DOMINIK STRAUB MAILAND (SN). Das umstrittenste Exponat der Ausstellung "Vade retro - Kunst und Homosexualität" hatte Vittorio Sgarbi schon vor einigen Tagen zurückgezogen, indem er es kurzerhand gekauft und in sein Chefzimmer in der Kulturabteilung der Stadt Mailand gestellt hat. Die Skulptur trägt den Namen "Miss Kitty" und zeigt eine halbnackte Frauenfigur, deren Gesichtszüge stark an jene Joseph Ratzingers erinnern. Doch die Selbstzensur des Mailänder Kulturassessors hat nicht ausgereicht, um Bürgermeisterin Letizia Moratti zu beschwichtigen.
Auch bei diversen anderen Ausstellungsstücken waren nach dem Geschmack der Stadtmutter zu viele Geschlechtsteile und nackte Haut zu sehen. In der Folge hat Sgarbi die Ausstellung am Freitag wenige Stunden vor der Eröffnung abgesagt.
Der Mailänder Kunststreit macht Schlagzeilen in ganz Italien. Das hat nicht allein mit der Ausstellung, sondern ebenso viel mit der Prominenz der handelnden Personen zu tun. Die 57-jährige Unternehmerin und Bürgermeisterin Letizia Moratti stammt aus einer der reichsten norditalienischen Familien - ihr Bruder Massimo Moratti ist Ölmilliardär und Besitzer des Fußballvereins Inter Mailand - und ist bekannt für ihr katholisch-konservatives Weltbild.
Weltbild? Katholisch, konservativ, reich Internationales Aufsehen hatte Moratti als Bildungsministerin unter Silvio Berlusconi erregt, als sie die Evolutionstheorie Darwins aus Schulbüchern verbannte. Nach Protesten - auch von der EU - musste sie das rückgängig machen.
Vittorio Sgarbi (54) wiederum ist landesweit bekannt als eitler und provokanter Kunstkritiker. Er blickt auf eine ansehnliche Reihe von Eklats zurück. Er gehörte einst wie Moratti Berlusconis Kabinett an, musste seinen Schreibtisch als Staatssekretär für Kultur "wegen unüberbrückbarer Gegensätze" mit dem Rest der Regierung jedoch nach einem Jahr wieder räumen. Sgarbi nennt Bürgermeisterin Moratti seit dem jüngsten Streit nur noch "Ordensschwester Letizia". Er wirft ihr vor, sich die Ausstellung gar nie angesehen zu haben.
"Wir stehen vor einem Bollwerk der Ignoranz, und es ist paradox, dass sie glaubt, ausgerechnet mir Lektionen in Sachen Kunst erteilen zu können", sagt er. Sgarbi empfiehlt "Suor Letizia", sich als Bürgermeisterin von Teheran zu bewerben. Doch daran denkt Moratti nicht. "Mailand braucht keine sterilen Provokationen, die sich als Kunst ausgeben, aber keine Kunst sind", sagte sie am Wochenende. Auch ein Vermittlungsversuch Berlusconis konnte sie nicht umstimmen. Der streitbare Sgarbi sieht die Desavouierung durch Moratti und den Stadtrat nicht als Grund, die (wie er sie nennt) "Mailänder Klerikerkoalition" zu verlassen: "Ich amüsiere mich und arbeite weiter." Die umstrittene Ausstellung soll nun in Neapel gezeigt werden - vollständig, inklusive der von Moratti als "blasphemisch" bezeichneten Werke.






