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| 25.09.2004 - Kultur&Medien / Ausstellung | ||
| Ausstellung: Zunge in Beton, Sprache in der Haut | ||
| VON THOMAS KRAMAR | ||
| "Das offene Werk": Die Neue Galerie in Graz zeigt Auszüge, Zeugnisse und Reste von Peter Weibels Schaffen der Jahre 1964 bis 1979. | ||
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Mit nackter Brust, keuchend, läuft der junge Weibel die Straße entlang.
Und spricht, so schnell wie immer, aber noch ein bisschen atemloser: "Wenn
ich sitze vor Ihnen, würde das meinem gegenwärtigen Zustand nicht
entsprechen." Es folgt, in diesem Video von 1969, aus einer Zeit, als es
eigentlich noch gar kein Video gab, aus Peter Weibels "Expanded Cinema",
eine ebenso atemlose Aufzählung der Institutionen, Konventionen,
Konditionen, vor denen Weibel flüchten muss. Wohin? Ins Exil. "Ich bin ein Feind der Zeit, des Raums, der Form", sang
er zehn Jahre später mit seiner großartigen Straßen-Rock-Combo "Hotel
Morphila Orchestra", in einem Song namens "Scheiß Polizei". Auch hier:
Atemlosigkeit, Flucht, Selbst-Exilierung. Ein Vierteljahrhundert danach,
museal aufbereitet, geordnet zu begehen über das überwirklich laut
knarrende Parkett der Neuen Galerie, spürt man noch das rasende Tempo des
längst institutionalisierten Exilanten. Die Wiener Post-Aktionisten von "Monochrom" haben bei der
letzten Biennale von São Paolo eine künstliche Künstlerfigur präsentiert,
die über all die Jahre überall dabei war in den Wirren des Kunst, ihrer
Schulen und Schrullen, ihrer Feste und Manifeste. Wenn einem dieser feine
Practical Joke bei der Weibel-Personale einfällt, dann nicht, weil Peter
Weibel ein Phantom wäre, sondern weil er erstens wirklich (fast) überall
dabei war und zweitens als Künstler kaum je umfassend gewürdigt wurde: Die
Diskurs-Maschine, der rasende Theoretiker, der Medien-Professor Weibel hat
den rasenden Künstler Weibel verdrängt. Selber schuld!, hätte er nicht so viel theoretisiert,
könnte man sagen. Doch bei Weibel versagt das - oft berechtigte - Klischee
vom Künstler, der unter Zuhilfenahme der Werke von Foucault, Lacan,
Derrida etc. und eines als raunendes Orakel aleatorisch eingesetzten
Physikbuchs als sein eigener Kritiker/Kurator dilettiert. Denn Peter Weibel ist kein Blender, wenn er Konzepte der
Mathematik und Naturwissenschaft verwendet. Er hat sich, man verzeihe den
gönnerhaften Ton, immer etwas dabei gedacht. Wenn er etwa von "Projektion"
spricht - und er spricht oft davon -, ist das kein leeres Reizwort: Immer
wieder hat er geometrische Projektionen überlegt, durchexerziert, in
Installationen fixiert, zur Verblüffung ausgestellt, bis hin zu einem (auf
den ersten Blick etwas wolkigen) "Paradoxon der Perspektive", dessen Form
seinen Inhalt beschreibt und umgekehrt. Solche Sprünge zwischen Form und Inhalt, Beschriebenem
und Beschreibung, Darstellung und Objekt finden sich oft bei Weibel. Etwa
in "Possible": Ein Projektor läuft leer, dennoch liest man auf der
Leinwand das Wort "possible". Wie bitte? Des Rätsels Lösung: Das Wort
entstammt keiner Projektion, sondern ist auf die Leinwand geklebt.
Eine Null-Projektion sozusagen, die alles offen lässt.
Ähnlich das erste aus der Serie der "Galerieprojekte": Die Galerie bleibt
geschlossen. Wer eine Menge von Operatoren betrachtet, braucht eben
unbedingt den Null-Operator: Da freut sich das mathematische Herz. Auch
bei einem anderen Projekt: Die Ausstellung enthält die Kunstwerke der
Künstler, die im Jahr vor der Ausstellung um Ausstellung gebeten haben,
aber abgelehnt wurden. Man meint, Gödel lachen zu
hören . . . Poetisch werden die Paradoxa und Exzesse der
Selbstreflexivität in einigen kleineren Werken: "Betrachtung der
Betrachtung" (man sieht sich selbst immer von hinten und kann endlich, so
vorhanden, die eigene Glatze erkennen), Reißnägel auf einer
Schreibmaschine, ein mit der Füllfeder in Wasser geschriebenes Gedicht.
Sprachkritik? Vielleicht. Aber auch eine Laudatio auf die
Sprache, ohne die alles Denken zerflöße wie Tinte im Wasser. Und die erst
ihre eigene Kritik ermöglicht. Kritik der Sprache: Das ist immer Genetivus
objectivus und subjectivus. "Die Sprache selbst stellt die Frage nach dem
Sinn", schrieb Weibel über seine "Sprachspiegelungen": "Es ist die
Selbstreflexivität im Sprachprozess, die das Denken hervorbringt und damit
die Frage nach dem Sinn." Die Sprache kann eine harte Herrin sein und ihre Diener
quälen. Erst recht, wenn die sich verweigern wollen: Für "Raum der
Sprache" (1973) ließ sich Weibel die Zunge einbetonieren. Für
"Narbengedichte" (1967) implantierte er sich Zettel unter die Haut. So
waren selbst seine Beiträge zum Aktionismus immer im besten Sinn
vergrübelt. Bisweilen geradezu kasuistisch: In Göteborg zerstörte er 1969
eine gläserne Museumswand durch darauf montierte Gegenstände, die Musik
erzeugen sollten. Vor Gericht rechtfertigte sich Weibel und führte am
Modell vor: Es sei physikalisch unmöglich, dass das Glas zerbricht.
Freispruch. Gewiss, nicht alle Versuchsanordnungen Weibels haben den
Test der Zeit bestanden, die in Stein gemeißelten Paradoxa ("Die Justiz
ist ein Justizirrtum") haben ihren Sponti-Charme großteils verloren. Aber
gerade manche Installationen, die offensiv mit (damals neuen) Medien
arbeiten, wirken noch immer, und nicht nur durch die Technikmuseum-Aura.
Die "Kruzifikation der Identität" (1973) etwa: Man steigt auf ein Podest,
und wenn man die Arme waagrecht streckt, sieht man sich selber auf dem
Monitor in der Mitte eines lebensgroßen Kreuzes. Ästhetik der großen
Zeichen, keine Frage, aufgeladen mit großen Worten. Nebenan hört man
Weibel schnellstens reden, vom Band oder live, egal. Er rennt noch immer.
Bis 21. November, Di-Do 10-18 Uhr, Do 10-20 Uhr.
www.neuegalerie.at |
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