Ein Narziss pro Quadratmeter
Von Claudia Aigner
Es kann schon passieren, dass man an einem Loch vorbeikommt,
das sich an jeden ranmacht, der des Weges kommt. Leuten, die
gewohnheitsmäßig des Nachts am Wiener Gürtel entlangfahren, wird jetzt
womöglich geschmackloserweise auf der Zunge liegen: "Ja, so ein Loch kenn
ich auch." Gemeint ist aber ein Loch in einer Wand in der Kunsthalle
Krems, aus dem heraus das fidele Burschenquartett "Gelatin" mit den
Ausstellungsbesuchern Kontakt aufnimmt. Da mich das Loch leider nicht
belästigt hat, kann ich beim besten Willen nicht bestätigen, ob es
wirklich so schlimm ist, dass man am Ende drauf und dran ist, dem Loch
seinen Sekundanten zu schicken. "Milch vom ultrablauen Strom" nennt
sich die Schau, die noch bis 26. November einen äußerst subjektiven Blick
auf "Strategien österreichischer Künstler 1960 bis 2000" wirft. Was nicht
heißt, dass nicht auch die zuagraste Anna Jermolaewa ihren "Psychoterror"
ausüben darf, die nämlich aufziehbares Kinderspielzeug, das die Kondition
des Duracell-Häschens hat, auf 15 Bildschirmen hyperaktiv sein lässt. Und
wenn sie den wilden Haufen, der in etwa denselben Teamgeist hat wie
Menschen während einer Massenpanik, dann provokant "Orchester" nennt,
könnte man eine Parodie auf das Klischee vom musikalischen Österreich oder
gar auf die Wiener Philharmoniker vermuten. Wie viel Narzissmus pro
Quadratmeter gibt es wohl bei uns? Wer durch die Ausstellung gegangen ist,
wird jetzt antworten: mindestens einen halben. Jedenfalls die ganz normale
Ichbezogenheit, oft verbunden mit deftiger Körperkunst, dürfte weit
verbreitet sein. Natürlich sind in der Schau zunächst einmal die Klassiker
vertreten: das "Gummigesicht" Arnulf Rainer oder der feministische
"Genitalrambo" Valie Export. Oder Günter Brus, der da freilich schon
längst "die Kurve gekratzt" und gerade noch rechtzeitig sein Leben nach
dem Aktionismus begonnen hat (solange noch niemand aus Übersättigung
gestorben ist). Ob er Recht hat mit seinem brillant schaurigen Bildgedicht
"Heimat, bist du großer Söhne/Volk, begnadet fürs Obszöne"?
Höchstwahrscheinlich. Elke Krystufek, die sich in ihren Performances als
sehr einprägsame Masturbationspsychopathin gebärdet, ist auf jeden Fall
diesbezüglich begnadet. Geschmackvoll subversive Selbstdarsteller sind
dagegen Rosa Brueckl und Gregor Schmoll, die in ihren kühl gemalten
Bildern fast schon lapidar die großen Rollen der Kunstgeschichte spielen.
Rosa stürzt sich da sogar in eine Affäre mit dem Frauenhelden Zeus
(Personenbeschreibung: überall weiße Federn, oranger Schnabel). Aber eine
Malerleinwand ist ja ein gutes Verhütungsmittel, sonst hätte Rosa Brueckl
ja später zwei Eier legen müssen. Da und dort entdeckt man plötzlich
Bezüge zwischen den Generationen, an die man vorher nie im Leben gedacht
hätte. Wenn Max Boehme Fleischklumpen arrangiert und abmalt, dass es
aussieht wie ein barocker Engelssturz oder einfach wie rohes Fleisch in
sinnlicher Verzückung (oder als hätte jemand eine Handgranate in einen
Barockhimmel geworfen), so ist das ja wirklich nicht so weit von Hermann
Nitschs Orgien Mysterien Theater entfernt, also von seinem "Rindsgulasch",
in dem nackte Menschen gekreuzigt werden. Insgesamt liegt die
Vermutung nahe, dass die österreichischen Künstler eine sinnenfreudige
Sippe sind. Denn selbst dort noch, wo ein "unpersönlicher", abstrakter
Stil vorzuherrschen scheint, etwa bei Gerwald Rockenschaubs plakativem
Präzisionismus, kann man sich noch immer ordentlich "die Netzhaut voll
schlagen". Und wenn der riesige, luftgefüllte gordische Knoten von Peter
Kogler nicht sinnlich ist (mit dem man theoretisch mit einem Blasebalg und
viel Ausdauer fertig wird, sofern man ihn so zum Platzen bringt), dann
weiß ich auch nicht. Eine überhaupt sehr schwelgerische Schau.
Erschienen am: 15.11.2000 |
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