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Kunstberichte
Albertina: Walton Fords "Bestiarium"-Großformate auf Papier

Brüllende Horden

Walton Fords 
"Jack On His Deathbed" aus dem Jahr 2005. Foto: Walton Ford, 
Courtesy Paul Kasmin Gallery

Walton Fords "Jack On His Deathbed" aus dem Jahr 2005. Foto: Walton Ford, Courtesy Paul Kasmin Gallery

Von Brigitte Borchhardt-Birbaumer

Aufzählung Walten Ford ist ein Star der neuen Vergänglichkeitsthematik und seine Vanitas-Stillleben sind mit Tierkriegen, Mord- und Sterbeszenen bevölkerte monumentale Papierformate. Das Tier mutiert dabei zum Menschen und gleichzeitig zu einem Memento-Mori-Rufer in Sachen Zerstörung der Natur. Nicht nur die Ausrottung der Arten, gleich die ganze traurige Geschichte der Europäer gegen die indianische Urbevölkerung in Nordamerika kann im aussichtslosen Kampf eines Bison gegen eine Horde weißer Wölfe im geordnet barocken Garten "Le Jardin" angesprochen sein.

Ford, Amerikaner Jahrgang 1960, hat mit seinem verstörend aktualisierten Rückgriff auf das wissenschaftliche Bild des Bestiariums ab dem 18. und vor allem im 19. Jahrhundert Kunstmarkt und Museen den Entdeckergeist gleich bildlich mitgeliefert. Deshalb ist er aber noch kein Konzeptkünstler – wohl eher eine neue Version des "Phantastischen Realismus" à la americana. Die Post-Avantgarde nimmt den Markt im Zeitalter der verbliebenen Ideologie des Kapitalismus ohne Umschweife an, auch die unheimliche Höhe der Preise für diese Werke bestimmt heute offenbar die Aufnahme ins Museum mit. Vielleicht sind die schillernden Berühmtheiten, die solche Bilder besitzen, wie Mick Jagger und Patti Smith, ein wenig beteiligt an den 400.000 Dollar pro Werk.

Spekulative Kulturgeschichte

Nach dem Moma und dem Whitney Museum in New York folgte das Museum für Gegenwart im Hamburger Bahnhof Berlin, das 2010 mit der Albertina kooperiert. Fords Sujets sind bereits als Weltkunst so populär, dass der Tschenverlag ein gewichtiges und auch nicht billiges Buch herausgegeben hat. Reiseliteratur und naturwissenschaftliche Bücher, aber auch literarische Ergüsse eines Ernest Hemingway über Großwildjagd werden vom Künstler in die buntfarbigen Aquarelle eingeschrieben, aber auch auf Tafeln dazu illustrierend zitiert. Es geht um Kulturgeschichte, sagt der Künstler, doch diese ist etwas spekulativ auf den Widerhall kolonialer Zeiten, auf die aktuelle Verbindung von Kunst und Wissenschaft und auf eine apokalyptische Gegenwart der Krise konzentriert. Hinter den sich gegenseitig vergewaltigenden und tötenden Tieren tauchen Brandmarkungen durch Krieg, Rodung oder Naturkatastrophen auf.

Ford macht uns in weniger grausamen Blättern aufmerksam auf das unheilvolle Importieren fremder Tierarten. Der ganze Menschenwahnsinn in barockem Geist und mit allen Ungeheuern, die schon Goya aus der Aufklärung aufsteigen sah, tritt uns entgegen – zeitbezogen ist nur die Aktualität des Bösen einer "Horde", die sich zerfleischt und erotischen Grausamkeiten verschreibt. Sehr viel witziger waren da die "Trompe l’oeil"-Attitüden einer Anita Albus, die sich in den 80er Jahren malerisch wie literarisch mit ihrem Verehrer, dem Verleger Siegfried Unseld, in die Welt der fleischfressenden Insekten katapultierte.

Ausstellung

Walton Ford. Bestiarium

Britta Schmitz, Klaus A. Schröder (Kuratoren)

Pfeilerhalle Albertina

bis 10. Oktober

Printausgabe vom Samstag, 03. Juli 2010
Online seit: Freitag, 02. Juli 2010 21:53:19

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