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28.12.2001 - Ausstellung
Belgrad sucht wieder den freien Austausch von Kunst-Ideen
Moderne-Museum lädt trotz großer Not zur "Konversation"
Die Direktorin Branislava Andjelkovic will aus dem Belgrader Museum für Zeitgenössische Kunst wieder das machen, was es vor der Ära Milosevic war. Doch das bleibt Zukunftsmusik, solange Geld für eine Klimaanlage fehlt. Ein Interview.
Von unserer Korrespondentin GERTRAUD ILLMEIER


An diesem Tag schloß das Museum um 14 Uhr. Wegen eines Wasserrohrbruchs mußte die Heizung abgedreht werden. Im Zimmer von Branislava Andjelkovic spuckt ein kleiner Elektroradiator eben soviel Wärme aus, daß der Aufenthalt erträglich ist. Die Direktorin des Zeitgenössischen Museums hat ihre Angestellten nach Hause geschickt. Zum Arbeiten ist es zu kalt.

"Was mich wirklich stört in letzter Zeit, ist, daß alle Prioritäten setzen", seufzt Andjelkovic. Kultur sei auf allen Prioritätenlisten ganz unten. Deshalb ist kein Geld für die Renovierung des 1965 eröffneten Museums vorhanden: Das Haus hat keine Klimaanlage, die Heizung ist veraltet. Es gibt keine Computer und kein elektronisches Sicherheitssystem. Statt dessen patrouillieren Angestellte Tag und Nacht durch das Haus und schauen, ob alles in Ordnung ist.

"Wir hätten alles: gute Künstler, eine gute Kunstszene, Kuratoren, Kontakte, können aber keine seriösen Partnerschaften eingehen, solange das Museum nicht ordentlich beheizbar ist." Dabei sei das Gebäude spektakulär, schwärmt Andjelkovic. "Einer der besten Ausstellungsräume in Südosteuropa."

Es ist das einzige Museum in Jugoslawien, das als solches gebaut wurde. "Museen sind gewöhnlich in alten Gebäuden mit kleinen Räumen. Wir haben einen einzigen offenen Raum, der nur von verschiedenen Ebenen unterteilt wird. Von diesen Galerien aus kann man die Werke aus unerwarteten Perspektiven betrachten."

Der Bau mit seinen riesigen Glasflächen liegt am flachen linken Save-Ufer, mitten in einem Park. Gegenüber, auf der anderen Uferseite, erstreckt sich die alte Stadtfestung. Sechs Kuben geben dem Museum die Form eines polymorphen Kristalls. Unweit des Museums befand sich die Zentrale der Sozialistischen Partei. 1999 wurde sie während der Nato-Luftangriffe zerstört. Dabei sind auch die Fenster des Museums zersprungen. "Das war im April. Erst im Oktober wurden die Fenster ersetzt."

"Erwarte nicht, daß jemand kommt", hatte man Andjelkovic gesagt, als sie im Juni die Leitung des Hauses übernahm. Die letzten Jahre war es komplett in Vergessenheit geraten. 1993 waren Museumsdirektor Zoran Gavric und sein Team entlassen worden. Der regimetreue neue Direktor stoppte das Bildungsprogramm des Museums, strich die Publikationen, die Kommunikation mit dem Ausland. Gezeigt wurde Langweiliges, Unverfängliches.

Freiheit ohne Infrastruktur

Einige Künstler, Kustoden und Designer gründeten daraufhin das "Zentrum für zeitgenössische Kunst - Belgrad", eine NGO, die in den Folgejahren die Aufgaben des eigentlichen Museums wahrnahm. Andjelkovic kam heim aus London, wo sie ihren Doktor gemacht und gearbeitet hatte: "Wir hatten das Gefühl einer Mission. Wir dokumentierten, zeigten Ausstellungen, die im Inland nicht möglich waren im Ausland, entwickelten eigene Programme. Es ist frustrierend: Wir haben es all die Jahre trotz Sanktionen und zweimaliger Schließung des Zentrums irgendwie geschafft. Jetzt, wo wir endlich atmen können und ernsthafte Projekte umsetzen könnten, haben wir die Infrastruktur nicht."

Für 2002 hat sie um ein Budget in Höhe von einer halben Million Euro angesucht, doch sie rechnet nicht damit, daß es bewilligt wird. Große Investitionen wären nötig, doch in Jugoslawien gibt es keine großen Privatunternehmer und auch keine Tradition des privaten Sponsoring. "Der Staat hat kein Geld, ausländische Organisationen finanzieren nur humanitäre, Demokratie- oder Wirtschaftsprojekte und im Stabilitätspakt für Südosteuropa ist der Kulturbereich ausgespart geblieben. Wir wissen tatsächlich nicht, wo wir uns um Fonds umschauen sollen", erzählt Andjelkovic.

Ein unverständliches Versäumnis, da vor allem die zeitgenössische Kunst zur Überwindung der Vergangenheit und Erneuerung der Gesellschaft beitragen könne: Sie zeige den Serben, daß sie einer größeren Gemeinschaft angehören. Ende Oktober wurde die erste Ausstellung eröffnet. 7000 Besucher haben "Konversation" bisher gesehen. Ein großer Erfolg, der die Direktorin bestärkt: "Belgrad hat das Publikum; die zeitgenössische Kunst wurde vermißt. All die Jahre sind die Leute vollgestopft worden mit serbischem Mittelalter und traditioneller Malerei des 18. und 19. Jahrhunderts."

Gegen Realitätsverlust

"Konversation" ist mehr als nur eine Ausstellung: Sie markiert das Ende der Isolation und die Wiederaufnahme einer umfassenden Kommunikation im Land und nach außen, mit der Vergangenheit und der Gegenwart. Andjelkovic: "Konversation bedeutet freier Austausch von Ideen. Bei uns hieß es immer: Wenn du die Vergangenheit nicht verstehst, verstehst du auch die Zukunft nicht. Aber: Wenn du die Zeit, in der du lebst nicht verstehst, bist du verloren. Die Leute hier haben den Bezug zur Realität völlig verloren. Sarajewo ist nur ein paar Autostunden von hier entfernt, aber die Leute tun so, als ob das, was dort passiert ist, ganz weit weg gewesen wäre."



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