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Kunstsinnig

Sadismusorgane

Von Claudia Aigner

300 Jahre Wiener Zeitung!Dass Schönheit eine Zumutung ist, weiß ich spätestens, seit mich meine Barbie traumatisiert hat (oder waren's die Wonder-Bras, die Hebe-stopf-quell-"na hüpft's schon raus ihr zwei"-BHs?). Denn Schönheit beleidigt die inferioren Wesen, die sich ihrer Inferiorität bewusst sind. Letzteres stammt nicht von mir. (So was Beleidigendes würd' ich ja nie über mich sagen.) Ein gewisser Louis Réau wollte sich damit vielmehr die mutwillige Zerstörung von Kunstwerken (wozu wir, wenn wir intellektuell aufgelegt sind, Ikonoklasmus sagen) erklären.
Aber schwenken wir um zu Ganymed, der seiner unwiderstehlichen Anmut wegen eine steile Karriere gemacht hat vom Schönsten der Sterblichen zum Kellner der Götter. Was hat Rembrandt ihm doch angetan! Der Adler (wir wissen: der vielverliebte und vielgestaltige Zeus) muss sich da abrackern mit einem babyspeckigen Kerlchen, das vor lauter Plärren schon ein ganz matschiges Gesicht hat und das sich auch noch in die Gegend hinein "dehydriert". Ohne Umschweife: Ganymed macht sich an und entschwebt nicht graziös beschwingt ins Himmelblau. Was, bitte schön, sollte das anderes sein als eine ganz hinterfotzige, nämlich produktive und nicht destruktive Form von Bildersturm und Vandalismus? (Gut, er wurde später als Tierkreiszeichen "Wassermann" in den Himmel versetzt. Aber darf er deshalb blasenschwach sein und feuchtfröhlich Wasser lassen? - Ganymed, mein' ich, nicht Rembrandt.)
Ist das im Prinzip nicht dasselbe wie der Anschlag auf einen der appetitlichsten Hinterteile der Kunstgeschichte, auf die "popogewordene" Venus von Velazquez? Zugegeben: Als Mary Richardson am 10. März 1914 in der National Gallery in London eine "Vorhand" hatte wie Norman Bates, sprach aus ihr nicht der Pfirsichhinternneid, sondern der Feminismus. Die makellose Schönheit, auf die wir bis in unsere Sadismusorgane hinein (die Hände) wütend sind, kommt trotzdem von Raffael, Modigliani, der Firma Matell und der "Vogue", und Tatsache bleibt: Viel mussten die Schönen in der Kunst schon einstecken. Hängebäuchige verspüren vermutlich nur noch den einen Wunsch: Dem David vom Michelangelo wenigstens die Spitze vom zweiten Zeh des linken Fußes abzuschlagen (weil sie höher eh nicht raufkämen). Der glücklose Künstler Pietro Cannata, der besagtem David am 14. September 1991 eine solche Pediküre mit dem Hammer verabreicht hat, gab die Eifersucht immerhin zu. Freilich war er nicht dem David neidig (wegen dem Waschbrettbauch), sondern dem Michelangelo (wegen dem Erfolg). Und somit beweisen meine Ausführungen - nichts.
Nur eins noch: Das Ideale ist Massenware (Plastikpupperln, Supermodels), das Unvollkommene einzigartig. So, jetzt fühl' ich mich besser. Phu.

Erschienen am: 04.06.2004

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