Eröffnung: 14.
Juli 2004, 19:00 Uhr
Zur Ausstellung spricht
Hildegard Fraueneder
Musicact Andrea Lumplecker
aka Sonntag
Die Ausstellung CONSTRUCTa
(zusammengestellt von Hildegard Fraueneder und Erik Hable) beschäftigt sich mit
Konstruktivismen in der bildenden Kunst, die vor allem im vergangenen
Jahrhundert radikalisierende Wendungen im Kunstdiskurs
hervorriefen.
Anders als das
Kunstideal des Konstruktivismus zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit seinen
utopischen, ideellen Dimensionen zeigen sich die konstruktivistischen Ansätze in
der gegenwärtigen Kunst als von wesentlich anderen Intentionen getragen. Heute
teilen die Schaffenden ihre Handlungsmacht mit einer Fülle von „Handelnden“: mit
Ort, Material, Struktur, über die sie nicht herrschen, sondern vielmehr die
Sensibilität den widerständigen Erfordernissen gegenüber vorführen - jede
Konstruktion hinterlässt definitionsgemäß genau die Spuren, die ausgelöscht
werden sollten.
Konstruktivistische Kunst versucht Strukturen nicht zu "vereinfachen",
sondern in ihrer Komplexität darzustellen und eine Grammatik zu entwerfen, die
gegenüber konsensuellem Einverständnis die immer währende Missachtung der
Spielregeln präferiert.
Materialien und Objekte werden aus ihren angestammten
Verwendungszusammenhängen gelöst, um sie gewissermassen ästhetisch zu formieren,
oder auch um lediglich die Form von ihrer Funktion zu befreien, das Material von
seiner Bestimmung. In dieser konstruktivistischen ‘Freiheit’ des Transfers
können Heftklammern zur Aufzeichnung urbaner Landschaftsräume (Nikolaj Dudek)
dienen, werden Klebebänder zu Bild- und Raumgestalter (Dirk Krecker), werden aus
Wellpappe Werkzeuge (James Carl) und eine endlose Perlenkette nimmt ihren
Ausgang bei Wassily Kandinsky und seinem programmatischen Text "Punkt und Linie
zu Fläche" (Bernhard Gwiggner).
Konstruktivistische Arbeiten können auch nur aus Relationen bestehen,
die beteuern, nichts anderes als Relationen zu sein (Johannes Ziegler) und sie
kann mitunter auch lediglich eine ‘relative’ Fassung eines Bildes, eines
künstlerischen Werkes sein (Franz Riedl).
Bezeichnenderweise wird oftmals Lowtech als formales
Stilmittel eingesetzt, ohne jedoch eine Retro-Chic-Ästhetik zu bedienen und ohne
eine illustrative Wirkung zu erzeugen. Lowtech meint den Einsatz schlichter
Materialien in ungewöhnlichen Kombinationen und in äußerst formalisierten
Arrangements, die unprätentiös Raumbezüge verschieben, wie dies Udo Bohnenberger
und Sabine Heine des öfteren schon vorgeführt haben, oder sie entfalten sich in
animierten Variationen nebensächlicher oder unbeachteter Details schaubildartig
vor unseren Augen (Stefan Lux).
Fotografie, Film, aber auch die Sprache sind auf Grund ihrer
strukturellen Disposition in ihrer Anerkennung als dokumentarisierende Medien
für konstruktive Methoden des Codierens, Entcodierens und Recodierens von
besonderem Interesse und werden jeweils hinsichtlich ihrer Vereindeutigungen und
Naturalisierungen demoniert oder kritisch unterlaufen, indem
Herstellungsprozesse rekonstruiert und sichtbar gemacht werden (Christian Mayer,
Guillaume Bijl, Annelies Oberdanner). Vergleichbares gilt für Modelle und andere
‘Veranschaulichungsstrategien’, die im eigentlichen Sinn zumeist Konstrukte
eines Konstrukts sind; die beteiligten KünstlerInnen entwickeln ihre formalen
Konstrukte in Bezug auf unterschiedliche Referenzen: Sprache, Ornament,
Architektur, urbane und gesellschaftliche Kontexte, das institutionelle
Kunstsystem, u.a.(Ella Raidel, Margarethe Haberl, Werner Würtinger, Nora
Stalzer), wobei sich, um einen Vertreter des Konstruktivismus zu zitieren, ‘die
Konstruktion der Realität mit der Realität der Konstruktion kurz schließt.’
(Siegfried J. Schmidt).
In den wissenschaftlichen Diskursen waren die radikal neuen Sichtweisen des Dekonstruktivismus und des Radikalen Konstruktivismus auf Realität und Konstruktion kurz vor der Jahrtausendwende heftiger Kritik ausgesetzt. Dennoch hat sich die Überzeugung, dass es Realität ohne Herstellung nicht geben kann, die Einsicht, dass dieser Denkansatz gerade den fundamentalistischen Haltungen in jeder Hinsicht Wesentliches entgegensetzen kann, durchsetzen können. Für die Kunstproduktion ist gerade der Zusammenhang von Konstruktion und Handlungstheorie entscheidend, ein Zusammenhang, der zwischen Ideen, formalen Prinzipien und inhaltlichen Positionen vermittelt. Entgegen einem alten Vorurteil gegenüber konstruktivistischen Ansätzen, ihre VertreterInnen würden ‘Glasperlenspiele’ für ein intellektuelles und elitäres Publikum betreiben, zeigt sich gerade die Aufkündigung von bestehenden Konsensbildungen über Bedeutungsgebungen als das Widerständige dieser Kunstpraxis.
Kenneth Baker hat in Bezug auf die
konzeptionellen und konstruktivistischen Tendenzen in der zeitgenössischen Kunst
diese als „the Art of Circumstance“ bezeichnet und dem Situativen eine große
Bedeutung zugesprochen. Situativ entwickelte Konzepte und deren Umsetzung für
und in konkret gegebenen räumlichen Besonderheiten machten es notwendig,
KünstlerInnen bereits im Vorfeld der Ausstellung auszuwählen und hier vor Ort
eine Arbeitsumgebung zur Verfügung zu stellen. Ermöglicht wurde dies mit der
Zurverfügungstellung von sechs Stipendien seitens des Kulturfonds der Stadt
Salzburg, die wir an Udo Bohnenberger, Nikolaj Dudek, Sabine Heine, Dirk
Krecker, Anneliese Oberdanner und an Johannes Ziegler vergeben konnten.
Zusätzlich wurde der Beitrag von Christian Mayer von den Salzburger Festspielen
finanziell unterstützt.
CONSTRUCTa special
Freitag, 23. 7. 2004, 19 Uhr, 20 Uhr, 21
Uhr
Christian Mayer:
CONSTRUCTa Guided Tour
In
Zusammenarbeit mit den Salzburger Festspielen
Donnerstag, 05. 08. 2004, 19:30
Uhr
film + talk special von
und mit Ines Häufler
Dziga
Vertov: Man With A Movie Camera, (UdSSR, 1929, 68 Min., s/w; Soundtrack: The
Cinematic Orchestra 2003)
Mittwoch, 11. 8. 2004, 20 Uhr
Guillaume Bijl über seine Arbeit, Vortrag
und Diskussion
In
Zusammenarbeit mit der Internationalen Sommerakademie
galerie 5020. Sigmund Haffner Gasse 12/1,
5020 Salzburg
Tel + Fax
0043(0)662 848817 www.galerie5020.at