| Kultur/Medien | 20.09.01 | www.DiePresse.at |
Scheue Hirsche und das Ich besuchen den Steirischen Herbst
Intendant Peter Oswald stellte das Programm des Steirischen Herbst 2001 in Wien vor. Im nächsten Jahr bekommt der "Herbst" eine eigene Festivalhalle.
Cathrin Pichlers Antonin-Artaud-Projekt wurde wegen
neuer Funde in der Pariser Nationalbibliothek verschoben. Der Steirische Herbst
2001 dreht sich um das Subjekt, das Subjektive, die Behauptung des Individuums
in einer vielfältigen und vielfältig bedrohten Welt: "Wir wollen keine
vorschnellen Lösungen unter dem Druck tragischer tragischer Ereignisse anbieten,
sondern uns mit Fragen befassen, etwa: Was ist schiefgelaufen, welches Begehren
bauen wir in der Dritten Welt auf?" sagte Intendant Peter Oswald am Mittwoch vor
Journalisten in der Kunsthalle im Museumsquartier. Gerhard Rühm hält die
Eröffnungsrede, ihm ist auch ein Schwerpunkt gewidmet: mit einem Puppenspiel
"goldene hochzeit" (UA), visueller Poesie und Musik, einem Programm mit alten
und neuen Chansons. Rühms Lautmalereien sind auch bei "Literatur im Herbst"
vertreten - wo ferner ein Matinee-Gespräch Ernst Jandl gewidmet ist. In dem von
Ex-Profil-Redakteur Wolfgang Reiter betreuten Theater-Schwerpunkt wird
"Tintentod" von Josef Winkler uraufgeführt. Regie: Tina Lanik. Basis des Textes
ist ein Interview des Klagenfurter Germanisten Klaus Amman mit Winkler. Georg
Staudacher inszeniert für 18. Oktober in Mürzzuschlag "Der Rußland-Salon" von
Robert Wolf. "Das Pulverfaß" von Dejan Dukovski wird wieder aufgenommen.
Christoph Frick wird ein theatralisches Experiment zum Verhältnis zwischen
Individuum und Öffentlichkeit unter dem Titel "Alle Jäger danke" inszenieren,
eine weitere Uraufführung ist "Ich ersehne die Alpen; So entstehen die Seen" vom
Tiroler Händl Klaus. Man habe heuer absichtlich keine Stars geladen, um den
Charakter des "Herbst" als "Zeiterfindungs-Festival" zu betonen, so Reiter:
"Vielleicht werden Sie mehr lachen, als Sie es erwarten würden bei Avantgarde,
die noch immer häufig mit dem Ernsthaften, Seriösen, Trockenen verbunden
wird."
Trotz Grenzüberschreitungen und der interdisziplinären Note des
"Herbst" wies Oswald besonders auf die von Peter Pakesch kuratierte Ausstellung
"Abbild" hin, die das Menschenbild der bildenden Kunst resümieren soll: anhand
von Arbeiten heimischer wie internationaler Künstler, von Maria Lassnig bis
Günther Förg, von Louise Bourgeois bis zum Chinesen Xie Nanxing. Über 50
Künstler sind in der Schau vertreten, die am 5. Oktober im Joanneum eröffnet
wird. Ebenfalls zur Eröffnung wird "Begehren" von Beat Furrer konzertant
uraufgeführt, die szenische Realisation dieser laut Oswald "existentiellen,
radikalen Ich-Recherche" von Reinhild Hoffmann und Zaha Hadid folgt im nächsten
Jahr. Jörg Schlick gestaltet einen Parcours über Melancholie und Depression
unter dem Titel "Gleich scheuen Hirschen in Wäldern versteckt zu leben", wobei
er sich auch mit Genetik und Biotechnologie befassen will. Insgesamt ist das
Programm 376 Seiten dick. Das Budget, 50 Millionen Schilling, wurde heuer durch
fünf zusätzliche Millionen vom Land aufgefettet, die Eigendeckung beträgt trotz
gut ausgelasteter Veranstaltungen nur 25 Prozent: "Bei Avantgarde ist das nicht
anders möglich" so Oswald. Im Oktober 2002 bekommt der "Herbst" eine eigene
Festivalhalle.bp