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Secession: Alois Mosbacher, Carola Dertnig, Bernhard Fruehwirth

Wilde Waldbewohner

Von Brigitte Borchhardt-Birbaumer
Die neue Werkserie von Alois Mosbacher, um die 80 Arbeiten - Malerei und Zeichnung - im Hauptraum der Secession, befasst sich (bis 20. Juni) mit der Landschaft, genauer mit dem Wald und seinen Bewohnern; aber nicht nur: es ist auch eine erstaunliche Manifestation der bleibenden Auseinandersetzung des Künstlers mit Perspektive (keine zentrale, sondern eine frei ellipsoide, wie sie die Antike bereits kannte), Farbe und Gestik, aber auch mit sich auflösenden abstrakten Strukturen und tropfenden, sich verselbständigenden Spurenrinnen.

300 Jahre Wiener Zeitung! "Out There" nennt er seine in mehreren verbergenden Winkeln moosgrün gestrichener Stellwände platzierte Werkgruppe, die durch Anregungen von Computer-Fantasyspielen um das ritterliche Mittelalter, Räuberlegenden (aber auch Refugien für Terroristen wie den Unabomber) und sonstige Außenseiter, weiße Frauen (Traumbräute), wilde Menschen (wie wir sie von Altdorfer und aus der Renaissance kennen) oder einfach nur achtlos zurückgelassene Gegenstände wie Möbel und Taschen oder schlichte Wanderer (Walker) und Arbeiter thematisieren.
Der Wald ist also immer nur fälschlich assoziativer "Locus amoenus" für jeden einzelnen Betrachter und so können die Wandgassen leicht zur Bedrohung oder aber zur Forschungsstätte werden. Sprache und virtuelle Computerspiele bilden eine Ebene, die Streifzüge durch die Kunstgeschichte und die eigenen Assoziativketten eine andere, und selbst in der Vielteiligkeit mancher Bilder oder Zeichnungen ist dann wieder die Hauptebene erreicht: die des Machens, der Malerei an sich.
Interessant ist die Parallelaktion zu Giorgione im Kunsthistorischen Museum: Auf den ersten Blick lassen sich die im Wald kämpfenden, wandernden und hausenden Außenseiter- oder Spielgruppen von Mosbacher ebenso wenig lesen wie die "Tempesta" des Renaissancemalers. Und auch bei Giorgione ging es bei allen altertümlichen maltechnischen Reminiszenzen um eine neue malerische Grundauffassung. Zur romantischen Idylle kommt die alte Angst vor dem Dickicht des Waldes, das Synonym einer wilden unbehausten Natur ist.
In diese trägt Mosbacher nun die Versatzstücke unserer Zivilisation, den Müll, die neuen Ritter aus dem Internet. Kostüm und Rollenspiel steht der Kulisse eines möglichen Verbrechens gegenüber: Der utopische Fluchtraum ist auch Tatort, aber vor allem Ort der Malerei: einer dynamisch, frischen, sehr präsenten Malerei.
In der Galerie hat Carola Dertnig eine Toninstallation mit malerischen Zeichnungen und einer architektonischen Intervention aus Holz verbunden. Hier gibt es keinen Wald, aber der Geruch von Holz verbindet scheinbar; die Tonspur gibt in einem Monolog Interviews von Zeuginnen des "Uniskandals" um die Performance "Kunst und Revolution" 1968 wider - teils umgeschrieben, überschnitten, weist Dertnig auf die von den Teilnehmern und in der Kunstgeschichte dabei unterdrückten Rollen der Frauen im Wiener Aktionismus hin: der zweite Boden ist Anspielung darauf und Bühne zugleich.
Im Grafischen Kabinett hat Bernhard Fruehwirth mit der Anhäufung einer Böschung aus Erde mit toten Winterpflanzen nicht nur eine neue Situation geschaffen, auch der Geruch verunsichert: noch einmal die Müllhalde, der Ort des Verbrechens? Zum Biotop kommen Zeichnungen und der Ton und Luftstrahl eines Föns sowie das Geräusch eines ablaufenden Tonbandes - dazu der zur Metallschlange befremdlich transformierte Handlauf im Stiegenhaus. "Reelle Duelle" spielt wieder anders mit den Bedeutungsebenen: in die Secession ist auf allen drei Ebenen Naturerfahrung eingezogen. n

Erschienen am: 02.06.2004

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