Revolutionstheater und Beschwerdechöre
SALZBURG (SN-pac). Die Beschwerden häufen sich. In Tokio und St. Petersburg, in New York und in Wien gehen Menschen auf die Straße, um sie lautstark zu artikulieren. Verantwortlich für den weltweit geäußerten Unmut ist ein finnisches Künstlerpaar. Bei einem Spaziergang in der Winterkälte verfielen Tellervo Kalleinen und Oliver Kochta-Kalleinen vor fünf Jahren auf die Idee, alle möglichen Meckereien zu sammeln und zu einem „Beschwerdechor“ anschwellen zu lassen. Seit der Premiere in Birmingham ist die Initiative zu einem weltweit imitierten Franchise-Kunstprojekt geworden.
In einem 19-minütigen Video im Salzburger Kunstverein sind Mitschnitte der Auftritte von Beschwerdechören aus verschiedensten Städten zu sehen. Zu meckern gibt es offenbar überall viel. Zur Eröffnung der Ausstellung „Partizipation. Politik der Gemeinschaft“ war am Mittwochabend auch ein Auftritt des Wiener Beschwerdechors angekündigt.
Um künstlerische Blicke auf verschiedene Formen von Gemeinschaft geht es in der Schau. Die Übergänge zwischen künstlerischen, dokumentarischen, sozialen oder auch therapeutischen Ansätzen sind dabei fließend. So hat Johanna Billing mit kroatischen Schulkindern, die von Kriegserfahrungen traumatisiert sind, den Song „Magical World“ einstudiert. Irena Botea hat in einem „Reenactment“-Projekt die rumänische Revolution von 1989 nachgespielt. Und Ruth Kaaserer gibt in einer Diaschau Einblicke in die Gemeinschaftsgärten von New York, in denen Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen und gleichem Interesse ihre privaten Oasen verteidigen. Jüngste Community-Trends wie Facebook bleiben in der Schau hingegen ausgeklammert.
Welche Ziele Künstler beim Thema Gemeinschaft verfolgen? Von der Utopie, mit Kunst die Wirklichkeit ändern zu können, hätten sich Künstler verabschiedet, sagte Kunstvereins-Direktorin Hemma Schmutz am Mittwoch: „Sie haben erkannt, dass die Aufgabe der Kunst eher ist, Problemfelder aufzuzeigen.“ Im Rahmen der Salzburger Galerientage gibt es morgen, Freitag, mehrere Führungen durch die Ausstellung.
