Podium: "Belgrad - Wien - New York"
New York hat Nasenbluten
Von Claudia Aigner
Eine Frau hat in einem Bett in New York, von CNN unbemerkt,
Nasenbluten. Tut sicher auch weh. Aber die Weltöffentlichkeit kann sich
nicht um alles kümmern. Noch bis 31. Jänner sind im Podium
(Westbahnstraße 33, Cafe, Bar und Restaurant) die Wände blutig. Mehr oder
weniger dezent. Man schaut ja auch mit den Augen (essen tut man damit ja
sowieso). Und wo doch heutzutage schon ein Steak, das zu stark blutet,
Lokalverbot bekommt und folglich in einem Restaurant auch zu viel Blut an
den Wänden als geschäftsschädigend gilt, halten sich Felix Friedmann,
Markus Krottendorfer und Stephan Schwarz eben mit ihrem Hämoglobin zurück.
Auch wenn Gewalt ihr Thema ist. "Belgrad - Wien - New York." Felix
Friedmann hat sein Objektiv auf einen "unverfänglichen" Teil von New York
gerichtet (bewusst nicht in Richtung des gefällten World Trade Centers).
Nichts deutet darauf hin, dass der 11. September schon vorbei ist, dass
also der Satz "Sie haben eine Flugreise nach New York gewonnen" bereits
unter "gefährliche Drohung" fällt. Und man sich vor den "Schadstoffen" in
der Luft namens Boeing 767 mehr fürchtet als vor CO2 und CO. Ein subtiler
Kunstgriff: Im Foto links davon herrscht trügerische Bettruhe. Der
entspannt daliegenden Frau (das könnte genauso gut die Gelassenheit einer
Toten sein) kommt nämlich Blut aus der Nase. Aber das Leintuch ist so
harmlos blau wie der Himmel über der 40. Straße daneben. Hätte Friedmann
plakativ sein wollen, dann hätte der Freiheitsstatue das Blut aus einem
Nasenloch rinnen müssen. Mit der Botschaft: New York ist nur ein bisschen
angeschlagen, hat nur ein bisschen Nasenbluten. Ein Regenmantel
schützt nicht vor Raubüberfällen. Auch dann nicht, wenn es regnet, während
man von bösen Buben zusammengeschlagen und ausgeraubt wird. Markus
Krottendorfer wurde an einem Regentag in Belgrad von drei Jugendlichen (im
O-Ton: "Don't forget the Serbs, motherfucker!") krankenhausreif geprügelt.
Und reagierte darauf drei Wochen später mit einem Fotoselbstporträt mit
"verblutetem" Regenmantel. Der blutbesudelte Mantel hängt charismatisch
und wie ein zweites Ich ("das Opfer") auf einem Kleiderhaken neben dem
Künstler. Geschickt gemacht. Weil hinter jeder Gewalttat und jedem
"flächendeckenden" Krieg immer auch lauter persönliche Schicksale stecken.
Dass der Überfall in Belgrad und noch dazu kurz nach dem 11. September
passiert ist, heißt aber nicht notgedrungen, dass der Österreicher ein
irrtümliches Opfer des Antiamerikanismus ist. Obwohl jeder "Westler" (wie
auch bald schon jeder "Ostler") irgendwie eh ein Amerikaner ist, wobei die
Initiation ja bei McDonald's stattfindet: "Nehmt und trinkt mein
Coca-Cola, das ist mein Amerika! Nehmt und esst, das ist meine Esskultur!"
Von Stephan Schwarz: ein plastischer Arm, von dem ein Röntgenbild
eines Koffers (mit Schusswaffe) baumelt. Jeder Besitzer von Handgepäck ist
ein potenzieller Terrorist. Sehr suggestive Arbeiten.
Erschienen am: 27.12.2001 |
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