Sehr eigenständiges Werk
Er war ein großer Einzelgänger, seine riesigen Objekte, in denen Alltagsgegenstände, Babyfiguren und Naturzitate wie Kornähren oder Edelweiß symbolbeladene Arrangements bildeten, waren unverkennbar, sowohl von ihrer Wirkung wie von ihrer Größe her schwer zu übersehen. Als Universitätslehrer beeinflußte mit seiner Erweiterung des traditionellen Skulpturbegriffs eine ganze Künstlergeneration. Bis 2004 leitete Gironcoli die Meisterschule für Bildhauerei der Akademie der bildenden Künste in Wien, der er seit 1977 als Nachfolger von Fritz Wotruba vorstand. Für seine in seinem Akademie-Atelier versammelten riesigen Objekte mußte danach eine neuer Aufbewahrungsort gefunden werden. Auf Schloss Herberstein gibt es seit 2004 das Gironcoli Museum, das 35 seiner riesigen Skulpturen beherbergt. Ebenfalls 2004 entstand die öffentlich zugängliche Privatsammlung Gironcoli-Kristall als Dauerpräsentation mit neun Polyesterplastiken im Strabag Haus des Bauindustriellen Hans Peter Haselsteiner.
Nach Goldschmiedelehre Sprung an die Akademie
Bruno Gironcoli, am 27. September 1936 in Villach geboren, wuchs in Kärnten und Tirol auf. 1951 nahm er in Innsbruck eine Goldschmiedelehre auf und begann nach der Gesellenprüfung seine künstlerische Ausbildung. Von 1957 bis 1959 sowie von 1961/1962 studierte er an der Akademie für angewandte Kunst in Wien, anschließend hielt er sich in Paris auf, wo er in der Arbeit von Alberto Giacometti den wichtigsten künstlerischen Impuls für sich entdeckte.
In den sechziger Jahren experimentierte Gironcoli mit den Materialien Holz, Nylon, Eisen, Aluminium, Glas-Pech und Draht. Monsignore Otto Mauer präsentierte 1968 seine Arbeiten erstmals in einer Einzelausstellung in der Galerie nächst St. Stephan. In den siebziger Jahren schuf er Objektarrangements aus Gegenständen des täglichen Lebens wie Putzutensilien, Schuhe, Besteck und Steckdosen. Nach eigener Aussage versuchte er anfangs „Gebilde zu erzeugen, die menschliche Umrisse zeigen, sozusagen eine Art Rechtfertigung für die Existenz dieser Beschäftigung“.
Mit der Zeit verdichtete Gironcoli seine Objektarrangements zu assemblageartigen Skulpturen mit einem barocken Symbolismus. Auf den ersten Blick erinnern die mit glänzenden Metallfarben bemalten Objekte an maschinenartige Altäre, an Raumschiffe aus einer fernen Zeit oder an fantasievolle Streitwägen, die von menschlichen Leidenschaften erzählen. Immer wiederkehrende Themen in Gironcolis Skulpturen sind das Weibliche, die Mutter, Geburt, Sex, der Mann, Religion, die Suche nach Glück, das Scheitern und der Tod.
Ausstellung in fast ganz Europa
Gironcolis Arbeiten wurden u.a. in Bochum, Köln, Mailand, Bozen, Edinburgh, Leverkusen, Basel, Genf, Paris, Bologna, Frankfurt, Kassel oder Budapest gezeigt. Große Einzelausstellungen waren angesichts der Größe der Objekte aus logistischen Gründen rar. Die Anlieferung von 16 Skulpturen nur innerhalb Wiens für die Ausstellung „Die Ungeborenen“ 1997 im Museum für angewandte Kunst (MAK) konnte nur über 14 Nächte hinweg in Spezialtransportern erfolgen. Im Vorjahr hatte die Wiener Galerie Chobot in einer Ausstellung von Zeichnungen und Siebdrucken auf einen weniger bekannten Aspekt im Schaffen Gironcolis hingewiesen. Gironcoli wurde u.a. mit dem Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst und dem Großen Österreichischen Staatspreis ausgezeichnet.© SN/SW


