1928-2009

Alfred Hrdlicka gestorben

06. Dezember 2009, 19:18
  • Artikelbild
    vergrößern 500x936

    Klassenkämpfer in Widerstandspose: Alfred Hrdlicka 1988 vor dem "Mahnmal gegen Krieg und Faschismus" auf dem Albertinaplatz.

Der Wiener Bildhauer liebte die Widersetzlichkeit und die ganz großen Brocken: Er etablierte seine skulpturale Kunst in der Öffentlichkeit

Der streitbare Proletarier mit marxistischem Hintergrund polarisierte verlässlich.

Wien - "Das sind nette Scherze", verbat sich Alfred Hrdlicka 2008 den Versuch, ihm zum Achtziger das österreichische Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst umzuhängen. Nur Spott hatte er für solche "Kinderspiele" übrig; Geld für weitere Projekte, danach dürstete es den ewig Durstigen, der das in ihm wütende Höllenfeuer zeitlebens mit Feuerwasser begoss.

Und so spuckte das "wüste Kaliber" meist Gift und Galle, kokettierte mit seiner Unausstehlichkeit ("Ich bin nun einmal ein Mann des Widerstands"), liebte die Extreme (vom "letzten Steinzeitmenschen" bis zum "letzten Stalinisten") und die Superlative: "Gegen mich ist Rodin ein lieber Künstler". Oder: "Ich war einmal der Größte, das können Sie mir glauben", versicherte der Koloss, den das Ringen mit dem Stein kurzzeitig in den Rollstuhl zwang - ganz so, als hätte er sich selbst die Brocken für seine handwerklich virtuose Arbeit abringen müssen.

Aber der zum künstlerischen Titan Mythologisierte hatte noch Pläne und nicht die Absicht, Ruhe zu geben: "Ich bin eine Ruine", resignierte Hrdlicka in einem Moment, um im nächsten eigensinnig zuversichtlich hinzuzufügen: "Ich muss wieder fit werden".

Jedes Interview und jedes Gespräch habe ihm wieder Auftrieb gegeben, erzählt Ernst Hilger, seit 1971 Galerist Hrdlickas, dem Standard. "Es ist keine drei Monate her, dass er bei mir in der Galerie saß", erinnert dieser sich. Er sei allerdings schon sehr schwach gewesen, habe fast nichts mehr gesehen: "Er war ein Zusatzvater - mit allen Vor- und Nachteilen".

Mehr Gefallen als an schnöden Ehrungen und Titeln - zuletzt war Hrdlicka dreifacher Professor - fand der österreichische Bildhauer 2008 an den Ausstellungen zu seinem Geburtstag - die größte fand allerdings nicht in Österreich, sondern in Schwäbisch Hall statt: "Die Deutschen kennen mich besser."

Genugtuung gab ihm aber auch die Inszenierung seines stets den gepeinigten, leidenden Menschen ins Zentrum stellenden bildnerischen Schaffens auf dem Albertinaplatz; also justament dort, wo sein "Mahnmal gegen Krieg und Faschismus" (1988/91) 20 Jahre zuvor ärgste Kontroversen ausgelöst hatte und er jahrelang Kritik der giftigsten Art einstecken musste. Ein Werk, das nicht zuletzt den Verlust des Bruders, der vor Leningrad gefallen war, verarbeitete: "Die ganze Kriegsspielerei empfinde ich als einen unglaublichen Leichtsinn".

Gegen jede Obrigkeit

Hrdlickas politischer Geist wurde schon in frühester Kindheit geschärft: Als der kommunistische Vater von den Nazis gedemütigt und verhaftet wurde, wurde dem 1928 in Wien Geborenen klar, "dass die Obrigkeit das größte Verbrechertum ist, das es gibt." Zeit seines Lebens war er bekennender Marxist, obgleich er 1956 die KPÖ verließ. Neben großen Steinen klopfte er immer auch große Worte: "Der Kapitalismus, das muss man feststellen, hat versagt."

Nach einer Zahntechnikerlehre schloss Hrdlicka 1945 sein Studium der Malerei an der Akademie der bildenden Künste ab, um danach in die Bildhauerklasse Fritz Wotrubas zu wechseln. 1964 vertrat er Österreich bei der 32. Biennale von Venedig. Besonders wichtig war Hrdlicka stets der öffentliche Raum: "Meine Skulpturen sind dazu da, von allen gesehen zu werden", zitiert Hilger ihn. Es ärgerte ihn, wenn die Museumsdirektoren die vom Vorgänger erworbenen Werke in den Keller verbannten.

An- und Aufreger sollten seine Werke sein. Und das waren sie. Wilde Erregung 1963, als sein Orpheus für das Kleine Festspielhaus angekauft wurde. Eine "Liga gegen entartete Kunst" fand sich zusammen, als man 1967 sein Renner-Denkmal enthüllte. In Berlin ärgerte man sich 1970 über den "Plötzenseer Totentanz", in Hamburg über sein Gegenstatement zum Krieger-Ehrenmal. Es blieb unvollendet. 1986 verhöhnte er im Präsidentschaftswahlkampf Kurt Waldheims vermeintliche SA-Mitgliedschaft mit einem hölzernen Ross.

In dieser Reihe ist es fast als Kompliment anzusehen, dass sich in die Ehrungen 2008 neuerlich ein Skandälchen mischte: Das Dommuseum ließ sein homoerotisches "Letztes Abendmahl" - auf innerkirchliche Proteste reagierend - nachträglich aus der Ausstellung zum Religiösen in Hrdlickas Werk entfernen. Aber war Hrdlicka religiös? Er war bibelfest. Das Buch der Bücher sah er als Krimi an, dem er spannende Geschichten entlieh.

"Mir ist das Überleben wichtiger als die Unsterblichkeit", sagte Hrdlicka mehr als nur einmal. Am Samstag ist Hrdlicka 81-jährig in Wien gestorben. (Anne Katrin Feßler / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7./8.12.2009)

Robert Newalds Photoblog: Zur Erinnerung an Alfred Hrdlicka

druckenweitersagen:
posten
25 Postings
harald ecke 
07.12.2009 10:18
.
[5]
.
Gestern ein Flash-Mob vorm Mahmal (Albertina)

Salzburger Studenten veranstalteten eien Falshmob in Kostümen. Ein Krampus, Mozart (selber Sterbetag, wie Hrdlicka) und ein Priester (Originaltalar). Es ging um Bildung, war also eine Trauerfeier mit politischem Protest. Mehr dazu in meinem Post unte Bildung>Uni.
Ein Stream sollte bereits abrufbar sein. Empfehle unsereuni.at
Die Aktion hätte dem Künstler gefallen, so manche Publikumsreaktion hätte er zum Kotzen gefunden.

pietätlose deppen!

wieso glaubst, ein flashmob hätte hrdlicka gefallen? - das hätte ihm sicher nicht gefallen! er hätte sich gegen die vereinnahmung seiner kunst durch so einen oberflächlichen gschnas gewehrt! - das kann er jetzt aber - wenige tage nach seinem tod - nicht mehr.

07.12.2009 09:41
.
[4]
.
Unbeugsam...

...sowohl im Guten wie im Fragwürdigen.

Künstlerisch stand er längst abseits des aktuell anerkannten. Undenkbar, dass er eine Werkretrospektive in einem führenden zeitgenössischen Museum erhalten hätte. Dafür war absurderweise nur mehr im ehemals reaktionären Künstlerhaus Platz.

Seine kräftigen und aufdringlichen Skulpturen entsprachen seiner schwierigen aber starken Persönlichkeit ebenso wie seinem übertrieben zelebrierten "Stalinismus", einem Irrwreg, den er selbst nie erleben musste. Als Pole, Tscheche oder Ostdeutscher hätte dieser geborene Oppositionsmensch vielleicht ebenso zu den Dissidenten gezählt wie er dies in Österreich so gerne gewesen wäre.

Österreich hat ihn gebraucht und am Ende
auch verdient.

anton-aus-tyrol 
07.12.2009 09:13
.
[1]
.
Ein großer Künstler!

Polarisierend! Warum auf dem Mahnmal am Albertinaplatz alle nackt sein müssen, werde ich nie verstehen, aber die Gesamtidee, wie auch der "Schreibtischmörder" sind absolute Geniestreiche...

RIP

07.12.2009 09:07
.
[4]
.

Ist ja hochinteressant, dass beim liberalen Standard jegliche Hinweise auf Hrdlickas Antisemitismus zensuriert werden... Stichwort "Affäre Biermann" 1994.

Horst Schlemmer
07.12.2009 08:40
.
[1]
.

seine politischen ansichten waren absolut nicht mein
fall.
aber ich verneige mich vor einem großen künstler.

Igor Gassner
07.12.2009 08:09
.
[1]
.
Der letzte ware Kommunist

Gott sei seiner armen Seele gnädig

ein sehr guter Bildhauer

Theodor Rahm-Schnitzl
07.12.2009 07:48
Ein supa Foto

Vielen Dank Standard!

sabine reiterli
07.12.2009 07:39
.
[12]
.
Vorgeblich gegen Krieg und Gewalt, aber dann die kommunistische Ideologie des Staatsterrors

und der systematischen Massenwarmut propagieren.
Das nenne ich idealistierte Privatideologie.

10 dag Meinungswurscht - dünn aufschneiden bitte! 
07.12.2009 03:39
.
[1]
.
Für mich der wichtigste zeitgenössische Künstler den dieses Land hat(te) ...

Alle Auszeichnungen abzulehnen - das schätze ich sehr ...

Ultrastalinist, Extremlinker, Widerständler, Kratzborstiger Kraftmensch ... kann man etwas Schöneres über jemanden sagen?

P.S.: Schade, dass ich seine große Werkschau im Künstlerhaus vergangenes Jahr nicht sehen konnte!

07.12.2009 01:01
.
[2]
.
ein großartiger Künstler ist gestorben

ich freu mich schon auf die Verwindungen der Bourgeoisie - denn unkommentiert kann mann /frau den Tod Alfred Hrdlickas wohl kaum lassen.

mein herzliches Beileid seinen Freundinnen und Freunden

07.12.2009 00:08
.
[9]
.

Hrdlicka war ein großer Geist und ein herausragender Künstler. Wir verlieren viel an ihm.

Dein schönster Traum
06.12.2009 23:27
.
[2]
.
Schade...

...daß er Stalinist war.

Trotzdem bin ich traurig, daß ein Künstler und Mensch von uns gegangen ist.

Danke, Hr. Hrdlicka, für die Bereicherung des kulturellen Lebens.

Heiner Bussy 
06.12.2009 22:32
.
[37]
.

Jetzt könnten wir es ja eigentlich wieder wegräumen, das scheussliche Denkmal...

07.12.2009 10:44
.
[1]
.
Denk mal

es tut nicht weh

07.12.2009 08:26
.
[3]
.

1. denkbar falscher zeitpunkt für herabwürdigung der werke hrdlickas.

2. nur, weil sie was nicht kapieren, ist es nicht scheußlich (sie dürften ja die s-schreibung auch nicht kapieren, ist wahrscheinlich auch scheußlich).

07.12.2009 01:43
.
[1]
.

...verkündet der Vorsitzende der "Liga gegen entartete Kunst".

Aber man muss dankbar sein. Der Nährboden großer Künstler hierzulande ist der weit verbreitet kleine Geist.

Tellthetruth
07.12.2009 01:14
.
[13]
.
Se san a W*ppl*!

Und Sie waren nie etwas anderes und werden nie etwas anderes sein.

Der Hrdlicka war ein Halbgott gegen Ihresgleichen.

Absolut nicht mein Ding, seine Ansichten in den meisten Hinsichten, aber aufrecht, wacker und unerschrocken.

Der Mann wird mir auf seine Art abgehen wie Peter Ustinov und Marcel Prawy und Jean-Paul Sartre, als ein Stück der alten Welt.

Ihresgleichen?

Geschnupft. Ins rechte Nasenloch.

06.12.2009 23:57
.
[7]
.
Welches Denkmal stört Sie?

Sind Sie vielleicht am Denkmal angerennt und haben Nachwirkungen davon?

Kinder von 12 bis 14 lesen hier
06.12.2009 20:09
.
[19]
.
Die drittklassige Journaille berichtet mit über 14h Verspätung.

07.12.2009 09:14
dann gehens doch bitte

den forumbesuchern der erstklassigen journaille auf die nerven. da könnens jederzeit mit einem vorzeitigen nachrichtenerguss rechnen, wenns den so dringend brauchen :)

Tellthetruth
07.12.2009 01:16
.
[2]
.
An Ihnen ist offenbar echt ein erstklassiger Journalist verloren gegangen! ;-))))))))))))))))))

06.12.2009 22:30
.
[2]
.

was soll des so er bewegt sich eh n itmehr
volle achtung vor dem grossen freien mann!!

dahofawors 
06.12.2009 21:09
.
[3]
.
hab ich mir auch gedacht

österreich berichtet irgendwo weit drinnen in den eingeweiden, und bei der krone ists ebenso

aber standard-leser klauen ja am sonntag nicht..

06.12.2009 20:11
.
[7]
.
Ist eher so

das Sie mit 24stündiger Verspätung hier reinschauen. Wohl den Tag verschlafen?

Die Kommentare von User und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.