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Historisches Museum: "Neue Donau - Neue Welt"

Schifahren auf Weanerisch

Von Claudia Aigner

Debattieren Sie mit!Die Wiener sind eben anders als die Gscherten. Besonders an der Donau. Da schnallen sie sich ihre Schier an und lassen es sich nicht anmerken, dass sie hier doch mindestens 1.500 Höhenmeter zu tief im Flachland herunten sind und dass der Schnee zwar meterhoch ist, aber den falschen Aggregatzustand hat, nämlich flüssig ist. Dann stürzen sie sich von einer Brücke in besagten Schnee, sprich in die Donau, wohl in der Hoffnung, dass sie der Fluss schon irgendwie mitnehmen wird und dass sie, wenn sie nicht vorher aussteigen, immerhin bis zum Schwarzen Meer treiben könnten, ohne dass ihnen die Schibindung aufgeht. Theoretisch jedenfalls.
Das ist jetzt entweder "Schifahren auf echt Weanerisch" (ein Anblick, bei dem Hermann Maier einen Kulturschock bekäme) oder alles ist nur ein Missverständnis, das darauf zurückzuführen ist, dass uns ein gewisses, hinterfotziges Foto einfach nur die Sprungschanze am Ufer verschweigt. Der Schispringer, der sich da zwischen Brücke und Donau im freien Fall befindet, kommt also gar nicht von der Brücke, sondern ist ein stinknormaler Schi-Artist beim schneefreien Trockentraining bzw. "Klatschnasstraining".
"Neue Donau - Neue Welt. Fotografien aus dem Jahr 2001" (bis 20. Oktober im Atrium des Historischen Museums): Michael Zwetkoff, ein Zuagraster aus Innschbruckch, ist mit geradezu ethnologischem Enthusiasmus in der Gegend der Donauinsel auf Safari gegangen. Auch wenn er nicht der erste ist, der die obskuren Donauinsulaner entdeckt hat, so ist sein Columbus-Eifer dennoch nicht zu übersehen. (Columbus kam ja auch von außerhalb.) Und tatsächlich hat er ein paar exotische Exemplare unter den Eingeborenen aufgestöbert.
Etwa die Dame, die bis obenhin mit Essenssünden vollgestopft ist und einen Emu (?) mit zwei mageren Grashalmen füttert. Hundsgemeine Weight-Watcher-Methoden. Eine Diät, bei der man allerdings nicht die Kalorien rationiert, sondern das Chlorophyll zählt. Köstlich ist auch jener Zeitungsleser, der auf seinem Bankerl unerschütterlich der Wiener Gemütlichkeit frönt, während sich hinter seinem Rücken zwei wagemutige Trapezkünstler abstrampeln und der eine gerade seinen ganzen Optimismus zusammengenommen hat und darauf vertraut, dass er in den Armen des andern hängen bleiben wird. Der Wiener auf dem Bankerl liest derweil ungerührt das nach, was gestern auf der Welt passiert ist. Ein guter Fotograf kann eben blitzschnell entscheiden, was gemeinsam aufs Bild kommt und was er draußen lässt, um am Ende ein witziges, skurriles oder einfach nur gutes Foto zu haben. (Natürlich kann Zwetkoff auch eine halbe Stunde vor dem Bankerl auf der Lauer gelegen haben, bis sich endlich einer mit einer Zeitung und einem kaltblütigen Sitzfleisch hingesetzt hat.)
Frei nach Gertrude Steins legendär blumigem Kultsatz, den die Rosenzüchter so lieben: Der Mensch ist ein Schwein ist ein Schwein ist ein Konsument. Am Morgen nach dem Donauinselfest sieht die Donauinsel aus, als wäre gestern der Jüngste Tag gewesen und alle hätten dabei Würstel mit Senf oder meinetwegen Kebab gegessen und nur die Pferde der Apokalyptischen Reiter hätten Pooh-bags gehabt. Denn der Esser in der Öffentlichkeit lässt bekanntlich seinen Plastikbecher oder Pappteller einfach von den Lippen fallen, sobald der Becher leer bzw. der Teller abgeschleckt ist. Und das "Pappm-Sackerl" (die Windel für den Mund, die sich der Würstelstand-Barbar wie ein stationäres Speibsackerl zwischen die Backen klemmt) ist noch nicht erfunden.

Erschienen am: 15.10.2002

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