diepresse.com
zurück | drucken

11.11.2005 - Kultur&Medien / Ausstellung
Sammlung Essl: Hotspots für Nomaden
VON ALMUTH SPIEGLER
Junge Szenen. Zwei Ausstellungen der Sammlung Essl.

D
as Jahresende, das gehört der jun gen Kunst. So scheint es jeden falls, wenn man das Ausstellungs programm der nächsten Wochen auf sich wirken lässt. Die Neue Galerie Graz diagnostiziert ab 16. November bei über 40 Künstlern - darunter toller Nachwuchs wie Constantin Luser, Katrin Plavcak, Markus Schinwald - die "Postmediale Kondition". Die Kunsthalle Krems eröffnet am 27. November mit "Real" eine Gruppenschau 15 junger österreichischer Künstler. Ab heute quillt auch die Sammlung Essl regelrecht über von frischen, weitgehend unbekannten Positionen. Und über all das sollte man sich erst einmal gründlich freuen.

In Klosterneuburg ergänzen einander gleich zwei Ausstellungen ideal. Erstmals wurde heuer an den Kunstakademien der Länder, in denen ein gewisser Baumarkt Filialen betreibt, der "Essl Award" ausgeschrieben. Aus 400 Einsendungen wurden je zehn Künstler ausgesucht, in Prag, Zagreb, Budapest, Bratislava, Ljubljana ausgestellt und schließlich von einer Jury mit je einem ersten und zweiten Preis beglückt.

Die zusammengefasste Sieger-Riege kann jetzt in Essls Museum bewundert werden, was interessante Einblicke vor allem in die Kunstausbildung der Länder gibt. Schießt der Slowene Julij Borstnik noch völlig respektlos jeden mit einer Mandarine ab, der sich seinen, die globalisierte Mandarinenproduktion erklärenden Tafeln nähern will, und verrichtet Ondrej Brody seine Notdurft ungeniert als Protest gegen den Direktor in der Prager Nationalgalerie, scheint man in Budapest mehr dem Zeitlosen zu frönen.

Die ungarischen Kunststudenten, denen von der Jury auch nur zwei zweite Preise zuerkannt wurden, sind mit helnweinschem Fotorealismus und Porträts auf Klarsichtfolie eher unglücklich vertreten. Hervorzuheben in dem award-immanenten medialen Durcheinander ist vor allem die sozial engagierte Arbeit der Tschechin Katerina Sedá, die als Dank für ein erfolgreiches Gruppenspiel von einem mährischen Dorf fast zur Bürgermeisterin gemacht wurde.

Durcheinander. Oder unkontrollierte Vielfalt. So ähnlich lautet auch das Konzept der zweiten, gleich anschließenden Schau "Hotspots". Erprobt werden sollte hier ein alternativer kuratorischer Ansatz, der sich vor allem durch Nichtkuratieren auszeichnet. Auf der Essl-Homepage wurden "Szenen" aus den Städten Berlin, Paris, Amsterdam, London und Wien zur Bewerbung aufgefordert. Christine Humpl lud dann je zwei dieser Künstler-Gruppen ein, sich in etwa 80 Quadratmeter großen Kojen selbst zu verwirklichen. Was mit wenigen Ausnahmen wie der stark konzeptuell arbeitenden Pariser Fraktion und fünf Berliner Künstlerinnen rund um Annette Gödde eine teils anstrengend bunte Mischung von 68 Künstlern zur Folge hatte - und stark an die Beliebigkeit einer Kunstmesse erinnert. Noch dazu, wenn kurz zuvor der Sammler selbst durch die Hallen gewandelt ist und neben das von ihm Erwählte rote Punkte geklebt hat - die rechtzeitig zur Eröffnung natürlich wieder entfernt wurden.

Wie auch immer. Die Hotspots scheinen im Vergleich eher im Osten zu liegen. Aber wer will das heute noch so geografisch werten, es gibt kein Ranking von "Kunstszenen". Der Künstler ist sowieso ein Nomade.

© diepresse.com | Wien