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Forum Stadtpark Graz 19.10.2001 -
20.10.2001
Zunehmende Segregationen des öffentlichen Raumes
sind wahrlich kein neues Phänomen. Verschiedenste Formen
ökonomischen, politischen und medialen Zugriffs reorganisieren
Öffentlichkeit permanent nicht nur im Hinblick auf Überwachung,
Kontrolle und Disziplinierung, sondern auf ganz grundlegende Weise
im Hinblick auf kulturelle Gebrauchsweisen des Öffentlichen – ein
postindustrieller Strukturwandel, der auf der Grundlage einer kaum
verhohlenen Ökonomisierung (nicht nur) des öffentlichen Lebens eine
Neuformierung des sozio-kulturellen Lebens vorantreibt. Nicht
zuletzt steht diese Neuformatierung von Öffentlichkeit und
Urbanität, die selbstverständlich auf eine Neuformierung von
Machtverhältnissen zurückgeht (Stichworte dafür sind etwa
Privatisierung und Deregulierung) in direktem Zusammenhang mit
Politiken der Sichtbarkeit: Wer beziehungsweise was darf überhaupt
noch sichtbar werden im Rahmen öffentlicher Austauschprozesse? Was
wird von den Machtverhältnissen selbst sichtbar und schreibt sich
öffentlichen Räumen mehr oder weniger unerbittlich ein? Diese
Fragestellungen in Bezug auf die Kämpfe um öffentliche
Repräsentation (Minderheiten, Randgruppen), die Kämpfe um die
Beschriftung der Stadt beschäftigen Jochen Becker nicht erst seit
kurzem. 1993 erschien das Buch »Copyshop«, ein Sampler von Büro Bert
(Jochen Becker und Renate Lorenz) zu Kunstpraxis und politischer
Öffentlichkeit, in dem Büro Bert Öffentlichkeit und
Gegenöffentlichkeit beziehungsweise taktische Medien thematisierten.
1997 sprach Jochen Becker beim Symposion über Fotografie in Graz
über die Zurichtung der Innenstädte und ihrer BewohnerInnen am
Beispiel des Berliner Los-Angeles-Platzes, das von ihm
mitorganisierte »Money Nations (Shedhalle Zürich und WUK, Wien) im
Jahr 2000 thematisierte Globalisierung, Postkolonialismus und einen
pankapitalistischen »Konsumerismus«. Schließlich hat Becker dieses
Jahr den Reader »Bignes? Zur Kritik der unternehmerischen Stadt«
herausgegeben, der sich mit städtischem Handeln, Konsumfestungen,
Erlebnislandschaften, städtischer Überwachung und Freizeitindustrie
beschäftigt. Bei »Urban Control« – im Rahmen des
Stipendiatenprogramms des Forum Stadtpark in Graz realisiert – geht
es jedoch nicht »alleine« um Phänomene dieses skizzierten
kulturellen Wandels, sondern darüber hinaus auch um einen ganz
konkreten politischen und historischen Kontext, der alle
öko-sozialen Diskurse sozusagen durchschlägt: Nordirland (Belfast),
einer der großen zivilen Kriegsschauplätze Europas und ein
weitreichendes Symbol für die radikale Teilung einer ganzen
Gesellschaft. »Die bürgerkriegsartige Belagerung von Nordirland
steht für ein aggressives Modell in Stein gemauerter städtischer
Kontrolle.« Zur »Materialausgabe – Belfast in Graz« präsentierte
Jochen Becker verschiedene Dokumente, Videos, Fotografien,
Zeitschriften, Websites und Bücher, die sich auf die Bearbeitung
dieser Konfliktsituation-in-Permanenz im Rahmen von Programmen und
Projekten von Kunst- und Kulturinstitutionen in Belfast beziehen. In
welcher Weise lässt sich die lokale wie internationale
Repräsentation dieses Konfliktes korrigieren, welche Mythen und
Heroismen sind jedem visuellen Archiv über diese Stadt, die Kämpfe
und Auseinandersetzungen, die Schauplätze, über den Befreiungskrieg
und die Besatzer, eingeschrieben? Reduzieren sich alle Lesarten der
Stadt auf diese Perspektive des Bürgerkrieges? In welche
Missverständnisse verstrickt sich jeder Versuch einer Neudeutung?
In einem eintägigen Symposion präsentierten unter anderem
Belfast Exposed (Pauline Hadaway, Karen Downey), Catalyst Arts
(Stephen Hacketts), Flaxart Studios (Aisling O‘Beirn), grassy knoll
productions (Eoghan McTigue) und Source Magazine (Richard West, John
Duncan) verschiedene Projekte, die (nicht nur) auf diese Fragen
Bezug nahmen und nehmen, die aber in jedem Fall auf die
Grenzziehungen der Stadt reagierten, sei es durch direkte urbane
Eingriffe oder durch die Auswahl bestimmter Orte, bestimmter
Gebrauchsgüter oder Alltagsgegenstände, die alle in gewisser Weise
politisch konnotiert sind. Eines der beeindruckendsten Projekte
ist sicherlich das 2000 begonnene und im Mai 2002 präsentierte
»Routes«, eine Koproduktion von FotografInnen (Belfast Exposed),
KünstlerInnen (Flaxart Studios), FilmemacherInnen (Banter
Productions) und dem Littoral Arts Trust: »a social and cultural
document about the bus workers and their contribution to the cause
of peace and community relations in Northern Ireland.« Die
BusfahrerInnen waren diejenigen, die unmittelbar mit den Symptomen
des Zerfalls der städtischen Gemeinschaften in der Stadt
konfrontiert waren: Routenänderungen aufgrund der Schließung von
Stadtvierteln, Abgrenzungen innerhalb der Bevölkerung als permanente
Spannungen unter den Fahrgästen, selektiver Gebrauch der angebotenen
Linien und vieles mehr werden in einem umfangreichen Projekt, das
eine Fotoausstellung, Video- und Filmprojekte,
Oral-History-Untersuchungen und die Erarbeitung von
Unterrichtsmaterial beinhaltet, dokumentiert. Die Geschichte der
BusfahrerInnen, ihrer Gewerkschaften, ArbeiterInnen in der
Busindustrie und von VertreterInnen des Verkehrsministeriums wird zu
einer exemplarischen Erzählung über den Bürgerkrieg, der im Grunde
ein kolonialer Konflikt ist, ein unter dem Deckmantel der religiösen
Auseinandersetzung geführter politischer, ökonomischer und sozialer
Konflikt. Belfast ist aber nicht nur Untersuchungsgegenstand,
sondern sozusagen auch eine Referenzmetapher, die im Rahmen von
»Urban Control« zum Ausgangspunkt einer Beschäftigung mit denjenigen
militärstrategischen wie sozialen/ökonomischen Grenzziehungen wird,
wie sie sich in jeder europäischen Stadt entweder direkt ablesen
oder zumindest rekonstruieren lassen. Gemeinsam mit Joachim Heinzl
vom Verein für Geschichts- und Bildungsarbeit führte Jochen Becker
eine Stadtführung in Graz durch, die sich topografisch und
historisch sozusagen quer zum gegenwärtigen Stadtgefüge bewegte: vom
Ort lutheranischer Bücherverbrennungen, den Spuren der alten
Festungsmauern, der Mur als urbaner wie sozialer Trennlinie der
Stadt, den traditionellen Arbeiterquartieren, den Müllplätzen und
der ehemaligen Landesirrenanstalt – Spuren von Diskursen der Macht,
die sich der Stadt ganz unmittelbar eingeschrieben haben und sie bis
heute strukturieren und organisieren. »Belfast in Graz« liegt also
kein innereuropäischer Exotismus zugrunde, der die Spaltung, die
Gewalt, die Kontrolle und die Angst immer woanders lokalisiert,
sondern die Spuren dieser Spaltung, die Diskurse der Macht, die
städtischen Ausschließungs- und Disziplinierungsmechanismen werden
»unter der Oberfläche« ganz konkret vor Ort zu lokalisieren
versucht.
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