungsmacher. Hier verliebte man sich in die Arbeiten noch unbekannter Künstler. Diese Funktion haben längst die großen Kunstmessen übernommen, und auch die Länderpavillons können ihnen diese Stellung in diesem Jahr nicht streitig machen. Allzu viele setzen auf allzu Bekanntes.

Amerika zeigt Himmelsmalerei mit Industriedachfirsten von Ed Ruscha, England seine Kunst-Wahlzwillinge Gilbert und George mit Variationen über das Ginko-Blatt, Spanien läßt Mutandas Langzeitbeobachtungen vorstellen, und Frankreich schickt die bewährte Annette Messager und ihre Kissenhöllen, ausgestopften Gliedmaßen samt Leuchtobjekten.

Auch die Schweiz wagt nicht viel und gewinnt doch. Denn sie hat die wunderbare Pipilotti Rist nach Venedig in die Kirche San Stae geschickt, wo sie vorführt, was Videokunst ist. Nicht die endlos abgefilmten Interviews, nicht die Filmchen aus zusammengesuchtem Material, die wackligen, bedeutungsschweren Performancedokumentationen - sondern jene raffiniert am Kirchengewölbe von San Stae gespiegelten, sich überlagernden, auseinanderdriftenden, zersplitterten Formen, Menschen, Körperteile, die Pipilotti Rist in ihrer Arbeit "Homo sapiens sapiens" zeigt. Dazu kommen weiche Liegen und psychedelisch angehauchte Klänge: Daß der Besucher (oder nur die Besucherin?) sich ein wenig wie bei der Kosmetikerin fühlt, macht diese Kunst noch angenehmer.

Muß man diese Biennale gesehen haben? Sicher nicht. Es sei denn, man will sehen, was die Welt seit dem Tod des Großkurators Harald Szeemann vor einigen Monaten verloren hat: exzessive Liebe zur Kunst, unvoreingenommene Neugier auf junge Künstler und Mut zu großen Themenausstellungen. Am Schweizer Pavillon hat der Künstler Gianni Motti das Schild "Viale Harald Szeemann" angebracht. Die Verbeugung vor dem großen Kunst-Inszenator ist leider selbst "nur" Kunst. Gleich daneben hat Motti seine Leuchtziffernuhr installiert, die die Zeit bis zur Implosion oder auch Explosion unseres Sonnensystems zählt. Es sind noch beruhigende 17 Stellen vor dem Komma. Genug Zeit für bessere Biennalen.

Artikel erschienen am Sa, 11. Juni 2005

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