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Über der ‹Skyline› von Lois Weinberger spannt sich statt des
Himmels nur Zellophan, welches die freie Linie der Hochhaustürme betont
und einebnet. Zudem schafft die Klarsichtfolie ein Mikroklima, in das es
seitlich zwar hineinregnen kann, das wie ein Mini-Gewächshaus jedoch Wärme
und Feuchtigkeit hält. Das Material Ton ist seit acht Jahren ein
tauglicher Nährboden für schimmelig wirkende, leuchtend grüne Algen. Zur
Zeit sind sie vom Dach des Bonner Kunstvereins vor Nässe geschützt eher
eingetrocknet. ‹Wenn ich das rausstelle, dann lebt das wieder›, meint
Weinberger zuversichtlich.
Er hat Erfahrung mit dem Wildwuchs –
sammelt, transportiert, kultiviert, archiviert das Grün diesseits und
jenseits der Gartenzäune und Parkränder. Müllkippe, Abraumhalde und
Strassenrand sind sein Revier. Im Bonner Norden wurde er am Bahndamm
fündig und füllte unscheinbares Kraut in die riesigen Taschen aus
Plastikgeflecht, die es in jedem Bahnhofsviertel billigst zu kaufen gibt
und die nur dazu dienen, den Besitz der Gastarbeiter für ein, zwei
Heimreisen aufzunehmen. UV-Birnen bestrahlen die wabbeligen Pflanzkübel in
der Ausstellungshalle, der Künstler weiss, was er tut: Die bunte Skulptur
aus Kunststoff, Erde und Blattgrün wird sich prächtig entwickeln und
gedeihen. Wie die unscheinbaren Kräuter, Ruderalpflanzen, die er während
der documenta X zwischen den Gleisen des Kasseler Hauptbahnhofes
ansiedelte. Wie das karstige Gestrüpp in seinem Wiener Garten, dessen
Dornen, dürre Blüten und krumpelige Blätter sich auf Hunderten von Dias
abzeichnen. Vorgeführt auf einem Computermonitor im ‹Wartehaus, Singen›,
2000, aus Weissblech, ein Kämmerchen, in das die Natur elektronisch
eingetopft wurde. Dem Unterstand traut man schon zu, dass er am
Strassenrand die gesetzte Funktion erfüllt, gleichzeitig taugt er im
Ausstellungsraum zur grossen Skulptur.
Entlang natürlicher
Prozesse entwickelt Lois Weinberger präzise Versuchsanlagen, in denen sich
die Kunst wie eine seismographische Messung, ein Feldversuch, ein
Laborexperiment ausnimmt. Der verschlungene und ungelenkte Weg des
Borkenkäfers ergibt ein in sich abgeschlossenes Ornament, das Weinberger
direkt blutrot auf die Wand pinselt. Davor und darüber breitet sich die
krakelige Bleistiftschrift des Künstlers aus – poetisch reihen sich Wörter
zu einer undurchsichtigen Handlung unterm Holunderstrauch. Andere Begriffe
ordnet Weinberger auf dem riesigen Wandbehang ‹Jän/Feb›, 2000, aus
Nesselstoff ins Raster einer Topografie. Die Worte blühen hier so
zufällig, wie Wildpflanzen in der Wiese. Ausgesät in die Windungen der
reduzierten Landkarte entwickeln sie Nähe und Distanz in organischen
Schwüngen. Ein bewegliches Potential, das Begrifflichkeiten der
Naturwissenschaft gepflegt ausbreitet und in seiner bunten Fülle auch an
die stolzen und unsystematischen Wunderkammern aus einer längst
wegsortierten Frühzeit der Wissenschaft erinnert. Bis 21.4. |
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