
Wien - Er galt als sensibler Berserker, bezeichnete sich selbst als "Fossil", "Steinzeitmensch" und "Untergrundmensch" und unterzeichnete Briefe gerne mit "Ultrastalinist". Mit Alfred Hrdlicka ist am Samstag, einer der wichtigsten zeitgenössischen Bildhauer Österreichs 81-jährig in Wien gestorben. Auch wenn sein Name aus dem Tschechischen übersetzt "Turteltaube" heißen soll, hat sich der Bildhauer, Zeichner, Grafiker und Maler nie als zahm und sanft erwiesen, weder in seinen Themen und in der Wahl seiner Materialien, noch in seinen Polemiken, mit denen sich der streitbare Realist und Kommunist in politischen Debatten zu Wort meldete.
Hrdlicka selbst hatte schon einige Zeit unter seinem gesundheitlich "bedenklichen Zustand", wie er es selbst nannte, gelitten. Bereits seit einigen Jahren konnte er nicht mehr eigenhändig an Skulpturen arbeiten, er habe sich "zu Tode geschunden", jede seiner dreidimensionalen Arbeiten habe er selber gemacht, wie er anlässlich seines 80. Geburtstags im Vorjahr erklärt hat. Dennoch plante der kontroversielle Bildhauer neue Projekte, etwa ein neues Werk auf dem Albertinaplatz.
Rechte Anfeindungen
Dieser Platz in der Wiener Innenstadt ist wohl untrennbar mit dem Namen Hrdlicka verbunden, seit dieser dort sein umstrittenes Denkmal gegen Krieg und Faschismus verwirklicht hat (1988/91). Die Aufstellung seiner Skulpturen im öffentlichen Raum war allerdings meist von heißen Diskussionen begleitetet: 1963 erregten sich die Gemüter in Salzburg, nachdem sein "Orpheus" für das Kleine Festspielhaus angekauft worden war. 1967 versammelte sich eine "Liga gegen entartete Kunst" zum Protest gegen das in Wien enthüllte "Renner-Denkmal" Hrdlickas. 1970 entstand für ein Evangelisches Gemeindezentrum in Westberlin der "Plötzenseer Totentanz". In Hamburg sorgte sein monumentales "Gegendenkmal" zum Krieger-Ehrenmal für heiße Diskussionen.
Wie sehr der Künstler polarisierte zeigte erst im Vorjahr wieder die Hrdlicka-Ausstellung "Religion, Fleisch und Macht - das Religiöse im Werk von Alfred Hrdlicka" im Wiener Dommuseum, das sich für die Schau Anfeindungen aus aller Welt gefallen lassen musste. Und Kardinal Christoph Schönborn bezeichnete Hrdlicka zwar als einen der bedeutendsten lebenden Künstler Österreichs, ließ aber dessen Version des "Letzten Abendmahls" prompt abhängen.
Studium bei Gütersloh, Dobrowsky und Wotruba
Alfred Hrdlicka wurde am 27. Februar 1928 in Wien geboren. Nach Absolvierung einer Zahntechnikerlehre begann er an der Akademie der bildenden Künste zunächst Malerei bei Albert Paris Gütersloh und Josef Dobrowsky zu studieren, ehe er mit Diplom als akademischer Maler in die Bildhauerklasse von Fritz Wotruba eintrat, um 1957 auch als Bildhauer akademische Ehren zu erwerben. Seiner ersten Skulpturenschau 1960 (gemeinsam mit Fritz Martinz) in der mittlerweile abgerissenen Zedlitzhalle in Wien folgten Ausstellungen im Wiener Künstlerhaus und in der Galerie Welz in Salzburg. 1964 war er Vertreter Österreichs bei der Biennale in Venedig. Professuren führten ihn an die Staatliche Akademie der Bildenden Künste Stuttgart , die Hochschule für bildende Künste Hamburg, die Hochschule der Künste Berlin und schließlich 1989 an die Universität für angewandte Kunst Wien.
Es folgten zahlreiche internationale Ausstellungen und Auszeichnungen für den Zeichner und Grafiker Hrdlicka, der den leidenden und geschundenen Menschen in den Mittelpunkt seiner Zyklen stellt. "Alle Kunst kommt vom Fleisch", lautet ein immer wieder zitiertes Diktum Hrdlickas, für den Kunst, die sich nicht direkt mit dem Menschen und seinen Problemen befasst, zu Dekoration und Unterhaltung verkommt. Zu den bekanntesten und eindrucksvollsten Werken Hrdlickas zählen seine Arbeiten zur französischen Revolution, zum italienischen Regisseur Pier Paolo Pasolini oder zum Komponisten Franz Schubert.
Als Bühnenbildner arbeitete er u.a. in Bonn ("Faust I und II", 1982) und Stuttgart ("Intolleranza", 1992). Im Jahr 2001 stattete er Christine Mielitz' Inszenierung des "Ring des Nibelungen" in Meiningen aus. Weiters zeichnete er für die Ausstattung der Salzburger Festspielproduktion von Zemlinskys "Der König Kandaules" derselben Regisseurin verantwortlich. 2006 wurde in Bonn eine von Hrdlicka gestaltete Plastik des Komponisten Robert Schumann enthüllt, im Mai dieses Jahres wurde eine von Hrdlicka geschaffene Skulptur der 1998 seliggesprochenen Ordensfrau Schwester Restituta Kafka in der Barbarakapelle im Wiener Stephansdom aufgestellt. Ehrungen nahm Hrdlicka prinzipiell nicht an. (APA)
Der
Wiener Bildhauer liebte die Widersetzlichkeit und die ganz großen
Brocken: Er etablierte seine skulpturale Kunst in der Öffentlichkeit
Politiker zum Tod Alfred Hrdlickas
Häupl: "Wien verliert einen großen Künstler und eine starke Stimme gegen den Faschismus"
"Ab mit ihm in den Häfen" zu Haider - "Wünsche Dir Nürnberger Rassengesetze an den Hals" zu Biermann
Bildhauer wurde 81 Jahre alt - Krieg, Gewalt und Faschismus im Mittelpunkt seines Werks
Ich denke Hrdlicke hats nicht so mit der körperlichen Unsterblichkeit, sein Werk bleibt ja: aber: "Wenn ich tot bin, mir soll mal Einer mit Auferstehung oder so kommen: ich hau ihm Eine rein!"
Noch
1967 nannten die sich "Liga gegen entartete Kunst". Damals haben die
alten und neuen Nazis noch nicht so elaborierte Anstrengungen
unternommen ihre Gesinnung in der Oeffentlichkeit mit Ausdruecken wie
"heimattreu" und dergleichen zu beschoenigen. Wahrscheinlich waren sie
aber einfach nur ungeschickter. Der braune Sumpf ist aber immer noch
gegenwaertig, wenn auch (wenig) besser getarnt.
Gerade deshalb waren Kuenstler wie Bernhard und eben auch - trotz
aller Kontroversen - Hrdlicka so wichtig und ist daher auch das Fehlen
legitimer Nachfolger so erschuetternd!
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