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29.07.2005 - Chronik / Österreich
Freiluft statt Museum: Kunst geht auf die Straße
VON ULRIKE WEISER
Let's Go Outside. Mit (etwas) Verspätung entdeckt Wien die Kunst im öffentlichen Raum. Ein Überblick.

Wien. Städte, vertikal und ohne Wände, sind nicht für die Ewigkeit geschaffen - eher für eineinhalb Monate. Und so wird ab Montag die "add on - 20 Höhenmeter"-Skulptur am Wallensteinplatz, Brigittenau, wieder abgebaut.

"Das Ganze wird eingepackt und gelagert, ob wir es nocheinmal machen, wissen wir noch nicht", sagt Martin Rieper, Teil des Architekten-Trios Rieper, Peter Fattinger und Veronika Orso. Mit "das Ganze" meint er die sechs Etagen hohe, begehbare Gerüstskulptur mit Whirlpool, Schlafkojen, Panorama-Café und Garten, die es in den vergangenen Wochen zum Publikumshit schaffte: Über 17.000 Besucher zählte man am Wallensteinplatz. Großteils Menschen, die man im Museumsquartier oder Künstlerhaus nicht antreffen würde, wie Rieper meint - "viele Kinder mit ihren Eltern im Schlepptau". Für die Künstler eine neue Erfahrung: "Der Vermittlungsaufwand ist sehr hoch, es wurden viele Fragen gestellt, wir mussten viel erklären, einfach da sein", erzählt Rieper. Etwa auch, um die kaputte Flasche wegzuräumen, die während des Gesprächs irgendwo im Hintergrund zu Bruch geht.

"Mehr Vermittlung" fordert auch Roland Schöny von der Kunst, wenn sie das Museum verlässt. Schöny ist Kurator des im Vorjahr gegründeten Wiener Spezial-Fonds, der vom Budget der Stadtplanung und des Wohnbaus gespeist wird; jährlich stehen 800.000 € zu Verfügung; "Add on" war die erste große, vom Fonds finanzierte (80 Prozent der 120.000 € übernahm der Fonds, 20 der Bund) temporäre Intervention. Jährlich soll ein spektakuläres, zeitlich begrenztes Projekt folgen: "Das werden keine kleinen Aktionen mit Farbklecksen sein, sondern etwas, das der Dimension der Stadt entspricht", sagt Schöny. Das nächste Projekt werde "in die Horizontale" gehen: "Mehr kann ich noch nicht sagen." Konkreter sind die Pläne für die permanenten Installationen, drei bis vier große pro Jahr sind geplant:
[*] So soll der Durchgang unter dem Karlsplatz, die sogenannte West-Passage, im Rahmen des Umbaus anlässlich der U2-Verlängerung zu einer 120 Meter langen Kunstmeile werden. Wesentliches Gestaltungselement sind die in der Wand eingelassenen Vitrinen. Derzeit arbeiten zehn geladene Künstler an Entwürfen, der fünfköpfige Fonds-Beirat wird im September entscheiden, die Umsetzung soll bis Juni 2006 abgeschlossen sein.
[*] Am Morzinplatz ist ein Mahnmal für homosexuelle und transgender Opfer des Nazi-Regimes geplant. Das Ergebnis des Wettbewerbs wird im Oktober erwartet.
[*] Auch der Südtirolerplatz erhält - auf Wunsch des Bezirks - "ein Objekt im weitesten Sinn" (Schöny). Arbeitsbeginn ist im Herbst.

Wenn jetzt der Eindruck heftiger Aktivität entsteht, täuscht das etwas: Mit der Liebe zur öffentlichen Kunst ist Wien spät dran: "Hamburg und München haben gegenüber Wien zehn Jahre Vorsprung", sagt Schöny. Das Förderungs-Konzept hat man übrigens von Niederösterreich übernommen - allerdings ist der Fonds dort gesetzlich verankert.

Derzeit, sagt Schöny, laufe die Realisierung der Projekte noch zäh: "Dadurch, dass so viele Magistratsabteilungen beteiligt sind, sind die Abläufe kompliziert." Auch die Bezirke rennen dem Beirat noch nicht die Tür mit eigenen Platzierungs-Vorschlägen ein. Ein möglicher Grund: Nicht die Bezirksvorstehung, sondern der Beirat entscheidet über den Künstler. "Wir sind aber keine Kunstpolizei", stellt Schöny klar. Es gehe vielmehr darum, die Entstehung von öffentlicher Kunst zu professionalisieren.

So gut "Add on" angenommen wurde, so erleichtert werden manche Anrainer über das Ende sein: Laut Bezirksvorsteher-Stellvertreter Hannes Derfler gab es "etwa ein Dutzend Beschwerden wegen Lärms"; schuld waren vor allem nächtliche, wenig melodische Musik-Experimente. Die Folge: Derfler bereitet einen Brief vor, der die Anrainer über die Event-Pläne am Wallensteinplatz ins Bild setzen soll. Und Schöny will Nachbarn temporärer Installationen intensiver informieren. Die Lehre, auf Sound zu verzichten, könne man jedoch nicht ziehen, so Schöny. Aber es brauche - "mehr Vermittlung".

www. add-on.at

www. publicartvienna.at

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