"Natürlicher Alterungsprozess"

Was passiert mit dem Skulpturengarten beim Berliner Reichstag?


Mit dem Fall der Mauer scheint auch der künstlerische Protest dagegen seine Rechtfertigung verloren zu haben. Bunde und Land Berlin wollen jedenfalls einen 1961 errichteten Skulpturenpark in unmittelbarer Nähe des Reichstags nicht erhalten. Ben Wargin, damals beteiligter Aktionskünstler, will sich dem Votum einer für Kunst im Parlamentsviertel zuständigen Bundestagskommission nicht beugen. Er kämpft für die Sanierung der vom Verfall bedrohten Skulpturen.

Initiator: Karl Prantl

Die ursprünglich 24 Werke aus Granit, von denen 19 erhalten sind, waren im Winter 1961 im Rahmen eines Bildhauer-Symposiums entstanden und sollten auf die Unmenschlichkeit der Mauer hinweisen. Sie befinden sich auf einer in der Nähe der damaligen Mauer gelegenen Grünfläche zwischen dem Haus der Kulturen der Welt und dem Reichstag. "Das war 1961 praktisch Niemandsland", erzählt Wargin. Die Künstler aus mehreren Ländern, darunter der Initiator Karl Prantl, Walter Steiner und der "documenta"-Teilnehmer Gerson Fehrenbach, hätten das Gelände spontan als "Open-Air-Werkstätte" genutzt und ein "Kunsthappening" gegen die Mauer veranstaltet.

Neukonzeption

40 Jahre später ist der Innere Spreebogen Teil des Regierungsviertels, und der Skulpturenpark befindet sich in unmittelbarer Nachbarschaft zum Kanzleramt. Der Bedeutung des Ortes entsprechend wird die zwischendurch als Grillplatz genutzte Grünfläche nun zu einem repräsentativen Park umgestaltet. Wege werden angelegt, Treppen gebaut, ein Parkplatz soll in die Landschaft eingefügt werden.

Nicht in die Aufwertung des Geländes inmitten der neuen Schaltzentrale der Republik einbezogen sind jedoch die von den Bildhauern damals "für ein Mini-Honorar gestalteten Kunstwerke", beschwert sich Wargin nun. Sie sind sichtlich von Witterung und Vandalismus gezeichnet. Bemoost, umgestürzt oder zerbrochen müssten sie dringend hergerichtet werden.

Wargin und die Berliner Stiftung für Bildhauerei, die sich der Sache angenommen hat, fordern nun, der Verwahrlosung ein Ende zu setzen und die Skulpturen zu sanieren. Das würde nach Schätzungen der Stiftung rund 160.000 Mark (81.807 Euro/ 1.1 Mio. S) kosten. Einer Wiederherstellung der Kunstwerke steht jedoch das Votum des "Kunstbeirats Spreebogen" entgegen. Diese für Kunst im Parlamentsviertel zuständige Bundestagskommission beschloss im Mai 1999, die Skulpturen dem "natürlichen Alterungsprozess" zu überlassen. "Das heißt sie werden nicht saniert", bestätigte eine Sprecherin der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung.

Interventionen

Um den Verfall des Skulpturenparks zu stoppen, hat Wargin seine Kollegen von 1961 kontaktiert und will einen "Anwalt einschalten". Schließlich seien die Skulpturen und die damit zusammenhängenden Rechte weiter im Besitz der Künstler. Kaufverträge mit der Stadt habe man nie abgeschlossen. Wargin rechnet nicht damit, dass die Bundestagskommission ihre Entscheidung korrigiert, aber zusehen, wie die Skulpturen verfallen und von dem "Blech" der Autos auf dem neuen Parkplatz eingepfercht werden, will er auch nicht. Notfalls will er sich mit seinem Anliegen an einen prominenten Nachbarn wenden und mal "dem Bundeskanzleramt einen Besuch abstatten".

Der österreichische Bildhauer Karl Prantl, Begründer der seither an vielen Orten veranstalteten Bildhauer-Symposien und Mitinitiator der Berliner Aktion von 1961, hat seine Konsequenzen bereits gezogen und angekündigt, er werde notfalls seine Skulptur abtransportieren lassen.

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Berlin
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Bau und Fall der Mauer
August 1961

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