19.05.2003 19:04
Helles Filmlicht in offenen Kunstkammern
Filmgeschichte im Kunstkontext: "Fate of Alien Modes" in der
Secession
Wien - Es soll bitte ja keine Ausstellung über Kunst und Kino
sein, sondern über die Produktionsweise beider Medien, die sich im vergangengen
Jahrzehnt - jenseits des Crossover-Geschwurbels - einander immer mehr nähern,
sich ergänzen, kopieren. Die Secession als Diskurszone: Die Streifen, Loops,
Kreise schickt Constanze Ruhm auf die Reise.
Die laut der Künstlerin
"neue Perspektive auf die Gegenstände der Filmgeschichte im Kontext der Kunst"
gestaltet sich angenehm unaufgeregt, bleibt trotz hoher Theoriedichte
spielerisch - und ohne sattsam bekannte, grausam inflationäre
Aneinanderreihungen schwarzer Videokammerln. Es gibt zwar ein richtig großes
Kino, aber sonst bringt die stark aus der persönlichen Künstlergeschichte
Constanze Ruhms hergeleitete Schau Fate of Alien Modes das (Film-) Licht in den
Mittelpunkt.
Programmatisch dafür die als riesenhaftes Pop-Art-Objekt im
Eck liegende, silberne Rundlampe bulb, deren Halbkreis der halben
Secessionskuppel entspricht. Filmarchitektin Angela Hareiter entwarf die Lampe
ebenso wie den Bühnenzwitter aus Plattenspieler und Filmrolle, auf dem
Filmemacherin und Performerin Penelope Georgiou am 5. Juni tanzen - und dies auf
Film bannen will.
Auffällig oft aktualisiert man Arbeiten aus den
60er-und 70er-Jahren, seien es etwa Setfotografien aus dem "Freaks"-Film von
Documenta-11-Teilnehmerin Ulrike Ottinger oder, eine Entdeckung der Schau, der
vor kurzem verstorbene Allroundkünstler Jack Goldstein. Er fertigte färbige
Vinylplatten mit vorproduzierten Filmtönen oder führte das im kollektiven
Gedächtnis verankerte MGM-Machtzeichen, den brüllenden Löwen, ad absurdum, indem
er ihn immer wieder im Loop brüllen lässt.
Der Filmhistoriker Mark Nash
präsentiert das einst bahnbrechende Filmmagazin Screen und seine persönliche
Filmauswahl, darunter Derek Jarmans The Last of England. Der Brite Isaac Julien
analysierte in seiner Doku das Blaxploitation-Genre (am 1. Juni, Filmmuseum).
Für die Secession bearbeitete er sein Archivmaterial, welches schwarze
Schauspieler während der Drehpausen und andere Sequenzen zeigt. Eine etwas
blutleere Illustration einer Nicht-Film-Zeit.
Terroristen bei Klimt
In Drehbuch, Storyboard und Film setzte Rainer Kirberg seine
Terroristenstory um Biotechnologie um - im Saal des Klimtschen Beethovenfrieses
und in Anlehnung an die Themen des Jahrhundertwendemalers. Lichtzeichnungen - so
der Name der ersten Fotografien des Henry Fox Talbot - nennt Morgan Fisher
Durchpausen von Werbeanzeigen von Fotofirmen aus den 50ern. Ein Moment an deren
Ende darstellen, nennt es Fisher, dem diese Zeit (und Technik) so versunken
vorkommen wie die Klassische Antike.
Es müssen ja nicht unbedingt die
visuellen Analysen litauischer Frauenstimmen seit den 50er-Jahren sein, welche
das litauische Brüderpaar Nomeda und Gediminas Urbonas umsetzt: Der Blick durch
Constanze Ruhms Kunstbrille auf Bild- und Mediensprache, auch in Hinblick auf
Technologien, schärft sich. (DER STANDARD, Printausgabe, 20.5.2003)