31.01.2003 20:23
Das Lachen der Inge Morath
Herbstfest in Slovenj Gradec: In Trachten gekleidete Paare tanzen am
Dorfplatz im Kreis, es wird gejuchazt, das Akkordeon spielt ...
... eine fröhliche Melodie. Mitten unter ihnen das
zierliche Persönchen, das mit gezücktem Fotoapparat den Volkstanz mitzutanzen
scheint, sich beim Knipsen und Schauen im Takt mitbewegt und über das ganze
Gesicht strahlt.
Im Alter von 78 Jahren kehrte die Fotografin Inge Morath
in ihre Heimat, ins steirisch-slowenische Grenzland zurück, sie begegnete der
Folklore ebenso wie der Natur und den Menschen mit ihrer Vergangenheit. Regina
Strassegger hat sie begleitet, das Dokument zeigt der ORF am Sonntag um 23.15
Uhr (auf 3sat um 21.15 Uhr).
"Sie lacht immer, das war das Gefühl ihres
Lebens", erzählt Moraths Mann, der Schriftsteller Arthur Miller. Aber wie soll
man auch sonst reagieren angesichts von Begegnungen, die sich in etwa so
abspielen: "Ihr Mann, wie heißt der denn?" "Arthur Miller." "Da sind Sie die
berühmte Fotografin? Frau Miller, wollen Sie sich niedersetzen?"
Obwohl
sie sich in Amerika immer wohl fühlte, war Morath zeit ihres Lebens eine
Emigrantin mit Heimweh. Die Heimkehr schildert Strassegger voller glücklicher,
schmerzvoller und manchmal eben auch lustiger Momente.
"Erdbeeren,
Himbeeren, Ribisel. Was haben wir da noch?" Inge Morath gibt Sprachunterricht in
einem slowenischen Bauernhaus. Einer der Lernenden zeigt auf das bunte
Tischtuch: "Blumen, Blumen, Blumen!" Wieder allgemeines Gelächter.
In
ihrem 90-minütigen Porträt gelingt es Strassegger, Neugier, Interesse und
Lebensfreude der Inge Morath zu verdeutlichen. Ebenso wie die schwierige
Geschichte der Grenzregion am Beispiel eines Einzelschicksals.
Drei
Monate nach dem Herbstfest starb Morath. Dem trauernden Ehemann bleibt unter
anderem ein Foto von einem 400 Jahre alten Weinstock in Marburg: "Er trägt noch
Früchte", staunt Miller. (prie/DER STANDARD, Printausgabe, 1./2.2.2003)