Artikel aus profil Nr. 13/2003
Kontinuitäten und Brüche

In einer auf das Wesentliche reduzierten Ausstellung zeigt Jeff Wall 25 auratisch leuchtende Fotoarbeiten.
Als Jeff Wall 1978 begann, großformatige Fotografien auf innen beleuchtete Boxen zu montieren, hatte der 1946 in Vancouver Geborene bereits eine Vergangenheit in der Konzeptkunst und als Kunsttheoretiker hinter sich.

Wenn in der soeben eröffneten Ausstellung im Wiener Museum moderner Kunst gleich zu Beginn, überaus prominent, eine fünf Meter lange, 1994 entstandene Leuchtbox mit dem Titel „Restoration“ zu sehen ist, dann macht das durchaus Sinn – kondensieren sich hier doch wesentliche Bedeutungsebenen, die im gesamten Werk von Wall eine Rolle spielen. Von einem leicht distanzierten Standpunkt aus fotografierte er die Restaurierungsarbeiten an einem Rundpanorama, einem Unterhaltungsmedium des 19. Jahrhunderts, das zu den Vorläufern des Films gezählt wird. Wall denkt in dieser Arbeit vielschichtig über Mediengeschichte, den Umgang mit Bildtraditionen, Momente der Kontemplation, Formen der Narration und der Inszenierung nach.

In seinen sorgfältig arrangierten Tableaus verwendet der Künstler klassische Kompositionsschemata, die den Betrachter häufig förmlich ins Bild hineinziehen. Dieser Rückgriff auf eine zentralperspektivische Tradition stellt gleichzeitig einen Bruch mit der Tradition der Avantgarde dar, ebenso wie die Erzählung, die wiederaufgenommen wird. Enigmatische Situationen entstehen, wenn etwa in Walls wohl bekanntester Fotografie „Milk“ ein vor einer Mauer sitzender Mann Milch verschüttet, und zwar so, dass der Milchschwall genau im richtigen Moment von der Kamera eingefangen wird, das Foto so eine skulpturale Qualität bekommt. Oder „Man with a Rifle“: Ein Junge schießt von einem Parkplatz aus mit einem unsichtbaren Gewehr auf eine Baulücke – eine Anspielung auf das Medium Fotografie selbst.

Parallel zu diesem auf die Millisekunde exakten Erfassen von entscheidenden Zeitpunkten finden sich kontemplative Situationen: eine Bauchrednerin mit Puppe, der gespannt eine Gruppe von Kindern zuhört. Der Barcelona-Pavillon von Mies van der Rohe im Morgenlicht, während ein Mann die Fenster putzt.

Es ist diese Ambivalenz zwischen Kontinuität und Zeit-Schnitten, die Walls Arbeiten so spannend macht. Die von Achim Hochdörfer kuratierte Ausstellung wird dem gerecht durch eine Hängung, die nicht streng der Chronologie entspricht: Sie konstatiert nicht unbedingt eine lineare Entwicklung, sondern macht vielmehr in der Gegenüberstellung die Komplexität dieses Werks fassbar.

Jeff Wall: Photographs.
Bis 25.5., Museum moderner Kunst, Museumsquartier, 1070 Wien

Autor: Nina Schedlmayer


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