An diesem Tag schloß das Museum um 14 Uhr. Wegen eines
Wasserrohrbruchs mußte die Heizung abgedreht werden. Im Zimmer von
Branislava Andjelkovic spuckt ein kleiner Elektroradiator eben soviel
Wärme aus, daß der Aufenthalt erträglich ist. Die Direktorin des
Zeitgenössischen Museums hat ihre Angestellten nach Hause geschickt. Zum
Arbeiten ist es zu kalt.
"Was mich wirklich stört in letzter Zeit, ist, daß alle
Prioritäten setzen", seufzt Andjelkovic. Kultur sei auf allen
Prioritätenlisten ganz unten. Deshalb ist kein Geld für die Renovierung
des 1965 eröffneten Museums vorhanden: Das Haus hat keine Klimaanlage, die
Heizung ist veraltet. Es gibt keine Computer und kein elektronisches
Sicherheitssystem. Statt dessen patrouillieren Angestellte Tag und Nacht
durch das Haus und schauen, ob alles in Ordnung ist.
"Wir hätten alles: gute Künstler, eine gute Kunstszene,
Kuratoren, Kontakte, können aber keine seriösen Partnerschaften eingehen,
solange das Museum nicht ordentlich beheizbar ist." Dabei sei das Gebäude
spektakulär, schwärmt Andjelkovic. "Einer der besten Ausstellungsräume in
Südosteuropa."
Es ist das einzige Museum in Jugoslawien, das als solches
gebaut wurde. "Museen sind gewöhnlich in alten Gebäuden mit kleinen
Räumen. Wir haben einen einzigen offenen Raum, der nur von verschiedenen
Ebenen unterteilt wird. Von diesen Galerien aus kann man die Werke aus
unerwarteten Perspektiven betrachten."
Der Bau mit seinen riesigen Glasflächen liegt am flachen
linken Save-Ufer, mitten in einem Park. Gegenüber, auf der anderen
Uferseite, erstreckt sich die alte Stadtfestung. Sechs Kuben geben dem
Museum die Form eines polymorphen Kristalls. Unweit des Museums befand
sich die Zentrale der Sozialistischen Partei. 1999 wurde sie während der
Nato-Luftangriffe zerstört. Dabei sind auch die Fenster des Museums
zersprungen. "Das war im April. Erst im Oktober wurden die Fenster
ersetzt."
"Erwarte nicht, daß jemand kommt", hatte man Andjelkovic
gesagt, als sie im Juni die Leitung des Hauses übernahm. Die letzten Jahre
war es komplett in Vergessenheit geraten. 1993 waren Museumsdirektor Zoran
Gavric und sein Team entlassen worden. Der regimetreue neue Direktor
stoppte das Bildungsprogramm des Museums, strich die Publikationen, die
Kommunikation mit dem Ausland. Gezeigt wurde Langweiliges,
Unverfängliches.
Freiheit ohne Infrastruktur
Einige Künstler, Kustoden und Designer gründeten
daraufhin das "Zentrum für zeitgenössische Kunst - Belgrad", eine NGO, die
in den Folgejahren die Aufgaben des eigentlichen Museums wahrnahm.
Andjelkovic kam heim aus London, wo sie ihren Doktor gemacht und
gearbeitet hatte: "Wir hatten das Gefühl einer Mission. Wir
dokumentierten, zeigten Ausstellungen, die im Inland nicht möglich waren
im Ausland, entwickelten eigene Programme. Es ist frustrierend: Wir haben
es all die Jahre trotz Sanktionen und zweimaliger Schließung des Zentrums
irgendwie geschafft. Jetzt, wo wir endlich atmen können und ernsthafte
Projekte umsetzen könnten, haben wir die Infrastruktur nicht."
Für 2002 hat sie um ein Budget in Höhe von einer halben
Million Euro angesucht, doch sie rechnet nicht damit, daß es bewilligt
wird. Große Investitionen wären nötig, doch in Jugoslawien gibt es keine
großen Privatunternehmer und auch keine Tradition des privaten Sponsoring.
"Der Staat hat kein Geld, ausländische Organisationen finanzieren nur
humanitäre, Demokratie- oder Wirtschaftsprojekte und im Stabilitätspakt
für Südosteuropa ist der Kulturbereich ausgespart geblieben. Wir wissen
tatsächlich nicht, wo wir uns um Fonds umschauen sollen", erzählt
Andjelkovic.
Ein unverständliches Versäumnis, da vor allem die
zeitgenössische Kunst zur Überwindung der Vergangenheit und Erneuerung der
Gesellschaft beitragen könne: Sie zeige den Serben, daß sie einer größeren
Gemeinschaft angehören. Ende Oktober wurde die erste Ausstellung eröffnet.
7000 Besucher haben "Konversation" bisher gesehen. Ein großer Erfolg, der
die Direktorin bestärkt: "Belgrad hat das Publikum; die zeitgenössische
Kunst wurde vermißt. All die Jahre sind die Leute vollgestopft worden mit
serbischem Mittelalter und traditioneller Malerei des 18. und 19.
Jahrhunderts."
Gegen Realitätsverlust
"Konversation" ist mehr als nur eine Ausstellung: Sie
markiert das Ende der Isolation und die Wiederaufnahme einer umfassenden
Kommunikation im Land und nach außen, mit der Vergangenheit und der
Gegenwart. Andjelkovic: "Konversation bedeutet freier Austausch von Ideen.
Bei uns hieß es immer: Wenn du die Vergangenheit nicht verstehst,
verstehst du auch die Zukunft nicht. Aber: Wenn du die Zeit, in der du
lebst nicht verstehst, bist du verloren. Die Leute hier haben den Bezug
zur Realität völlig verloren. Sarajewo ist nur ein paar Autostunden von
hier entfernt, aber die Leute tun so, als ob das, was dort passiert ist,
ganz weit weg gewesen wäre."
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