Besprechung
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4 2002
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Catrin Backhaus :  Die ‹Skyline› besteht aus hellen Wolkenkratzern, mehrstöckig verklumpt ergeben sie das typische Hoch und Höher der Grossstadt. Der Massstab ist hier allerdings genauso verrutscht wie die perfekte Ausrichtung der Vertikalen: Aus Lehm geformt, auf Lehm gebaut, passt die ganze kleine Stadt des österreichischen Künstlers Lois Weinberger in eine niedrige, rote Plastikwanne.

Lois Weinberger im Kunstverein

  
Lois Weinberger · Portable Garden, 1994/2002

Über der ‹Skyline› von Lois Weinberger spannt sich statt des Himmels nur Zellophan, welches die freie Linie der Hochhaustürme betont und einebnet. Zudem schafft die Klarsichtfolie ein Mikroklima, in das es seitlich zwar hineinregnen kann, das wie ein Mini-Gewächshaus jedoch Wärme und Feuchtigkeit hält. Das Material Ton ist seit acht Jahren ein tauglicher Nährboden für schimmelig wirkende, leuchtend grüne Algen. Zur Zeit sind sie vom Dach des Bonner Kunstvereins vor Nässe geschützt eher eingetrocknet. ‹Wenn ich das rausstelle, dann lebt das wieder›, meint Weinberger zuversichtlich.

Er hat Erfahrung mit dem Wildwuchs – sammelt, transportiert, kultiviert, archiviert das Grün diesseits und jenseits der Gartenzäune und Parkränder. Müllkippe, Abraumhalde und Strassenrand sind sein Revier. Im Bonner Norden wurde er am Bahndamm fündig und füllte unscheinbares Kraut in die riesigen Taschen aus Plastikgeflecht, die es in jedem Bahnhofsviertel billigst zu kaufen gibt und die nur dazu dienen, den Besitz der Gastarbeiter für ein, zwei Heimreisen aufzunehmen. UV-Birnen bestrahlen die wabbeligen Pflanzkübel in der Ausstellungshalle, der Künstler weiss, was er tut: Die bunte Skulptur aus Kunststoff, Erde und Blattgrün wird sich prächtig entwickeln und gedeihen. Wie die unscheinbaren Kräuter, Ruderalpflanzen, die er während der documenta X zwischen den Gleisen des Kasseler Hauptbahnhofes ansiedelte. Wie das karstige Gestrüpp in seinem Wiener Garten, dessen Dornen, dürre Blüten und krumpelige Blätter sich auf Hunderten von Dias abzeichnen. Vorgeführt auf einem Computermonitor im ‹Wartehaus, Singen›, 2000, aus Weissblech, ein Kämmerchen, in das die Natur elektronisch eingetopft wurde. Dem Unterstand traut man schon zu, dass er am Strassenrand die gesetzte Funktion erfüllt, gleichzeitig taugt er im Ausstellungsraum zur grossen Skulptur.

Entlang natürlicher Prozesse entwickelt Lois Weinberger präzise Versuchsanlagen, in denen sich die Kunst wie eine seismographische Messung, ein Feldversuch, ein Laborexperiment ausnimmt. Der verschlungene und ungelenkte Weg des Borkenkäfers ergibt ein in sich abgeschlossenes Ornament, das Weinberger direkt blutrot auf die Wand pinselt. Davor und darüber breitet sich die krakelige Bleistiftschrift des Künstlers aus – poetisch reihen sich Wörter zu einer undurchsichtigen Handlung unterm Holunderstrauch. Andere Begriffe ordnet Weinberger auf dem riesigen Wandbehang ‹Jän/Feb›, 2000, aus Nesselstoff ins Raster einer Topografie. Die Worte blühen hier so zufällig, wie Wildpflanzen in der Wiese. Ausgesät in die Windungen der reduzierten Landkarte entwickeln sie Nähe und Distanz in organischen Schwüngen. Ein bewegliches Potential, das Begrifflichkeiten der Naturwissenschaft gepflegt ausbreitet und in seiner bunten Fülle auch an die stolzen und unsystematischen Wunderkammern aus einer längst wegsortierten Frühzeit der Wissenschaft erinnert.
Bis 21.4.


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Ausgabe 4  2002
Institutionen Bonner Kunstverein [Bonn/Deutschland]
Autor/in Catrin Backhaus
Künstler/in Lois Weinberger

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