Die Wiener Aktionisten im Louvre
Malerei als Verbrechen steht im Mittelpunkt
Von Gerhard Stadler
Dass der Louvre, das größte Museum der Welt, der
Gegenwartskunst eine Ausstellung widmet, ist sehr selten, dass ein
Österreicher dabei als Namensgeber auftritt, erstmalig. "La peinture
comme crime", Die Malerei als Verbrechen, nannte der Wiener Rudolf
Schwarzkogler (1940 bis 1969) eine seiner Arbeiten, ein rotes Blatt mit
diesen Worten in Deutsch mit Schreibmaschine geschrieben. Und der Wiener
Aktionismus ist das zentrale Thema einer sogar das nicht prüde Paris
schockierenden Ausstellung im Sully-Flügel des Louvre. Schon ihre
Gestaltung von Régis Michel bleibt in Erinnerung: Ein Labyrinth schwarzer
Gänge, in denen nur die Objekte mit Punktlampen beleuchtet sind, sowie die
Erklärungen, was die einzelnen Künstler mit ihren Arbeiten gemeint haben
(könnten). Aber die dunklen Wege führen immer wieder zu einem zentralen,
hellen Raum, in dem Videos von Materialaktionen von Otto Mühl gezeigt
werden. Roter Faden der bei den Zeichnungen von William Blake (1757
bis 1827) und Johann Heinrich Füssli (1741 bis 1827) einsetzenden Objekte
ist der menschliche Körper, oder besser seine Denaturierung, Auflösung,
gezeigt etwa an den Gemälden mit den schwebenden Augen des René Margritte,
seine Qualen, wie sie uns Goya in seinen Kriegszeichnungen schonungslos
zeigt, seine Verwandlung zur Schlange, Spinne, zum Monster. Der Körper
ist nicht schön, er wird nicht nur dargestellt, sondern seine Gestaltung,
Verwandlung, selbst Verstümmelung, bei der man vor Blut und Gefahr nicht
zurückschreckt, ist das Objekt. Am konsequentesten in einer Zeit, in der
auch die Kunst immer mehr zu einer Ware wie fast alles andere wurde, war
der Wiener Aktionismus. Von 1960 bis 1965 war er die radikalste
Kunstrichtung, mit symbolischer Gewalt und realer Pornographie. Otto Mühl
(geboren 1925) und Günther Brus (geboren 1938) nützten zur Überlieferung
ihrer Aktionen als wahrscheinlich Erste das neue Medium des Videos -
andere Medien sind für die Übermittlung dieser Aktionen mit
Menschenknäueln auch nicht adäquat. Die Botschaft war die Katharsis aus
dem Sumpf. Und der Radikalste der Bewegung war eben Richard
Schwarzkogler, ein Autist, der bei seinen Selbstgewaltaktionen nur seinen
Fotoapparat als Zeugen zuließ. Die Fotos sind nicht schön, nicht
ästhetisch, sie schreien nicht - aber der Betrachter spürt fast selbst die
Gewalt, die sich der Dargestellte angetan hat. Die Materialien dieser
traditionell beginnenden aber radikal endenden Ausstellung, die bis zur
Aktion von Christoph Schlingensief bei der Wiener Staatsoper im Vorjahr
reicht, stammen in ihrem österreichischen Teil überwiegend aus dem
burgenländischen Zurndorf, wo vor einigen Monaten ein dem Wiener
Aktionismus gewidmetes Museum eingerichtet wurde, quasi am historischen
Ort von Otto- Mühl-Aktionen. Die Ausstellung - nach der man wenigstens
noch kurz in andere Abteilungen des Louvre, etwa mit den Jünglingen von
Canova oder den Frauen von Rubens, gehen sollte, um wieder in die Ästhetik
zurückzufinden - ist noch bis zum 14. Jänner täglich außer dienstags
geöffnet. Auskunft: www.louvre.fr.
Erschienen am: 27.12.2001 |
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