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Galerie T19: Martin Schnur

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Die Welt unterm Lipgloss

Von Claudia Aigner

Debattieren Sie mit!Eine dermaßen ungeteilte Aufmerksamkeit wird einem Objekt dieser Größe sonst höchstens bei einer Fußballübertragung im Fernsehen zuteil (gemeint ist ein Objekt, das nicht wesentlich höher als 20 cm ist). In den neuesten Bildern von Martin Schnur steht ein Blatt Papier (sofern es sich überhaupt um ein solches handelt) so unübersehbar im Mittelpunkt wie ein Fußball während der Champions League. Bis 29. November in der Galerie T19 (Tuchlauben 19).
Vielleicht ist das steife, herausstechend weiße (eigentlich schon irreal weiße) Ding, das die illusionistisch modellierte Frau auf praktisch jedem Bild dabei hat, ja schlicht und einfach ein abstraktes Bildelement und hat nichts weiter zu bedeuten. Es wäre aber wohl etwas kokett, zu mutmaßen, dass Martin Schnur der geheimnisvollen Dame, die mehr gezeichnet als gemalt ist, das weiße Quadrat von Kasimir Malewitsch ausgehändigt hat. Und die solcherart Beglückte schaut es jetzt an, fingert daran herum und weiß nicht so recht, was sie mit dem weißen Quadrat von Malewitsch denn nun anfangen soll. Sie kann ja schlecht einen Papierflieger aus dem wohl berühmtesten Quadrat der Kunstgeschichte basteln (das hier freilich eigentlich ein Rechteck ist).
Die nicht wirklich deutbaren Bilder können genauso gut Standbilder aus einem Film sein. Der müsste dann allerdings heißen: "Die letzte Frau." Denn die Hauptdarstellerin ist jedes Mal allein auf der Welt. Und die ist auch noch komplett ausgeräumt und unmöbliert, ohne Wände, Boden oder Landschaft (meistens jedenfalls). Cowboys können am Ende ja wenigstens in den Sonnenuntergang hineinreiten, die Protagonistin dieses "Films" hat nicht einmal so etwas wie eine Umgebung, was aber ausnahmsweise kein Makel ist, hat Schnur die Leere malerisch doch wunderbar subtil (hauchzart ätherisch) gemeistert. Wäre der Hintergrund strahlend blau (wie die Bluebox) und nicht blassrosa, dann würde man sich über das Bildgeschehen weniger wundern, weil man dann ja annehmen könnte, dass das, was einem zum Verständnis der Szene noch fehlt, halt später einmal nachgereicht wird.
Alles in allem ein gelungenes Ineinandergreifen von Zeichnung und Malerei, von gegenständlicher Kunst und abstrakter Kunst (das weiße "Blatt"), von bildender Kunst und Filmästhetik. Eine abschließende Firnisschicht sorgt schließlich noch für den unwiderstehlich sinnlichen "Lipgloss-Effekt".

Erschienen am: 16.11.2000

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