| Salzburger Nachrichten am 12. Juni 2006 - Bereich: Kultur
Vom Zeug zum Zeichen Das Kunsthaus Bregenz
zeigt eine Übersicht über das Werk Michael Craig-Martins. Der britische
Künstler wagt einen faszinierenden Vergleich mit der Frührenaissance.
Hedwig KainbergerBregenz (SN). Wenn es gälte, vier Dinge zu nennen, die
für das stehen, was unsere Sinne stimuliert und unsere Zungen löst, die
zudem für körperliches Überleben fast zwecklos, für Gefühl und Gespräch
aber fast unverzichtbar sind, was wäre da zu wählen? Der britische Künstler Michael Craig-Martin nimmt: Weinglas,
Espressotasse, Mobiltelefon und Fußball. Er zeichnet diese vermeintlich
trivialen Gegenstände mit scheinbar einfachen Linien, verschränkt sie so,
wie sich in unseren Köpfen Gedanken übereinander schieben. Er nennt dieses
Bild "Portrait". Dies ist eines jener Bilder, die er für die Werkschau im Kunsthaus
Bregenz geschaffen hat. Es ist in Österreich die erste Einzelausstellung
des 1941 in Irland geborenen und nun in London lebenden Künstlers; sie
wurde Ende der Vorwoche eröffnet. "Alles, was ich je gedacht habe, ist
hier", sagte Michael Craig-Martin im Gespräch mit Journalisten. Die Gegenstände auf Craig-Martins Bildern sind vermeintlich trivial.
Viele Betrachter werden damit höchst subjektiv Empfundenes assoziieren -
einen starken Geschmack, ein langes Gespräch. Viele könnten beim
Betrachten dieses "Portraits" ein Stück ihres Selbst erkennen, das
vielleicht mehr Eigenartiges enthält als das Abbild des eigenen Gesichtes.
Dieses "Portrait" weckt individuelle Erinnerung, ist aber zugleich
allgemein gültig. Michael Craig-Martin hat sich auf die Suche nach solchen Dingen
gemacht. Etwa 60 hat er gefunden und diese so lange gezeichnet oder mit
Hilfe des Computers vereinfacht, bis ein Minimum an Linien ihre Abbilder
ergab. Da sind Kübel, Zirkel, Sessel, Tisch, Leiter, Globus, Laptop,
Schlüsselbund, Glühbirne (übrigens als riesige Lichtinstallation auf der
Fassade des Kunsthauses), Handschellen, Getränkedose, Metronom und
Klavier. Sein bisheriges "Vokabular" ist auf einer fünf Meter hohen, 92
Meter langen, ununterbrochenen Folie auf den Wänden des vierten Stocks
montiert: eine Meisterleistung des Farbdrucks! Gebrauchte Dinge als Lebenszeichen Warum wählt er einen Gegenstand?
Seine Antwort ist intuitiv: "Einfach weil ich ihn mag." Und: Jeder erkenne
diesen Gegenstand auch von der simpelsten Zeichnung, jeder wisse, aus
welchem Material er sei, wie er sich anfühle und wie er auf der Rückseite
aussehe. Immer sind es industriell gefertigte, alltägliche Dinge. Aus solchem
Zeug macht Craig-Martin Zeichen - dem entsprechend heißt die Ausstellung
"Signs of Life". So wie an oft gebrauchten Wörtern mehrere Bedeutungen
hängen, so wecken Craig-Martins Bildvokabel viele Assoziationen. Er selbst
sagte einmal, ihn interessierten die Anfänge von Sprachlichkeit. Craig-Martin versucht, eine komplexe Welt auf einfache Bilder zu
reduzieren und aus der Unübersichtlichkeit das Einfache herauszuschälen.
Unter anderem darin sieht er eine Verwandtschaft zu Künstlern der
Frührenaissance, von denen er immer wieder Giotto, Piero della Francesca
und Mantegna erwähnt. Der Vergleich verblüfft: Damals wurde mit der Entdeckung von Seewegen
und Kontinenten die Welt unübersichtlich. Damals bemühten sich Künstler
mit Hilfe von Geometrie und Perspektive um bis dahin nicht gekannte
Genauigkeit. Damals reduzierten sie die Geschichten der Bibel auf wenige
Bilder, die in Kurztiteln ("Kreuzigung", "Verkündigung", "Geburt")
erzählerisch und theologisch komplizierte Szenen festhielten. Heutige
Begriffe für ähnliche Phänomene sind Globalisierung, Computer, Symbol. Seine Verwandtschaft mit anderen Künstlern zeigt Michael Craig-Martin,
indem er Elemente anderer Künstler wie Zeichen einsetzt - etwa Blöcke
Donald Judds, die Pfeife René Magrittes und den Flaschenhalter Marcel
Duchamps. Oder er überträgt Bilder von Georges Seurat und Piero della
Francesca in seine Bildsprache aus schablonenhaften Linien und Farben. Und
siehe da! Es ist anderes, doch nicht entfremdet. Michael Craig-Martin hat Ende der 70er Jahre begonnen, solche
Gegenstände zu zeichnen - immer auf gleiches Format, egal wie
unterschiedlich die Größe in Wirklichkeit war. Er zeichnete auf
transparentes Papier und legte die Blätter übereinander. Im Erdgeschoß des
Kunsthauses ist dieses Hin- und Wegschieben von Transparentpapier in den
Computer übersetzt: Gegenstände sind auf einem Bildschirm, sehr langsam
verschwindet einer, ein anderer kommt hinzu, so dass das Zeichenvokabular
immer neue "Sätze" bildet. Dank des Zufallsprogramms des Computers ist die
Kombination von Farben und Gegenständen nie gleich. Zusätzlich zu den vier Etagen des Kunsthauses Bregenz hat Michael
Craig-Martin den Chor der Johanniterkirche in Feldkirch gestaltet. Auch
dort ist eine immense bedruckte Folie montiert. Zunächst erschrecken die
grellen Farben (Pink als Grundton) und die für eine Kirche sonderbaren
Gegenstände. Doch die Farben und simple Dinge bringen ungewöhnliche Ordnung in das -
bei archäologischer Grabung und mit abgeschabten Wänden - wunde Haus. Und
so fremd ist das dargestellte Zeug von diesem Ort vielleicht doch nicht:
Messer, Gabel, Dosenöffner (Abendmahl), Buch, Mobiltelefon (Verbreitung
einer Botschaft) und Hammer (Kreuzigung)."Signs of Life" bis 13. August,
montags geschlossen, www.kunsthaus-bregenz.at. |