| Salzburger Nachrichten am 31. Dezember 2005 - Bereich: Kultur
Daten & Fakten
Nackte Wahrheiten "Die nackte Wahrheit", wie kürzlich eine Schau im Leopold Museum in
Wien hieß, haben Egon Schiele und Gustav Klimt in der Kunst nicht
erfunden. Von den Alten Meistern bis zu den heutigen Werbeplakaten waren
nackte Frauen- und Männerkörper einerseits Publikumsmagnet und wurden
andererseits unter bestimmten Voraussetzungen immer wieder zum Skandal.
Carlos Aires' Plakat mit Bush-, Chirac- und Queen-Darstellern beim Sex ist auch nicht
die erste "Gruppensex-Fantasie" (H. C. Strache), die die FPÖ erregt. 1998
zeigte die Wiener Secession zu ihren 100-Jahr-Feiern das Bild "Apocalypse"
von Otto Mühl, das "Pornojäger" Martin Humer zu einer Schüttaktion mit
roter Farbe und den damaligen FPÖ-Politiker Walter Meischberger zu einer
Unterlassungsklage veranlasste. Auf dem Bild erkannte sich Meischberger in
einer Gruppensex-Szene mit dem damaligen Papst, Kardinal Groer, Mutter
Teresa und Jörg Haider wieder, den Prozess gewann er: Die Secession musste
20.000 Schilling Schmerzensgeld zahlen und darf das Bild nicht mehr
ausstellen. Strache kritisierte schon damals als FPÖ-Jugendsprecher die
"skandalträchtige Subventionsvergabe an die linke Schickimicki-Szene."
Elfriede Jelineks Auslotungen der dunklen Seiten der weiblichen Sexualität einerseits und
der unaufgearbeiteten Geschichte der Österreicher andererseits sorgten für
andauernde politische und mediale Kampagnen, die 1995 in dem FPÖ-Plakat
("Lieben Sie Scholten, Jelinek, Häupl, Peymann, Pasterk... oder Kunst und
Kultur?") gipfelten. Tierschützer echauffieren sich regelmäßig über Hermann Nitschs
Orgien-Mysterien-Theater, seit den 1960er Jahren sorgte der Wiener
Aktionismus für Skandale. Otto Mühl ist heute noch ein rotes Tuch für
viele, bei seiner Ausstellung im Museum für Angewandte Kunst 2004 wurde
vehement die Schließung verlangt. Alfred Hrdlickas Denkmal vor der
Albertina sorgte ebenso für Skandalgeschrei wie Christoph Schlingensiefs
Asylwerber-Container vor der Staatsoper oder Cornelius Koligs Kunst mit
festen und flüssigen Ausscheidungen. Valie Export oder Elke Krystufek haben mit ihrer zur Schau gestellten
Nacktheit fortgeführt, was bereits vor 140 Jahren Gustave Courbet in
seinem Gemälde "L'origine du monde" in die Welt der Kunst einführte und
was auch Schiele mit seinen einst bekämpften Akten zeigte: gespreizte
Beine. Salzburg hat eigene Aufreger: Der "Arc de Triomphe" der Wiener Künstlergruppe
"Gelatin", ein überdimensionaler nackter Mann mit erigiertem Penis,
erhitzte 2003 die Gemüter und wurde entfernt. Und zuletzt teerte und
federte "Pornojäger" Humer die Mozartskulptur von Markus Lüpertz auf dem
Ursulinenplatz. |