text breit  text schmal  
drucken 
Bilder keine Bilder

derStandard.at | Newsroom | Kultur | Bildende Kunst | Ars Electronica 
04. September 2009
18:28 MESZ

Hiroshi Ishiguro mit seinem Klon-Roboter "Geminoid" - als Featured Artist bei der Ars Electronica.


Der Logos macht das Menschliche aus
Er baue menschenähnliche Roboter, um das Wesen des Menschlichen zu ergründen, sagt Hiroshi Ishiguro

Er ist Featured Artist der Ars Electronica und bestritt nun die erste Konferenz.

***

Linz - Herr oder Knecht, Mensch oder Maschine? Die Frage nach der Natur des Menschen und dem, was sie - im Gegensatz zum Apparat - ausmacht, prägte den Beginn der Konferenzen zur "Human Nature" , dem Leitthema der heurigen Ars Electronica. Wird sich das "humanoide Werkzeug" einmal verselbstständigen oder gar Gefühle haben wie der niedliche kleine Roboter Wall-E aus dem gleichnamigen Film?

Dass die Frage nach Mensch und Maschine nicht nur eine des 20. und 21. Jahrhunderts, sondern eine kulturgeschichtliche ist, die bis in die Antike zurückreicht, machte die Zusammensetzung des Podiums deutlich: Gesprächspartner des Featured Artist der Ars Electronica, Hiroshi Ishiguro, Schöpfer von Androiden an der Universität von Osaka, war der Literatur- und Medienwissenschaftler Friedrich Kittler.

"Die Geschichte der Automaten zieht sich quer durch die europäische Kulturgeschichte" , leitete Kittler seine inspirierende Antiken-Wanderung ein. "Die Last des Alltags empfinden wir besonders schwer, wenn wir selbst keine Herren sind, sondern Knechte." Schon ewig teilt die Menschheit den Wunsch von Goethes Zauberlehrling nach einem Besen, der zum wasserschleppenden Knecht wird. So könnte man laut Kittler in Hephaistos den Urvater der Maschinenkunst sehen. Der griechische Gott des Feuers, von seiner launenhaften Mutter Hera als Baby vom Olymp gestoßen, hinkte. Nachdem ihm auch noch seine Frauen, Aphrodite und später Athene, weggelaufen waren, schmiedete er sich zwei mechanische Dienerinnen, zu denen er auch erotische Beziehungen unterhielt. "Die Japaner machen das auch. Der ,Q2‘ ist eine robotermäßige Olimpia von E. T. A. Hoffmann" , der hölzernen Androiden-Frau aus dessen Erzählung Der Sandmann.

Aristoteles griff Hephaistos' mädchenhafte Automaten im Zusammenhang mit dem Begriff der Sklaverei auf: Diesen Werkzeugen sei der Logos, im Sinne der Sprache, zwar gegeben, aber nur, um Befehle zu empfangen. Mit dem Logos im Sinne der Vernunft nähern wir uns laut Kittler dem heiklen Punkt zwischen Mensch und Apparat. In Der Golem, wie er in die Welt kam (1920) schrieb der Rabbi Löw einer Lehmfigur "Wahrheit" - hebräisch: "Emet" - auf die Stirn und erweckte ihn so. Der Golem verliebte sich jedoch in die Tochter des Rabbi. Und aus "Emet" wurde wegen dieser Grenzüberschreitung "Met", hebräisch für "Tod".

"Heute schreiben wir nicht mehr in Lehm, sondern mithilfe von Tastaturen, wenn wir etwas animieren wollen", so Kittler, der eine große Problematik in der Top-down-Konstruktion der Computer sieht: Diese macht sie (nach Peter Bentley) zu gefürchteten, da möglicherweise ausbrechenden Knechten. Diese müsse zugunsten einer Bottom-up-, einer lernenden Konstruktion aufgegeben werden.

Bottom-up also. Auch Hiroshi Ishiguros Androiden und Geminoiden (ferngesteuerter Androide und Zwilling eines realen Menschen) lernen, ihren Popo hochzubekommen: aufstehen, umdrehen, laufen. Das Team aus Robotikern und Gehirnforschern an den ATR Intelligent Robotics and Communications Laboratories in Kioto studiert dafür die kleinsten Menschen, die Babys. "Mein Ehrgeiz ist, Roboter zu entwickeln, die dem Menschen dienen", sagt Ishiguro, der sich als "Schöpfer" einer zukünftigen Roboter-Gesellschaft sieht.

Für Ishiguro ist es wesentlich, dass die humanoiden Roboter menschlich aussehen und sich auch so bewegen. "Wenn er zwar menschlich aussieht, sich aber nicht so bewegt, ist das zombiemäßig". Das menschliche Wesen zu verstehen sei auf dem Weg zum perfekten Geminoiden immens wichtig, so Ishiguro, den dabei auch philosophische Fragen - etwa nach dem Ego und dem Geist des Menschen - interessieren.

"Im Gegensatz zu seinem Aussehen liegt die Identität des Menschen in der Sprache und nicht im Geiste", hakt hier Kittler ein. "Nach Aristoteles und auch meiner Philosophie macht der Logos das Menschliche aus." (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD/Printausgabe, 05./06.09.2009)

Diesen Artikel auf http://derstandard.at lesen.

© 2009 derStandard.at - Alle Rechte vorbehalten.
Nutzung ausschließlich für den privaten Eigenbedarf. Eine Weiterverwendung und Reproduktion über den persönlichen Gebrauch hinaus ist nicht gestattet.